Zurückgeblättert Leichter als Luft

Mit dem Traum vom Fliegen beschäftigte sich das ZEITmagazin vom 22. September 1978

Am Anfang war der Blick nach oben: in die einfache Weite; in die komplizierte Freiheit, in die metaphysische Unendlichkeit. Und in der griechischen Mythologie ist mit der Geschichte von Daedalus und Ikarus das ganze Thema schon durchgespielt: der Vater, der mit dem kretischen Labyrinth sich und dem Sohn den Blick verstellt hat, entwirft die Flügel, mit denen sie die Freiheit wiedergewinnen werden; aber Ikarus, der Sohn, fliegt trunken vor Glück und Neugierde so hoch hinaus, daß die Wachsflügel in der Sonne schmelzen und er abstürzt. Pieter Bruegel, der niederländische Maler der großen Sinnbilder, hat in seinem „Sturz des Ikarus" dem fern über dem Wasser abstürzenden Knaben im Vordergrund einen emsig arbeitenden Bauern kontrastiert: So alt der Wunsch ist, es den Vögeln gleichzutun oder den Wolken, so alt ist auch die Vorstellung, daß solche Versuche eine Herausforderung der Götter, eine frevelhafte Einmischung in die himmlischen Angelegenheiten seien.

Der Traum vom Fliegen: Das Fliegen, der nützliche, der Daedalus-Teil der Geschichte, ist inzwischen alltägliche Realität geworden, und der Mensch, der, als einer von pro Tag einer Million, so durch die Luft reist, denkt eher an die Zoll-Zigaretten als an den Gott oder die Götter. Aber der Traum, der irrationale Ikarus-Teil der Geschichte, der ist geblieben, den hat keine Realität ausgelöscht. Warum wollen Kinder, die möglicherweise schon mehr Luft- als Erdenkilometer hinter sich haben, immer noch Drachen steigen lassen und Luftballons am langen Faden halten? Warum versuchen, im Zeitalter von „Apollo" und „Sputnik", erwachsene Menschen den Atlantik in einem Ballon zu überqueren? (Weil 17 Expeditionen vor ihnen gescheitert waren?) Und warum jubeln, wie jetzt am 16. August 1978 geschehen, andere Menschen diesen Privat-Abenteurern bei ihrer Ankunft zu und feiern die Zeitungen dieses Nicht-Ereignis seitenlang?

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Ist das Nostalgie, also jener sehnsüchtige Blick in die angeblich heile Welt der Vergangenheit? Das wäre ein zu absichtsvoller Verdacht angesichts dieser zwecklosen Gebilde, die für ein doppeltes Abenteuer gut sind: das mit dem Körper und das im Kopf. Die der „Volomanie" Verfallenen sind keine Nostalgiker, sondern handfeste Träumer. „Mit jemandem, der keine Ballons mag, stimmt etwas nicht", sage schlicht ein Ballonfahrerklubkollege der drei siegreichen Amerikaner Ben Abruzzo, Max Anderson und Larry Newman.

Die ersten Menschen, denen aus heiterem Himmel so eine schwebende Kugel über dem Kopf erschien, reagierten da, verständlicherweise, anders: Die Bauern des 22 Kilometer vor Paris gelegenen Dorfes Gonesse glaubten jedenfalls Teufelswerk zu erblicken. Als am 27. August 1783 der von dem Physiker Charles zusammen mit den Brüdern Robert konstruierte Wasserstoffballon „Globe" auf ihre Felder sank, stürzten sie sich mit angstvoller Wut auf den vom Himmel gefallenen diabolischen Gegenstand und machten ihm mit ihren Mistgabeln endgültig den Garaus.

Nur wenige Wochen vor diesem Ereignis, am 5. Juni 1783, hatten die Brüder Joseph und Etienne Montgolfier bei Lyon einen Ballon mittels Heißluft für zehn Minuten in eine Höhe von 2000 Metern steigen lassen. Und mit diesen beiden Daten ist nicht nur der Beginn der Eroberung der Luft bezeichnet, bei diesen ersten Ballonaufstiegen wurden auch die beiden Methoden der Überwindung der Schwerkraft durch das „Leichter als Luft"-Prinzip praktiziert, bei denen man bis heute geblieben ist. Dabei hat sich das Gas, Antriebsmittel der „Charlière", gegenüber der Heißluft der „Montgolfière“ allerdings bald als überlegen erwiesen. Die Heißluftballons konnten zwar rasch aufsteigen, mußten aber ständig nachgeheizt werden und waren nicht steuerbar. Die Wasserstoffballons waren komplizierter zu füllen und in Bewegung zu setzen, ließen sich dann aber durch Volumenregulierung mittels Ventilen sowie durch die auch von Charles eingeführte Methode des dosierten Ballastabwurfs doch in der Vertikalen einigermaßen manövrieren.

Die beiden unglückseligen Engländer Donald Cameron und Christopher Davey, die in diesem Sommer nur drei Wochen vor den Amerikanern mit ihrer Atlantiküberquerung knapp vor der französischen Westküste scheiterten, hatten es besonders schlau machen wollen und um einen Helium-Ballon eine Heißlufthülle gelegt. Der amerikanische „Double Eagle II" war nur mit Helium gefüllt.

Die anderen markanten Daten in der Geschichte der Ballonfahrt folgen dann, dem Gegenstand entsprechend, rasch und schwungvoll; Am 19. September 1783 stiegen als erste lebende Luftfahrer für acht Minuten ein Schaf, ein Huhn und eine Ente im Korb der Montgolfière „Martial" gen Himmel;  am 21. November desselben Jahres nahmen der Physiker Pilatre de Rozier und der Major d'Arlandes in der Montgolfiere „Traum" einen 25-Minuten-Aufenthalt im Himmel, und am 1. Dezember stiegen auch die Brüder Jacques und Robert Charles in ihrem Gasballon in die Höhe.

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