Amoklauf "Er war wie jeder von uns"
Niemand schien die dunkle Seite des Amokläufers bemerkt zu haben. Dabei konnten alle im Internet sehen, wie sehr sich der Student schon in der Gewaltspirale verstrickt hatte
"Ich lebe allein mit meiner Katze und will keine Kinder haben", offenbarte der Täter, ein stiller Bewohner des Studentenwohnheims im finnischen Kauhajoki, im Internet über sich. Ehe er am Dienstag maskiert und bewaffnet in seine eigene Berufsschule marschierte und zehn Mitschüler ermordete, offenbarte er dort seinen abgründigen Charakter: Jeder konnte auf der Videoplattform YouTube erleben, wie sich der 22-Jährige erst bei Schüssen mit seiner Pistole in Richtung Kamera filmen lässt, um dann dem Betrachter auf Englisch zu sagen: "Du wirst als Nächster sterben."
Wie viele andere Amokläufer hinterließ auch dieser Spuren im World Wide Web. Im Forum Suomi24 etwa gab Saari als Hobbys Schießen, Schlagzeugspielen und Computer an. Als Filmgeschmack nannte er "Horror". Und die Fahnder fanden eine Datei mit dem Titel "Massaker in Kauhajoki" unter seinem Namen.
Welche schreckliche Tat der junge Mann plante, scheint trotzdem niemand bemerkt zu haben. Die Mitbewohner in seinem Studentenwohnheim beschrieben den Amokläufer gegenüber der Zeitung Iltalehti als zurückhaltenden jungen Mann, der in seiner Wohnung gelegentlich Schlagzeug spielte. "Er hatte ein Elektroschlagzeug, auf dem er auch spät am Abend noch spielte. Er hatte keine Freundin. Er war ein ruhiger Mensch", sagt ein junger Berufsschüler. "Er war wie jeder von uns. Ruhig, aber kein bisschen isoliert", erklärte eine Nachbarin.
Auch einem Polizeibeamten fiel weniger als 24 Stunden vor dem vielfachen Mord nichts Ungewöhnliches an dem Inhaber eines Waffenscheins mit dazugehöriger halbautomatischer Pistole vom Typ Walther P22 auf. Er unterhielt sich mit ihm wegen der Gewaltvideos auf YouTube , die auch der Polizei aufgefallen waren. Der Beamte sah nach dem Gespräch jedoch keinen Grund zum Einschreiten . Der junge Mann hatte im Sommer zum ersten Mal einen Waffenschein beantragt und ihn anstandslos bekommen.
Auch der 18-jährige Abiturient Pekka-Eric Auvinen war im letzten November mit einer legal erworbenen Pistole in seine Schule in Jokela marschiert und hatte acht Menschen erschossen. Auch er hatte still und für sich allein gelebt, viel Zeit vor dem Computer verbracht und seine Mordpläne im Internet angekündigt. In der finnischen Öffentlichkeit kamen danach Debatten über die Notwendigkeit auf, die Waffengesetze zu verschärfen.
Thomas Borchert und Jan Dube, dpa
- Datum 23.09.2008 - 19:08 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Er war wie jeder von uns?
Ja, jeder Mensch, ausnahmslos, hat auch dunkle, sehr dunkle Seiten in sich. Ob er es will oder nicht, ob er es mutig anschaut oder verdrängt. Anders ist Menschsein nicht möglich. Ob er diese dunklen Seiten an sich kennt, sie entdeckt, zulässt, lebt, anschaut, überwindet, transformiert - bleibt die Frage individueller Entwicklung.
All die Spurensuche nach dem Bösen, nach den Motiven fürs Ungeheuerliche, dass keine leicht nachvollziehbaren Gründe mehr hat, wird bei jedem Amoklauf neu versucht - und es ist vielleicht auch gut sich darum zu bemühen.
Jene dunklen Seiten, die bei Kriminellen, Verbrechern, Amokläufern, oft auch bei schier Verzweifelten usw. dann durchbrechen und zum endgültigen, oft tödlichen Bruch mit dem fremden und eigenen Menschsein führen, bekommen aber in den letzten Jahren solch ein Unmaß an Nahrung, dass es nie zuvor in dieser Konzentration gab.
Wer heute im echten Lebens- und Freizeitkontakt mit jungen Menschen steht und beobachtet, was dort als "normal" gilt und abgeht, mag sich oft fragen, wieso sogar nicht noch viel mehr passiert angesichts der Gewaltorgien auf PC, Spielen, Medien aller Art bis hin z um Handy, die Tag ein Tag aus wie in einer Dauerberieselung auf viele einstürzen. Manch einer mag sie schon gar nicht mehr wahrnehmen, vor lauter Übersättigung - und dennoch nimmt das Unterbewusste und auch das Seelische im Menschen dies auf...
Nicht alle erliegen diesen Gefahren, weil die charakterologische und Reifeprägung ein individueller Vorgang ist, der nicht mit einfachen Formeln wie Elternhaus und Gesellschaftsprägung allein schnell abgehakt ist.
Aber die Masse der Amokläufe im Zusammenhang mit der massenhaft zunehmenden Gewaltberieselung ist einfach nicht von der Hand zu weisen. Und der Umkehrschluss, dass viele deshalb aber auch nicht zum Amokläufer werden - was faktisch Gott sei Dank stimmt ! - stimmt aber von dennoch von der Schlussfolgerung eben nicht.
Das Problem ist aber: All die gutgemeinten Zensureinrichtungen und Kontrollmechanismen versagen im Zweifelsfall ab einem bestimmten Alter - das meist spätestens dann in der Pubertät ist. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten. Auf dieses Instrument ist - beim besten WIllen aller Beteiligten - KEIN Verlass.
Was bleibt? Es bleibt die Notwendigkeit und auch die Möglichkeit einer ganz massive Aufklärung der Eltern. Kleingruppen mit Diskussionsrunden und guter psychologischer und ethischer Begleitung. Es bleib als wirksames Mittel: Ein gesundes, lebendiges, liebevolles Interesse am Kind und seiner Entwicklung, der Förderung seiner Stärken und die Wahrnehmung seines besonderen Wesens. Es bleibt, druckfrei und ohne Karriereangst die Kinder vertrauensvoll ins Leben zu begleiten, ihnen das Wahre, Gute, Schöne als natürlichen Daseinsprozess zu zeigen und zu schenken... und ihnen immer wieder zu zeigen, wie sehr man sie liebt.
Eine letzte Garantie gibt es nie. Aber mit obiger Haltung, die für viele Eltern noch lange nicht selbstverständlich ist - was sie sein sollte - ist die Chance, dass verzweifelte Kínder und Jugendliche zu Massenmördern und Bestien werden auf ein Höchstmaß reduziert.
Lesen heißt durch fremde Hand träumen. (F.Pessoa)
Computerspiele und Gewaltvideos gibt es schon deutlich länger als die Zunahme solcher Amokläufe. Wassich verändert hat (und immer verändert) ist die Gesellschaft. Ich denke was wir jetzt erleben ist das Ergebnis der Ellenbogengesellschaft. Einer Zeit in der Eltern stolz auf ihre Kinder waren wenn diese ander zur Seite schubsen um schneller nach vorne zu kommen (da hat er/sie sich aber schön durchgesetzt) und einer Zeit in der der Wert einer Person durch Bekanntheit und Betrag auf dem Bankkonto gemessen wird.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren