Weltkindertag Arme Kinder, reiches Land

Vielen fehlt es am Notwendigsten. Eine Autorin hat sich mit der Armut in Deutschland beschäftigt

«Mülltonnenfresser!» Der Name, den ihr der Nachbarsjunge gerade auf der Straße verpasst hat, trifft Marion wie ein Schlag. Dabei hatte sich die Zwölfjährige extra klein gemacht, als sie sich in die Schlange für die Lebensmittel-Ausgabe an
Bedürftige stellte. Sie sollte Essen für ihre Geschwister besorgen.

«Kinderarmut bedeutet auch in Deutschland ein Mangel an den notwendigsten Dingen», sagt Huberta von Voss. Die Autorin hat über Monate Familien besucht, die an der Armutsgrenze leben. Ihre Geschichten hat sie jetzt als Buch herausgebracht. Am Weltkindertag soll auch auf die Kinderarmut aufmerksam gemacht werden.

Nach einem Bericht des Kinderhilfswerkes Unicef wächst in Deutschland mehr als jedes sechste Kind in einer von Armut bedrohten Familie auf. Für Kinder Alleinerziehender beträgt das Armutsrisiko laut der Studie 40 Prozent. «Es geht da nicht darum, dass die Kinder keine Markenklamotten haben oder nicht das teuerste Handy», erläutert Voss. Es fehle oft am Notwendigsten: Essen, warmer Winterkleidung, Schulsachen. «Es gibt wahnsinnig viele Kinder, die leiden im Verborgenen», hat Voss festgestellt. So traf sie ein Kind, das noch nie seinen Geburtstag feierte: Es musste mit ansehen, wie das einzige Geschenk auf dem Flohmarkt verscherbelt wurde.

«Die Berichte zur Kinderarmut in Deutschland liegen alle auf dem Tisch. Die Problemanalyse ist abgeschlossen», sagt Voss. «Jetzt muss endlich etwas passieren.» An Schulen in Problemvierteln müssten viele neue Stellen für Lehrer, Schulpsychologen und Sozialpädagogen geschaffen werden. Deutschland brauche mehr Eltern-Kind-Zentren, in denen Eltern eng in die Ausbildung ihrer Kinder miteinbezogen würden.

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Außerdem nötig seien familiengerechte Arbeitsplätze auch für Geringverdiener und verlässliche Familien-Wohngruppen für Kinder, die nicht mehr bei ihren Eltern bleiben könnten.

«Viele Eltern haben einfach aufgegeben», hat Voss festgestellt. Sie steckten in einem Kreislauf aus Schulden, Alkohol- und Drogensucht, fehlender Ausbildung, zerrütteten Beziehungen. «Diesen giftigen Cocktail geben sie an ihre Kinder weiter.» Aber es gebe auch Hoffnung. Vor allem in den vergangenen Jahren seien überall in
Deutschland Projekte gegen Kinderarmut entstanden. Voss: «Da kann man sich selbst einbringen - mit Spenden oder mit ehrenamtlicher Mitarbeit.» Voss fordert zudem, Kinderrechte auch im Grundgesetz zu verankern. Dabei hat sie prominente Unterstützer, wie die Frau des Bundespräsidenten Horst Köhler, Eva Luise Köhler. «Die Kinder von heute sind die Eltern von morgen», warnt sie. Deshalb müsse endlich gehandelt statt nur geredet werden.

Britta Gürke

Huberta von Voss: Arme Kinder, reiches Land Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg
224 Seiten, 14,90 Euro

 
Leser-Kommentare
  1. Schlimm ist es, wenn Armut mit grosser Unglueckserfahrung einhergeht weil die Eltern sich entweder nicht um ihre Kinder kuemmern wollen oder koennen.

    Und hinter all den Zahlen stecken Einzelschicksale (wie das Kind dass noch nie seinen Geburtstag gefeiert hat), was gut erwaehnt ist. Ich denke dass eine Polarisierung der Gesellschaft wo die einen Kinder nicht mal einen gescheiten Schulranzen haben waehrend andere mit einem Apple-Handy vorprotzen, das Unglueck noch steigert.

    Arme Kinder - reiches Land: eine Schande, leider.

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