Schriftsteller Ganz viele bunte Fäden

Maria Cecilia Barbetta erhält den "aspekte"-Literaturpreis. Die in Berlin lebende Argentinierin im Interview über ihr Romandebüt und die Stoffe der Literatur

María Cecilia Barbetta wurde 1972 in Buenos Aires geboren und lebt seit 1996 in Berlin. In ihrem ersten Roman, "Änderungsschneiderei Los Milagros", beschreibt sie auf atmosphärisch dichte Weise das Leben zweier junger Frauen im Buenos Aires der achtziger Jahre. Eine Geschichte von den Ansprüchen einer katholischen Erziehung und der Fantastik des Alltags und der Stoffe. Für ihren Roman wurde sie nun mit dem "aspekte"-Literaturpreis augezeichnet, der mit 10.000 Euro dotiert ist.

ZEIT ONLINE: Sie leben seit 1996 in Deutschland. Wie kommt man aus einem so fernen Land wie Argentinien nach Deutschland?

María Cecilia Barbetta: Ich habe in Argentinien eine Lehrerausbildung für Deutsch als Fremdsprache gemacht. Für Deutsch habe ich mich damals ziemlich leidenschaftslos entschieden. Englisch können viele in Argentinien, Deutsch ist dagegen eine seltene Sprache. Aber im Rahmen des Studiums wurde alles anders und die Fremdsprache zur Leidenschaft. Meine Abschlussarbeit wurde an der FU Berlin als Magisterarbeit anerkannt, und so konnte ich mich um ein DAAD-Stipendium bemühen. Und das hat dann geklappt.

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ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie zum Schreiben?

Barbetta: Zum Schreiben kam ich eigentlich durch äußere Umstände. Ich hatte mich über Missstände im Spanischlektorat der Uni, wo ich fünf Jahre lang als Dozentin gearbeitet hatte, beklagt, und als Lehrbeauftragte hat man wenig Chancen, man ist sofort draußen. Dazu kam noch, dass mein Volontariat im Kunstbereich zu Ende ging und keine Möglichkeit der Weiterbeschäftigung bestand. Deshalb stand ich im Sommer 2005 zum ersten Mal vor der Arbeitslosigkeit. Aus dieser schwierigen, für mich sehr bedrohlichen Situation heraus ist das Schreiben entstanden.  

ZEIT ONLINE: Sie haben Ihren Roman auf Deutsch geschrieben, warum nicht auf Spanisch?

Barbetta: Wenn man über Gefühle redet oder schreibt, fällt es einem leichter in der Fremdsprache. Ich kann mich Buenos Aires durch die deutsche Sprache nähern, und ich kann mich zugleich von Buenos Aires distanzieren, weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist. Für mich ist Deutsch vielmehr eine spielerische Sprache. Wörter in der Fremdsprache sind wie Dinge.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Barbetta: Der französische Schriftsteller Alfred Jarry redet von Wörtern als Ideenpolyedern. Für mich gilt das umso mehr für Wörter in der Fremdsprache. Ein Beispiel: Der Läufer ist derjenige, der läuft, aber er ist auch eine Schachfigur und auch ein länglicher Teppich. Das sind einige Seiten des Polyeders. Wahrscheinlich ist das mit der spanischen Sprache ähnlich, nur ich sehe das nicht so vor meinem inneren Auge, wenn ich Spanisch spreche.

ZEIT ONLINE: In Änderungsschneiderei Los Milagros geht es um Mariana, die in der Änderungsschneiderei ihrer Tante arbeitet, und um Analía, die dort das Hochzeitskleid ihrer Mutter für die eigene Hochzeit umarbeiten lässt. Weshalb haben Sie das Schneider-Milieu als Hintergrund Ihrer Geschichte ausgewählt?  

Barbetta: In Berlin habe ich ein Schild im Schaufenster einer Änderungsschneiderei entdeckt: "Änderung von Damen, Kinder- und Herrenbekleidung", und bei "Änderung von Damen" fehlte der Bindestrich. Ich dachte, das ist doch super. Ich wusste, die Geschichte sollte in Buenos Aires spielen, im Stadtviertel Almagro, aber mehr wusste ich nicht. Deswegen habe ich diese Änderungsschneiderei nach Buenos Aires verlegt und als Kippbild betrachtet, das heißt, sie ist ein Ort, der zwischen dem Fantastischen, zwischen der Möglichkeit, Damen ändern zu lassen, oszilliert und dem Realen, der Möglichkeit, Damenbekleidung ändern zu lassen. Und zu der Damenschneiderei gehört natürlich in erster Linie die Sinnlichkeit, die Plastizität und die Materialität der Stoffe, auch des Erzählstoffs.

ZEIT ONLINE: Können Sie das erklären?

Barbetta: Zu einer Änderungsschneiderei gehören Fäden, ganz viele bunte Fäden, aber natürlich auch ein roter Faden. Und der rote Faden ist der Faden, der die Geschichte von Mariana mit der Geschichte von Analía verknüpft, die Geschichte der jungen Schneiderin mit der Geschichte der jungen Kundin. Man weiß auch von Fäden, dass sie manchmal zu Knoten werden, das heißt, man kann sich "verstricken", und so können sich auch Schicksale und Figuren verstricken. Die Bilder in dem Buch, die ich nicht Bilder genannt habe, sondern Stoffmuster, waren auch von Anfang an da. Für mich ist es wichtig, so haptisch, so taktil wie möglich zu erzählen. Ich wollte, dass diese Bilder den Roman öffnen.  

ZEIT ONLINE: Es sind auch keine Illustrationen im klassischen Sinne.  

Barbetta: Mein Wunsch war, dass sie keine reinen Abbildungen sind, dass sie einen Mehrwert haben. Sie hießen am Anfang auch nicht Stoffmuster, sondern Rückenteile. Der Text, das jeweilige Kapitel, hieß Vorderteil, und die Stoffmuster hießen Rückenteile. Die Idee war, beide Perspektiven zu haben und vielleicht Perspektiven, die sich sogar widersprechen. 

ZEIT ONLINE: Normalerweise gefallen mir keine Romane mit Abbildungen. In Ihrem Roman fand ich das jedoch plausibel. Es passiert ja auch gar nicht so viel. Es sind die stofflich-sinnlichen Beschreibungen, die den Charakter des Buchs ausmachen. Dazu passen die Bilder. Teilweise haben sie sich mir auch erst später erschlossen.

Barbetta: Genau das war auch intendiert. Manche Bilder versteht man am Anfang vielleicht nicht. Es war auch mein Wunsch, dass sie mit dem Text ein Geflecht bilden und sie sich nicht nur unmittelbar auf das Kapitel davor beziehen, sondern dass es auch ein Spiel ist, ein Hin und Her zwischen Text und Bild und natürlich von Kapitel zu Kapitel. Auch die Bilder kommunizieren miteinander. Wie Jules Verne sagt: "Schau mit beiden Augen, schau!"

Die Fragen stellte Fokke Joel.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 30.09.2008 um 15:10 Uhr

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