Neuer RomanVerloren an diesem Ort

Die Schweiz ist rot, der Krieg tobt, und es liegt ewiges Eis. Christian Kracht bricht mit den Erzählmoden der Literatur und schreibt den wohl besten Roman dieses Herbstes. von 

Und es war Krieg und ewiger Winter: Seit 96 Jahren tost das Artilleriefeuer über der Schweizer Sowjetrepublik. Ganz Russland liegt brach, verseucht, auf immer verloren. Deutsch-englische Faschisten bombardieren Zürich und Schweizerisch-Salzburg. Im Osten lauern Großaustralien und Hindustan, der Schnee riecht nach Metall, die Welt drum herum wie Menschentalg. Ja, Sie lesen richtig!

So beginnt Christian Krachts neuer Roman, vielleicht der Roman dieses Jahres – aber solche Superlative gebieten zur Vorsicht. Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten heißt er. Sein Autor, Jahrgang 1966, der Zyniker, der große Geheimnistuer der deutschen Literatur.

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Mit Faserland schrieb er vor zwölf Jahren sein Debüt, den ersten, vielleicht letzten Deutschlandroman nach der Wende, erzählte er von Markenartikeln und dem Ennui einer ganzen Generation und ließ die Welt der schnöden Oberfläche implodieren. Bloß war diese Welt dafür noch nicht bereit: Als Schnösel wurde er geschmäht und als Popliterat bezeichnet. Eine Dreistigkeit.

Während die Altpapierstapel zum Werk und Wesen des jungen Mannes aus der Schweiz über Professorentische gingen, legte Kracht nach: 1979. Ein kühler Roman, in dem die hedonistische Gesellschaft im chinesischen Umerziehungslager landete. Kracht zeigte einen geläuterten Mann und alle westlichen Glücksversprechen, einen gesamten Gesellschaftsentwurf als gescheitert. Das war verstörend, unerhört und kurz vor dem 11. September.

Und nun dieses Buch. Sein Erzähler: Parteikommissär in Neu-Bern. Aus Ostafrika stammt er, aus dem Staat, den wir heute als Malawi kennen. Seine Haut: schwarz. Die Augen: blau. Sein Name tut nichts zur Sache – wie immer in Krachts Romanen. Eifrig dient er dem Schweizer Kommunismus. Für den Krieg ist er auf der Welt, es gibt nichts anderes. In seinen Träumen sieht er die goldenen Dächer der Städte, die gebaut werden, sollte der Krieg einmal enden und der Kommunismus siegen. Demokratie hat es dort nie gegeben, die Zeit steht still. In dieser Schweiz wird nicht mehr geschrieben, Bücher wurden verbrannt, vernichtet, bloß das gesprochene Wort zählt. Der Erzähler reitet los, durch geschundene Orte, Kirchengerippe, ewigen Schnee.

Er sucht Brazhinsky, einen polnisch-jüdischen Staatsfeind, der ins Reduít geflohen ist – einem gigantischen Labyrinth, ein Abbild der kommunistischen Schweiz inmitten der Berge, ein Spiel im Spiel. Und der Leser stapft ihm wehrdienstuntauglich hinterher. Man liest vom Ende der Moral, sieht die realen Grenzen der Welt verschwimmen. Sie ist bevölkert von afrikanischen Hirseschnaps trinkenden Soldaten, bibelfesten Zwergen, merkwürdiger Gedankenkommunikation und ostasiatischer Mystik. Frauen haben Steckdosen in den Achselhöhlen. Ja, ist der Kracht denn vollkommen verrückt geworden?

Nein, er setzt das fort, was er einst begonnen hat. Wie in seinen zwei Romanen zuvor führt er eine Flucht aus einer grausigen Gesellschaft vor, schlichtweg: eine Erlösungsvision. In Faserland türmte sein Held vor Deutschland, in 1979 vor der westlichen Überflussgesellschaft – nun vor den Utopien. Militarismus, Kommunismus, Religion. Seine Figur, eine Leerstelle, emotionslos, ein schwarzes Loch, bricht mit seiner Umwelt. In fast demütiger Schicksalsergebenheit wandert er davon, stellt keine Fragen, alles nimmt er hin, wie es ist. Am Ende bleibt der Menschheit nur der Rückzug in die Natur. Düster schreibt Kracht die vollständige Auflösung der modernen Zivilisation herbei:

"Ganze Städte wurden über Nacht verlassen." Und: "Wenig später erlosch die Elektrizität, die Maschinen verstummten, die Schiffe fuhren die Häfen nicht mehr an (...) und der Architekt, nachdem er eine ganze Nacht alleine durch seine dunkle und menschenleere Schweizer Stadt gelaufen war, warf frühmorgens das Ende eines Seiles über eine von ihm selbst entworfene, stählerne Strassenlaterne und erhängte sich." Der Erzähler und mit ihm seine afrikanischen Genossen sind wieder zurück. Zu Hause.

Wie Eis klirren Krachts Sätze, kalt und klar. Aus seiner nüchternen Sprache schimmern bisweilen die Bilder einer reinen Natur und der Sehnsucht danach: "Ich komme nur ganz kurz hierher. Berge und Wolken. Vögel sind dort. Ich höre sie. Ich bin an diesem Ort. Verloren." Reinheit, Glück, Verlorenheit – von ihnen berichtete Kracht in all seinen Romanen. Noch nie tat er es mit diesem erzählerischen Aberwitz. Jeder kurze Absatz dieses Buchs ist ein kunstvoller Akkord, enthält Sätze, durch die zuweilen Ernst Jünger und Joseph Conrad blitzen. Eine Geschichte des Kriegs auf – wurde das schon gesagt? – 160 Seiten.

Und zugleich ein nötiger Bruch mit dem raumgreifenden Neorealismus in der heutigen deutschen Literatur, mit all ihren Tellkamps, Francks und Schulzes. So rätselhaft und unnahbar Krachts Prosa in diesem Roman gelegentlich wirken mag und so ungern man auch "Roman des Jahres" schreien möchte: Beim Deutschen Buchpreis wird in diesem Jahr nur der Zweitbeste gekürt.

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Leserkommentare
  1. "[...] ich habe später Nachforschungen angestellt und weiß zuverlässig, daß Foma tatsächlich einmal in Moskau einen kleinen Roman verfaßt hat, sehr ähnlich denen, die dort in den dreißiger Jahren jährlich zu Dutzenden fabriziert wurden, in der Art wie »Die Befreiung Moskaus«, »Der Hetman Bur«, »Ein Sohn der Liebe oder ein Russe im Jahre 1104« und so weiter und so weiter, Romane, die zu ihrer Zeit dem Witz des Barons Brambäus eine willkommene Zielscheibe darboten."

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