"08:35: Weibliche Zielperson und drei Kinder besteigen Zielfahrzeug und fahren weg. 16:15 Zielfahrzeug fährt vor und parkt in der Sherwood Avenue." Was sich wie ein Auszug aus einem Spionage-Krimi oder aus einer Stasi-Akte liest, ist Alltag in England.

Die "Zielpersonen" waren in diesem Fall der Computerprogrammierer Tim Joyce und seine Familie aus dem englischen Poole. Ihr Vergehen: Die örtliche Verwaltung verdächtigte sie, sich in das Einzugsgebiet einer begehrten Schule geschummelt zu haben und ordnete die Totalüberwachung des Hauses an. Erst nach Abschluss der Ermittlung präsentierte sie die Protokolle der Familie. "Wir standen völlig unter Schock. Unsere Jüngste hat seither Probleme beim Einschlafen", sagt der Familienvater und fügt entrüstet hinzu: "Das geht doch gegen jede Idee von Demokratie."

Die Überwachung in Poole ist kein Einzelfall. Nach Informationen des Daily Telegraph kommt es in Großbritannien zu rund 1000 solcher Übergriffe im Monat. Im vergangenen Jahr nahmen Ortsverwaltungen insgesamt 12.494 Überwachungen vor. Das sind nur 5000 weniger als die der Polizei. Kommunen in Großbritannien engagieren verdeckte Ermittler, sie hören Telefone ab, lesen E-Mails, sehen Bankeinzüge ein und filmen mit versteckten Kameras - meist wegen geringfügiger Anlässe wie im Fall der Familie Joyce.

Sie filmen, wo Hunde Wasser lassen oder Kinder Graffiti sprühen. Im nordenglischen Derby beschattete die Gemeinde spielende Kinder, über deren Lautstärke sich Anwohner beschwert hatten. In Westminster (London) wurde ein Schlosser bespitzelt, der bei seinen Zeitangaben geflunkert haben soll. In Canterbury setzte man Privatermittler auf eine Gruppe von Bürgern an, die auf der Straße unerlaubt Pizza verkauft haben sollen.

Diese Maßnahmen sind völlig legal. Die lokalen Behörden können sich auf die "Regulation of Investigatory Powers Act" (RIPA) von 2000 stützen, die ursprünglich zur Terrorabwehr erlassen worden war. 2003 dehnte der damalige Innenminister die Befugnisse drastisch aus: auf Kommunen, aber auch auf Arbeitsämter, Gesundheitsbehörden, die Feuerwehr und sogar die Post.

Seither geht es in den verdeckten Ermittlungen längst nicht mehr nur darum, Terroristen aufzuspüren. RIPA-Eingriffe können zur Abwehr jeglicher Bedrohung der nationalen Sicherheit, Ordnung und Gesundheit oder einer Gefahr für das wirtschaftliche Wohl des Landes eingesetzt werden. Die Schwelle für ein Einschreiten der Behörden ist heute sehr niedrig. Es reicht der Hinweis auf eine mögliche Straftat, ein fundierter Verdacht ist nicht notwendig.