Im Falle der Familie Joyce war es ein anonymer Informant, der die Stadt darauf brachte, deren Wohnort zu überprüfen. Die Eltern hatten die jüngste Tochter an einer renommierten Schule angemeldet und waren kurze Zeit später aus dem Einzugsgebiet weggezogen. Was die lokale Behörde nicht wusste: Die Schulleitung wusste Bescheid und hatte eingewilligt, das Mädchen trotzdem zuzulassen.

Immer häufiger bemängeln Menschenrechtsorganisationen, dass Behörden ihre Befugnisse über die Maße ausdehnen und die Terrorangst der Briten missbrauchen. "Wir sollten wirklich aufhören, Länder wie China zu kritisieren. Das Vorgehen der lokalen Behörden ist wie das der Stasi", so Simon Davies von der Organisation Privacy International. "Niemand weiß oder überwacht, was die Behörden da genau machen. Es gibt jede Menge Geheimniskrämerei um RIPA." Das bestätigt auch die Umfrage der Menschenrechtsorganisation Liberty über den Gebrauch des Anti-Terrorgesetzes: Nur 83 der 474 Kommunen des Landes lieferten überhaupt Zahlen. Doch schon dieser Bruchteil bietet ein aufschlussreiches Bild: Seit Beginn des Jahres hatten allein sie 867 Mal von RIPA Gebrauch gemacht. Selten ging es dabei um Terrorabwehr.

Kritik kommt heute sogar von Seiten der Polizei: Statt die Ermittlungen mit nützlichen Informationen zu bereichern, behindern die Kommunen die Aktivitäten mit "exzessiver Bürokratie" und einer "Überinterpretation der relevanten Regeln", so das vernichtende Urteil des Chefermittlers Sir Ronnie Flanagan. Er empfiehlt der Regierung dringend, die Erweiterungen von RIPA zu überprüfen und gegebenenfalls wieder einzuschränken.

Bürgerinitiativen fürchten darüber hinaus, dass die Gemeinschaft in ihren Gemeinden auseinander bricht. "Wenn mein Nachbar einfach losgehen kann, und mich anschwärzt, wie können wir einander denn noch vertrauen?", fragt eine besorgte Mutter im Gemeindezentrum von Durham, das laut der Liberty-Untersuchung mit über 100 Überwachungen am fleißigsten war.

In den meisten Kommunen haben sich mittlerweile Aktionsgruppen gebildet, die die Betroffenen unterstützen und ihnen rechtlichen Beistand bereitstellen. Doch nur die wenigsten machen davon Gebrauch. Anwältin Annette Greene wurde von einer der Gruppen gebeten, die Familie Joyce zu beraten: "Ich habe ihnen gesagt, dass sie sich wehren können. Aber sie wollen einfach nur ihre Ruhe. Ihr Vertrauen in die Behörden, aber auch die Gemeinde ist schwer erschüttert."

Mittlerweile hat die Gemeindeverwaltung von Poole die Schulzulassung der kleinen Tochter der Joyce-Familie bestätigt. Sie hatte die Familie offiziell aufs Amt geladen und ihnen die Überwachungsprotokolle überreicht. "Erst dann konnten wir endlich selbst dazu Stellung nehmen und die Sache aufklären. Wir hatten ja keine Ahnung, dass wir überwacht wurden", so Joyce. "Warum haben sie nicht einfach an unsere Tür geklopft und uns gefragt?"