FinanzkriseWenn Ideologien sterben

Nach dem Finanzdebakel in Amerika sind in Europa die postideologischen Sozial- und Christdemokraten gefordert von 

Finanzdistrikt in London

Auch der Finanzdistrikt von London bleibt von den Pleiten an der Wall Street nicht verschont. In Europa ist nun eine postideologische Politik gefragt   |  © Peter Macdiarmid/Getty Images

Wenn nicht mehr gilt, was gestern noch ein Dogma war, sollte man sich warm anziehen. Achtung, dies ist keine Übung, das ist der Ernstfall! Amerika setzt insgesamt 1000 Milliarden Dollar – Steuergelder – ein, um Banken und Versicherungen, die sich verspekuliert haben, zu retten. Die verschreckte Regierung verstaatlicht – sozialisiert – deren Milliardenverluste.

Dass sie dieses Desaster insofern mitverantwortet, als sie acht Jahre lang aus ideologischen Gründen jede strengere Kontrolle des Gebarens dieser Spekulanten abgelehnt hatte, wird jetzt nicht debattiert. Finanzminister und Notenbankchef drängen das Parlament, das Sanierungspaket zu Lasten der künftigen Generationen von Steuerzahlern ohne verzögernde Debatte und Widerstände abzusegnen. Das Motto: Wer sich, wie Kongressabgeordnete aus beiden Parteien, mit Auflagen und Bedingungen querlegt, ist schuld, wenn die Rettung scheitert.

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Wieder einmal war es der klügste unter Europas Regierungschefs, der Luxemburger Jean-Claude Juncker, der die Lage auf den Punkt brachte: "Ideologien sterben, wenn die Wirklichkeit kommt." In der ihm eigenen Mischung aus Weisheit und Witz kommentierte er die Bedenkenlosigkeit, mit der die konservative US-Regierung ihre neoliberale Glaubensfestung verlassen und ihr Heil in staatssozialistischem Krisenmanagement gesucht hatte: Sogar "die Angelsachsen, Briten und Amerikaner, die ansonsten für einen schmalen Staat plädieren", haben erkannt, dass "der Staat gebraucht wird". Was für ein Umbruch.

Natürlich wird keiner der über Nacht entideologisierten Akteure vorerst zugeben, er habe sich geirrt. Wer jahrelang Ronald Reagans Katechismus-Sprüchlein nachgebetet hat, in der Krise sei der Staat nicht die Lösung, sondern das Problem, der will angesichts des Dammbruchs nicht über die Mitschuld am Desaster diskutieren.

Aber was nun? Schlägt jetzt die Stunde der linken Populisten? Der Marxisten, Alt- oder Neokommunisten, der grau gewordenen Experten des "staatsmonopolistischen Kapitalismus", der amtlichen Kapitalismusanalyse der SED? Fühlen desorientierte Genossen und verbitterte Dissidenten aus der alten Sozialdemokratie sich nun, nach ihrem Wechsel zur "Linkspartei", bestätigt? Das mögen sie ruhig tun, auch höhnen und spotten. Die ideologischen "Pleitiers" des Kasinokapitalismus, die ohne Skrupel das Geld anderer verzockten, haben beides verdient. Ihre Abfindungen werden sie dafür entschädigen.

Für Europas diverse Linksparteien dürfte aber über das Hochgefühl des Rechtbehaltenhabens hinaus vermutlich nicht viel zu gewinnen sein. Denn die Ex-Maoisten in Holland, Altkommunisten in Schweden, Frankreich oder Spanien, Ex-Staatssozialisten und der Ex-SPD-Vorsitzende in Deutschland haben außer Sonntagsprüchen und Grundwahrheiten nichts im Angebot. Von ihnen erwartet niemand ernsthafte Vorschläge zur aktuellen Schadensbegrenzung, ganz zu schweigen für die dringend nötigen Umbau- und Sanierungsarbeiten.

Leserkommentare
  1. ziergang vorkommen? Was soll denn das nun wieder heißen? Wollen wir ganz Deutschland oder gar ganz Europa in ein einziges großes Arbeitslager verwandeln, in dem wir dann überhaupt nicht mehr für Geld, sondern für Naturalien arbeiten?

    Und wozu braucht man die bürgerlichen Volksparteien noch? Sie haben abgewirtschaftet. Haben sie doch, dem Kasino-Kapitalismus durch ihre Wirtschaftspolitik in Deutschland und in Europa Tür und Tor geöffnet. An den EU-Verträgen mit ihrer Möglichkeit, dass einzelne Länder sich mit Niedrig-Steuern für Unternehmen gegenseitig unterbieten können, haben doch auch die Deutschen mitgearbeitet. Und da die Deutschen in der Euro-Zone ein wirtschaftliches Schwergewicht sind, dürften ihre Stimmen bei diesen Verhandlungen ähnlich schwergewichtig gewesen sein.

    Frau Merkel war also schon immer gegen liberale Wirtschaftspolitik?
    Was ist denn das für eine Märchenstunde hier?

    http://www.nachdenkseiten...
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    Bürger, sei wachsam!

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    Deutschlands maßgebliche politische und wirtschaftliche "Eliten" sind mit der Finanzindustrie verfilzt.
    http://www.nachdenkseiten...
    Update der Analyse auf den "Nachdenkseiten".

    Einmal mehr zeigt sich auch in diesem Artikel, daß der "Qualitätsjournalismus" der kommerziellen Massenmedien die notwendige Aufklärung der Bürger nicht leisten will und das Internet als unabhängige Informationsquelle eine notwendige Ergänzung darstellt.
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    Peter Scholl-Latour: "Die Freiheit der Presse im Westen, wobei die viel besser ist als anderswo, ist letztlich die Freiheit von 200 reichen Leuten ihre Meinung zu veröffentlichen."

    • msj1366
    • 24. September 2008 19:38 Uhr

    Man fragt sich schon wieviel Realitätsverweigerung, um nicht zu sagen Anflüge von fortgeschrittener Grenzdebilität, einen Autor befallen haben, um solch einen Artikel zu verfassen. Die Parteien, die sich haben kaufen lassen von der Finanzwelt (Riester lässt grüßen), sollen also jetzt eine Neue Weltordnung aufbauen. Diese auch noch dümmlicherweise mit der grandios gescheiterten Agenda 2010 in Verbindung zu bringen, toppt das natürlich nochmal. Ansonsten stimme ich persiana voll und ganz zu.

    • Piepe
    • 24. September 2008 19:47 Uhr

    Ich habe immer geglaubt Journalisten orientieren sich an Tatsachen. Der Beruf ist offentsichtlich auf den Hund gekommen. Wie schlecht die zeit geworden ist. Gar kein Qualitätsblatt mehr.

    • politz
    • 24. September 2008 20:29 Uhr

    Man mag ja die Linkspopulisten an allen Ecken und Enden kritisieren - häufig auch mit großer Berechtigung. Aber Vorschläge zur Regulierung der Finanzmärkte, mit denen die aktuelle Finanzmarktkrise sicherlich hätte verhindert werden können, liegen seit langem auf dem Tisch. Da hätte selbst die US-Regierung von der Linkspartei abschreiben können. Gesellschaftliche Kontrolle der Rating-Agenturen, Beschränkung/Verbot der Hedgefonds, Verbot von Zweckgesellschaften und von Verbriefungen (d.h. des Handels mit Forderungen) und nicht zuletzt die Stabilisierung der Wechselkurse wären sinnvolle Maßnahmen zur Stabilisierung der Finanzmärkte. All das wäre lediglich eine Rückkehr in die guten alten Zeiten makroökonomischer Stabilität und hoher Wachstumsraten, wie sie in den 1960er-Jahren zu verzeichnen waren. Die Beschränkung des "finanzmarktgetriebenen Kapitalismus" ist etwas anderes als die nun wirklich demagogisch zu nennenden Enteignungsforderungen des Herrn Lafontaine.

    • clubby
    • 24. September 2008 20:30 Uhr

    Es ist schon merkwürdig, wie oft uns doch in den Jahren davor, als das globale Schneeball-/Kettenbriefspiel funktionierte eingebtrichtert wurde, der Staat könne da rein gar nichts machen und hat KEINERLEI Handlungsspielraum. Nun , wenn die Karre aber im Dreck ist, weil von unten real bei dem Spiel zu wenig nachgefüttert wird, was oben abgeschöpft wurde, ja dann kann er plötzlich eingreifen.

    Der "normale" Bürger zahlt also gleich doppelt.

    Kapital verbrennt aber nicht so einfach. Es wurde umverteilt. Die Zeit hat doch vor kurzem erst die vielen neuen Superreichen als Gewinner der Jahre davor genannt. Und? Genau, da ist die Kohle geblieben, die nun vom Staat unten wieder eingesammelt werden muß. Warum sammelt er nicht "oben" ein. Achja wird man da hören...da kann der Staat natürlich plötzlich wieder rien gar nichts machen...ich vergaß.

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    Ich meine, einmal global betrachtet? Wer kann es sich leisten, täglich seine Kinder mit dem Zweit- oder Drittwagen die 700 Meter in Kindergarten / Schule zu fahren? Wer brüht sich jeden Tag seinen Kaffee, nein nicht per Wasserkocher und Filteraufsatz für die Kanne, sondern immer frisch gemahlen und mit perfekter Créma im sündteuren Kaffeevollautomaten? Wer hat denn in unseren Breiten nicht einen mindestens fünfstelligen Betrag in Fonds investiert? Mit wessen Geld arbeiten die Investmentbanker und Hedgefonds dieser (Finanz-)Welt? Ist es das Geld der sog. "Superreichen" oder ist es nicht unser aller Geld, das Geld von mir, meinen Nachbarn, meinen Freunden?

    Bei manchem Kommentator hier stellt sich mir ernsthaft die Frage, in welcher Welt dieser überhaupt lebt. Die "Superreichen", das sind WIR alle! Wirkliche Armut findet hauptsächlich woanders statt, aber definitiv nicht bei uns.

    • gayorg
    • 24. September 2008 20:44 Uhr

    Natürlich nicht wissenschaftlich fundiert glaube ich eine absolute Unfähigkeit und ein nicht Wollens des Kritisierens bei den deutschen MEDIEN feststellen zu können. SCHÖNWETTERREDEN allen Ortens , Angela die Grosse, Warrent greift ein und rettet den Kapitalismus und so weiter. Tiefergehend frage ich mich , woher kommen diese Wohlfühljournalisten eigentlich (Sozialer Hintergrund incl) UND GANZ WICHTIG . ES GEHT UM DIE WAHRHEIT, nicht um die gut bezahlte Veröffentlichung von irgendwelchen (Bild Niveau) Neuigkeiten im Minutenrhythmus

    • keox
    • 24. September 2008 20:50 Uhr

    der rheinische Kapitalismus wäre in der Tat die beste aller Lösungen, was aus guten Gründen bezweifelt werden darf.

    Wer sollte es denn richten? Und warum? Und vor allem, wie sollte das gehen?

    Merkel wimmert, Müntefering kläfft, und die ca 500 Konzerne, die die Welt regieren, machen Männchen?

    Mein lieber Schwan. So wird das nix.

    Allende, Lumumba, Mossadegh und und und und...Politik und Recht - Völkerrecht zumal - sind Derivate von Macht.

    Kurzum, mit einem Drachen ist schlecht diskutieren, am besten ist man schlägt ihn tot.

  2. NEW YORK/FRANKFURT. Eine Meldung und ihre Geschichte: Beobachter führen die leichte Kurserholung vom Mittwoch auf eine unscheinbare Pressemeldung aus 57 dürren Worten zurück, der zufolge der charismatische US-Zentralbankchef HELGE SCHNEIDER für Samstag 12 Uhr eine Pressekonferenz angekündigt haben soll. Nähere Auskünfte über den Inhalt der Pressekonferenz erteilte die US-Zentralbank bislang noch nicht. Wir werden die Leser jedoch weiterhin auf dem Laufenden halten. (dpa)

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