Wenn nicht mehr gilt, was gestern noch ein Dogma war, sollte man sich warm anziehen. Achtung, dies ist keine Übung, das ist der Ernstfall! Amerika setzt insgesamt 1000 Milliarden Dollar – Steuergelder – ein, um Banken und Versicherungen, die sich verspekuliert haben, zu retten. Die verschreckte Regierung verstaatlicht – sozialisiert – deren Milliardenverluste.

Dass sie dieses Desaster insofern mitverantwortet, als sie acht Jahre lang aus ideologischen Gründen jede strengere Kontrolle des Gebarens dieser Spekulanten abgelehnt hatte, wird jetzt nicht debattiert. Finanzminister und Notenbankchef drängen das Parlament, das Sanierungspaket zu Lasten der künftigen Generationen von Steuerzahlern ohne verzögernde Debatte und Widerstände abzusegnen. Das Motto: Wer sich, wie Kongressabgeordnete aus beiden Parteien, mit Auflagen und Bedingungen querlegt, ist schuld, wenn die Rettung scheitert.

Wieder einmal war es der klügste unter Europas Regierungschefs, der Luxemburger Jean-Claude Juncker, der die Lage auf den Punkt brachte: "Ideologien sterben, wenn die Wirklichkeit kommt." In der ihm eigenen Mischung aus Weisheit und Witz kommentierte er die Bedenkenlosigkeit, mit der die konservative US-Regierung ihre neoliberale Glaubensfestung verlassen und ihr Heil in staatssozialistischem Krisenmanagement gesucht hatte: Sogar "die Angelsachsen, Briten und Amerikaner, die ansonsten für einen schmalen Staat plädieren", haben erkannt, dass "der Staat gebraucht wird". Was für ein Umbruch.

Natürlich wird keiner der über Nacht entideologisierten Akteure vorerst zugeben, er habe sich geirrt. Wer jahrelang Ronald Reagans Katechismus-Sprüchlein nachgebetet hat, in der Krise sei der Staat nicht die Lösung, sondern das Problem, der will angesichts des Dammbruchs nicht über die Mitschuld am Desaster diskutieren.

Aber was nun? Schlägt jetzt die Stunde der linken Populisten? Der Marxisten, Alt- oder Neokommunisten, der grau gewordenen Experten des "staatsmonopolistischen Kapitalismus", der amtlichen Kapitalismusanalyse der SED? Fühlen desorientierte Genossen und verbitterte Dissidenten aus der alten Sozialdemokratie sich nun, nach ihrem Wechsel zur "Linkspartei", bestätigt? Das mögen sie ruhig tun, auch höhnen und spotten. Die ideologischen "Pleitiers" des Kasinokapitalismus, die ohne Skrupel das Geld anderer verzockten, haben beides verdient. Ihre Abfindungen werden sie dafür entschädigen.

Für Europas diverse Linksparteien dürfte aber über das Hochgefühl des Rechtbehaltenhabens hinaus vermutlich nicht viel zu gewinnen sein. Denn die Ex-Maoisten in Holland, Altkommunisten in Schweden, Frankreich oder Spanien, Ex-Staatssozialisten und der Ex-SPD-Vorsitzende in Deutschland haben außer Sonntagsprüchen und Grundwahrheiten nichts im Angebot. Von ihnen erwartet niemand ernsthafte Vorschläge zur aktuellen Schadensbegrenzung, ganz zu schweigen für die dringend nötigen Umbau- und Sanierungsarbeiten.