Siebecks Geburtstag Joschka Fischer gratuliert Wolfram Siebeck
Die Rede des ehemaligen Außenministers zum 80. Geburtstag des ZEIT-Kolumnisten am 22. September im Wortlaut
Große Ereignisse werfen Ihre Schatten voraus. Im Frühjahr nächsten Jahres wird die Bundesrepublik Deutschland sechzig Jahre alt, und heute feiern wir den achtzigsten Geburtstag von Wolfram Siebeck. Nach eigener Auskunft ein notorischer „Berufsesser“ und Kritiker von Köchen, Küchen und Restaurants und überhaupt von allem, was man essen und trinken kann.
„Was hat der Geburtstag der Bundesrepublik Deutschland im nächsten Jahr eigentlich mit Wolfram Siebecks Achtzigsten zu tun?“ wird nun die Eine oder der Andere fragen. Sehr viel, und das will ich hier gerne erläutern.
Es gibt Menschen, die machen Geschichte und es gibt wiederum andere, die werden von der Geschichte richtiggehend verfolgt – meistens geschieht dies jahrgangsweise. Wolfram Siebecks Jahrgang 1928 fällt in Deutschland eindeutig unter diese Rubrik.
Als Wolfram Siebeck am 19. September 1928 in die damalige kulinarische Wunderwelt des Ruhrgebietes hineingeboren wurde, da wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, dass dieser hoffnungsvolle Knabe dereinst Deutschlands berühmtester „Berufsesser“ und mit seinem gefürchteten Schandmaul nebst spitzer Feder zum Schrecken der Wirte und Köche werden sollte. Ja mehr noch, dass Klein-Wolfram diese Zunft in Deutschland so richtig erst ins Leben rufen würde.
Bis es jedoch so weit sein sollte, lag dazwischen aber zuerst einmal Geschichte in ihrer furchtbarsten Form, und dies im Übermaß: Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg.
Gestatten Sie mir eine aktuelle Bemerkung: Es fällt dem kritischen Betrachter Ihres Lebens auf, lieber Wolfram Siebeck, dass Sie auf das Engste mit Weltwirtschaftskrisen verbandelt zu sein scheinen.
Ich bin kein Astrologe und kann deshalb für derlei Merkwürdigkeiten keine Erklärung liefern, aber ein Jahr nach Ihrer Geburt brach an einem Donnerstag, den 24. Oktober 1929, der New Yorker Aktienmarkt zusammen und die verheerende Weltwirtschaftskrise nahm ihren Lauf. Und prompt zu ihrem achtzigsten Geburtstag wiederholen sich die Ereignisse auf fast schon unheimliche Art.
Sie scheinen daher sehr gut beraten gewesen zu sein, niemals das Bankfach für sich angestrebt, sondern Ihre Zukunft zwischen Kunst und Küche gesucht zu haben.
Zuerst aber ging es für Sie und Ihre Altersgenossen ums schlichte Überleben gegen Ende des Krieges und in der Kriegsgefangenschaft. Ihr Jahrgang gehörte zum letzten Aufgebot des untergehenden Großdeutschen Reiches und sollte ganz zum Schluss noch an der zusammenbrechenden Front verheizt werden.
Man wird den späteren unerbittlichen Kritiker und beseelten Freund des guten Essens und Trinkens, Wolfram Siebeck, aber nur schwerlich verstehen, wenn man seine formativen Jahre ausblendet: Volksgemeinschaftseintöpfe, Erbsensuppe, Steckrüben, Mehlpampen und Hunger. Nagenden, qualvollen Hunger.
Sie sind dem allem entkommen, aber bis heute, dies ist zumindest mein Eindruck, prägt Sie diese Erfahrung unauslöschlich. Sie hat Wolfram Siebeck zu einem kritischen Zeitgenossen gemacht, der sich fortan nie wieder unhinterfragt und ohne eigene Prüfung und Entscheidung vom Leben und schon gar nicht von der Politik irgendetwas vorsetzen ließ. Und auch nicht in Restaurants.
Doch lassen wir unser Geburtstagskind in dieser Sache selbst zu Wort kommen:
„Sie haben mal gesagt,“ fragt ihn der Berliner Tagesspiegel von gestern, „wer Spargelsorten unterscheiden kann, wird auch Parteien scharf beobachten. Eine steile These.“
„Nein, ich glaube daran,“ antwortet Siebeck. „Es geht um eine Bewusstseinshaltung. Wer nicht kritisch ist beim Kauf von Äpfeln, der ist es auch nicht in der Wahlkabine. Skeptizismus ist nötig. Er wappnet einen gegen die verdummende Werbung der Nahrungsmittelindustrie genauso wie gegen blöde politische Aussagen.“
Nach dem nahezu vollständigen Desaster Deutschlands 1945 bedurfte es einer vollständigen Neugründung der Nation: politisch, ökonomisch und auch kulturell. Es war diese „skeptische Generation“ der Fünfundvierziger, die diese Neugründung ganz wesentlich getragen und gestaltet hat.
Nach der Währungsreform 1948 und der Gründung der Bundesrepublik begann dann die Zeit der großen „Wunder“ in Westdeutschland: Das Wirtschaftswunder, das „Wunder von Bern“, das „Fräuleinwunder“ und schließlich auch das „deutsche Küchenwunder.“
Abgeschlossen wurde diese Epoche der deutschen Wunder 1989 durch das ultimative „Wunder der Deutschen Einheit.“ Seitdem gibt es in unserer Republik zwar noch manch Verwunderliches, aber die Zeit der Wunder scheint fürs Erste damit abgeschlossen zu sein.
Wolfram Siebeck gehört untrennbar zu dieser Gründergeneration, und jetzt erhellt sich auch die Verknüpfung zur Gründung unserer Republik.
Das deutsche Küchenwunder brauchte 1949 zwar noch etwa zwei Jahrzehnte, bis es begann, aber es gehört wie all die anderen Wunder zu ihrer Gründungsgeschichte. Ohne dessen großen Verkünder, Prediger und kulinarischen Schulmeister Wolfram Siebeck und einige wenige Köche und Gastronomen – ganz vorneweg sei hier Eckardt Witzigmann genannt – , hätte es dieses deutsche Küchenwunder nicht gegeben!
Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich kann mich an das gar nicht so gute alte Westdeutschland vor diesem Wunder nur allzu gut erinnern. Schlappe zwanzig Jahre jünger als unser heutiger Jubilar, lernte ich Gott sei Dank nicht mehr den Hunger kennen, wohl aber all die schaurigen Überbleibsel der Volksgemeinschaftsküche und die Errungenschaften der sogenannten „Fresswelle“ aus der späten Phase des Wiederaufbaus.
Die jüngeren „Schmackofatze“ (Siebeck) heutzutage, eingebettet in Slowfood, Fusion-, Molekular-, Sterne, Bistro- und was noch sonst für Küchen, werden es kaum mehr nachvollziehen können, was Siebecks Kolumnen in der ZEIT für unsereins an Offenbarung damals bedeuteten! Eine völlig neue, zauberhafte, schmackhafte und doch zugleich finanziell unerreichbare Welt der großen Küche eröffnete sich zumindest theoretisch durch die Lektüre Siebecks unseren Mäulern und Mägen.
Ende der siebziger Jahre war soeben meine radikale Phase zu Ende gegangen und an die Stelle von Marx, Bakunin, Lenin und Mao schlich sich im wahrsten Sinne des Wortes jeden Donnerstag Wolfram Siebeck ein. Donnerstag war ZEIT-Tag, aber in unserer WG balgte man sich weniger um den politischen Teil des gewichtigen Journals, von anderen Teilen ganz zu schweigen, sondern vielmehr um das kupfertiefgedruckte ZEITmagazin mit Siebecks Kolumne dortselbst.
Denn Siebeck konnte und kann schreiben! Bei der Lektüre seiner Kolumnen reagierte ich deshalb meistens wie mein Hund, wenn Essensdüfte auf seine Nase trafen. Was will man von einem schreibenden „Berufsesser“ eigentlich mehr verlangen?
Die gegenwärtige sogenannte „dekonstruktivistische Gastro-Kritik“ mit all ihren „Texturen,“ „Geschmacksexplosionen“ etc. verhält sich dazu wie eine in abstrakte Formeln aufgelöste Idee einer gebratenen Lammkeule zu einer tatsächlichen, die zum Tranchieren fertig vor einem auf dem Tisch steht.
Mag man deshalb auch als Traditionalist abgemalt werden, lieber Wolfram Siebeck, so what? Aus Hegels Phänomenologie des Geistes wird man selbst mit größtem Aufwand kein Kochbuch machen können und aus Derrida oder Habermas keinen Restaurantkritiker.
Grau jedoch war alle Theorie, selbst wenn sie auf Wolfram Siebecks belehrend fröhlichen Schilderungen gründete. Denn vor das Paradies mit den Sternen hatten die Götter für uns damals grimmige Wächter gestellt, nämlich die exorbitant hohen Preise in den besten Restaurants, die uns bei Weitem überforderten.
Und so kam es, dass Wolfram Siebeck damals auch zur Resozialisierung staatsabträglicher Frankfurter Anarchisten beitrug. Denn uns blieb nichts anderes übrig, als die vergessene altschwäbische Tugend des Sparens wiederzuentdecken, wollten wir statt der donnerstäglichen Theorie dann und wann auch der saftigen Praxis der Sterneküche teilhaftig werden.
Neben seinen sommerlichen Kochseminaren veröffentlichte der Meister damals auch zur Weihnachtszeit immer seinen Vorschlag für ein Weihnachtsmenü. Einmal habe ich mich selbst an ein solches Menü gemacht, und es gelang auch tatsächlich. Gott sei Dank war es nicht das Menü des berühmt berüchtigten Jahrgangs 1997 gewesen, das landesweit wegen der Zitronencreme nach Alain Chapel zu übersäuerten Mägen und einer Flut noch saurerer Protestbriefe geführt haben soll. Mein Siebeck'sches Weihnachtsmenü sah als Dessert ein Zimtparfait mit in Burgunder eingelegten Backpflaumen vor und schmeckte ganz vorzüglich.
Wolfram Siebeck steht aller Autorität mit großer Skepsis gegenüber und prüft sie immer wieder aufs Neue, denn er hat „als Kind schon zu viele Fahnen gesehen und später gelernt, was dieses Fahnenmeer bedeutet hat.“ Man merkt ihm aber auch unschwer die fast schon diebische Freude an, den Kaiser ohne Kleider als das zu bezeichnen, was er ist, nämlich nackt.
Paul Bocuse in einer Kritik als den Gastwirt einer besseren Fernfahrerkneipe abzumalen, das war schon große Klasse und erfüllte den Tatbestand der Majestätsbeleidigung! Diese Kritik endete etwas später dann in Paris fast in einer zünftigen Schlägerei mit dem derart kritisierten Meister aller Küchenklassen.
Oder die von britischen Zeitungen zum weltweit besten Restaurant ausgerufene Fat Duck in Bray, Berkshire, tat er mit einem „Furz von Nichtigkeit“ ab, was in Englisch sogar noch beeindruckender klingt: fart of nothingness! Das Empire bebte vor Empörung, zumal Wolfram Siebeck den Engländern wegen ihrer wenig erfolgreichen Fußballnationalmannschaft noch einen Tritt von hinten mitgab: „Congratulations für unsere englischen Freunde! Was sie beim Fußball nicht geschafft haben, ist ihnen beim Kochen gelungen.“
Zum Glück war ich in diesem Jahr – 1997 – noch nicht Außenminister unseres Landes gewesen. Aber zur Entschuldigung hätte man immerhin anführen können, dass Siebeck es mit uns Deutschen noch wilder trieb: „Ein Volk von mampfenden Ess-Stieseln“ hat er uns einmal genannt.
Gleichwohl verdient auch die Antwort des Restaurants auf die Anfrage einer Zeitung wegen ihres typisch britischen Understatements eine Würdigung: „It’s clear that Mr. Siebeck didn’t really enjoy his meal with us.“ Daran können sich zukünftig kritisierte Köche und enttäuschte Gastwirte nun wirklich orientieren und seelisch wieder aufrichten.
Auch 45 Bücher hat Wolfram Siebeck verfasst und ist darüber nun achtzig Jahre jung geworden. Man sieht, die Geschichte, vor allem unsere deutsche, hat ihn nicht klein gekriegt, ganz im Gegenteil. Und ganz entscheidend hat dazu in all den Jahrzehnten Ihre Ehefrau Barbara beigetragen.
In seinem jüngst erschienenen Kochbuch der verpönten Küche versucht Wolfram Siebeck, nunmehr den Deutschen in der Küche das Gruseln beizubringen: Kalbsköpfe, Nieren, Schweinefüße, Knochenmark, Zunge, Frösche, Kutteln, Blut, Pferd, Schnecken etc.
Tatsächlich soll es wohl ein Test sein, ob sich die Esskultur wirklich verbessert hat oder ob sich heutzutage die alte Mentalität des Erbseneintopfs lediglich hinter Espuma und manch anderem modischen Chichi versteckt.
Ich glaube aber, verehrter Wolfram Siebeck, Sie waren in den vergangenen Jahrzehnten bereits zu erfolgreich, als dass es Ihre deutschen Fans angesichts dieser frugalen Zutaten noch wirklich gruseln würde. Denn das sind alles leckere Sachen, vorausgesetzt, sie sind von bester Qualität und hervorragend zubereitet.
Der wirkliche Schrecken in Küche und Ernährung kommt heute unblutig und sogar sanft daher und liegt – das wissen Sie und haben deswegen immer unermüdlich dagegen gekämpft –, in der industriellen Massentierhaltung, in genetisch veränderten oder industriedesignten Lebensmitteln und in Fast Food.
Lieber Wolfram Siebeck, ich wünsche Ihnen, Ihrer wundervollen Frau Barbara und uns mit Ihnen von Herzen noch viele gesunde, glückliche und streitbare Jahre. Und dass es Ihnen auch weiterhin schmecken möge.
Für das Altenteil sind Sie zudem noch zu jung. Denn vergessen Sie nicht: Der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Mehlschwitze“, wie Sie die kulinarische Aufklärung dereinst, frei nach Kant, definiert haben, hat zwar schon länger begonnen, bedarf aber auch in Zukunft entschlossener Streiter, die ihren Lesern den Kopf erhellen und das Maul zugleich wässern können und den besternten und nicht besternten Köchen und Küchen auch weiterhin entschlossen in den Topf schauen.
Und darin waren und sind Sie einsame Klasse!
- Datum 23.09.2008 - 17:58 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Ach, diese Praeceptores Germaniae
- jetzt spucken Sie uns auch noch in die Kochtöpfe!
Auch wenn das einen Alt-Achtundsechziger schmerzt:
sogar unter Kaiser Wilhelm hat es manchmal bei manchen Leuten ganz gute Küche gegeben; jeden Tag Pasta und Pizza mit Rotwein ist trotz Olivenöl und Knoblauch auch nicht immer das wahre; und nicht jede Pariser Choucroute ist besser als deutsches Sauerkraut oder polnisches Bigos.
Also mal halblang. Soll der Fischer mit dem Siebeck meinetwegen Schnecken essen, aber bitte kein solches Gewese drum machen!
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