Zunächst sind es nur wenige der braungrünen Krabbeltiere, die sich in die Waggons verirren. Dann aber verdichten sich die orientierungslosen Insekten zu einem Inferno aus Rauschen und Sirren. Die fingerlangen Plagegeister fallen über die Passagiere her wie eine biblische Heimsuchung - Wanderheuschrecken zu Millionen, zu Milliarden. Dunkle Wolken dieser Biester, so dicht, dass sich die Sonne über Madagaskar verfinstert.

Während ich das Fenster nach oben stemme, um mir die Plage vom Hals zu halten, fischen die Madagassen begeistert nach Tüchern, Töpfen und Tassen, um möglichst viele Tiere zu erwischen. Wer es nicht erwarten kann, von dem Manna zu naschen, das da so unverhofft vom Himmel fällt, schiebt sich den einen oder anderen geflügelten Hüpfer gleich ungeröstet in den Mund, um seinen eigenen Beitrag zur Schädlingsbekämpfung zu leisten.

„Heuschrecken schmecken nach Pommes frites“, behauptet Mirana, Studentin aus Antsirabe. Sie mag die Krabbeltiere am liebsten frittiert und gesalzen. „Für die Leute ist Fleisch unerschwinglich, und so erfüllen die eiweißreichen Insekten durchaus ihren Zweck.“

Natürlich wird nicht jeder, der eine Bahnfahrt in Madagaskar unternimmt, von Heuschreckenschwärmen überfallen. Ein Erlebnis ist es aber allemal, mit dem Zug durch das Land zu fahren. Zeit und Geduld sollte man allerdings mitbringen, denn an manchen Tagen fährt sie, an manchen Tagen nicht, die Bahn, die das zentrale Hochland Madagaskars mit der Ostküste verbindet. Ein Fahrplan in der Wartehalle des Bahnhofs von Fianarantsoa verspricht zwar feste Abfahrtszeit, viermal wöchentlich, morgens so gegen sieben, aber das muss nicht stimmen. Oftmals richten sich die Zeiten der Abfahrt des Zugs nach Manakara nach dem Zustand der Strecke oder den technischen Problemen, die man mit der Maschine hat.

Der Bau einer Eisenbahnstrecke war von Anfang an ein schwieriges Unterfangen. Doch die weißen Invasoren, die 1845 in das Land eingefallen waren und es brutal ausbeuteten, scheuten keine Mühen, keine Kosten, um das Projekt zu verwirklichen. Schließlich ging es darum, die auf den Plantagen des Hochlands angebauten Waren wie Tee, Pfeffer, Vanille und Gewürznelken schnell von der Küste nach Frankreich zu verschiffen. Chinesische Arbeiter mussten 1911 das schwierige Gelände des Hochlands ebnen, Berge untertunneln und Schneisen in die Dschungel Richtung Küste treiben. „Die französischen Kolonialherren waren auf die Arbeitskräfte aus Asien angewiesen. Chinesen galten als erfahren, und die Madagassen weigerten sich, für die Franzosen auch nur eine Bahnschwelle zu verlegen“, erzählt Mirana.

Heute ist von Ressentiments Europäern gegenüber nichts mehr zu spüren. Eine Gruppe Madagassen verbreitet eine fröhliche Ausflugsatmosphäre und plaudert unbefangen mit mir. Gekleidet in knallbuntem Sonntagsstaat und ausgerüstet mit Trommeln und Geigen, sind sie unterwegs zu einem großen Familientreffen in Andrambovato, einem Ort an der Bahnstrecke. Dort findet, so wird mir berichtet, das wichtigste Fest im Leben der Madagassen statt – Famadihana, die Umbettung der Toten, ein Spektakel, zu dem auch die fernsten Familienangehörigen anreisen.

Die Famadihana ist mehr als ein eigenartiger Totenkult – es ist Madagaskars kulturelle Seele. Die traditionelle Religion der Madagassen, zu der sich trotz missionarischen Eifers der Kolonialherren 90 Prozent der Bevölkerung bekennen, kommt ohne Kirchen oder Tempel aus. Das Familiengrab ist der heiligste Ort, an dem man über die Ahnen mit dem Schöpfergott Zanahary in Verbindung tritt. Zudem steht über all den Alltagsplagen die Geborgenheit des Clans, deren Mitglieder über den Tod hinaus verbunden bleiben. So wundert es nicht, dass die Grabstätten in Madagaskar aufwendiger und dekorativer gebaut sind als so manche Hütte in Madagaskar.

Als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, transportieren die Madagassen besonders in den Sommermonaten in Zügen, in Bussen und auf Autos Särge hin und her. In einer aus Brettern zusammengenagelten Kiste, im Gang zwischen den Sitzen abgestellt, liegen die sterblichen Überreste von Tante Ionisoa, die schon vor gut zehn Jahren das Zeitliche gesegnet hat. Sie soll das Ereignis nicht verpassen, wenn in Andrambovato die Familiengruft geöffnet wird und angemoderte Bastrollen, in denen jeweils ein Leichnam steckt, ans Licht befördert werden. „Niemand weint und jammert, wenn wir die Verstorbenen aus ihren Gräbern holen. Sie werden neu gekleidet und wir erzählen ihnen alle Neuigkeiten, von der Heuschreckenplage, von Hochzeiten und Geburten“, erklärt Mirana, die über meine skeptische Miene lacht.