Aus europäischer Sicht mag es schwer zu verstehen sein, warum der Republikaner John McCain sieben Wochen vor der Wahl laut Umfragen mit Barack Obama gleichzieht und plötzlich gute Chancen hat, als 44. Präsident ins Weiße Haus einzuziehen. Spricht eigentlich nicht alles gegen ihn: sein Alter, der unbeliebte George W. Bush, die Wirtschaftskrise, der Irakkrieg, der allgemeine Wunsch nach Wandel?

Die Meinungsforscher sagen, klar seien im Augenblick nur zwei Dinge: Die Amerikaner wollten nach wie vor Wandel – das habe bislang für Obama gesprochen. Mit der Wahl von Sarah Palin als Vizepräsidentschaftskandidatin sei es McCain aber gelungen, sich ebenfalls als Erneuerer zu präsentieren.

Noch nie in der amerikanischen Geschichte hat eine Vizewahl in letzter Minute so viel durcheinandergewirbelt. Eine Frau, jung, unbekümmert, konservativ und zupackend – das ist ganz nach dem Geschmack vieler Amerikaner. Zudem verkauft McCain seine Stellvertreterin äußert geschickt, gebetsmühlenhaft und aggressiv als furchtlose Reformerin, die den bequemen und machtversessenen Herren in Washington Beine machen werde. Mit einem steten Lächeln lässt Palin alle Kritik an sich abprallen. Gegner müssen aufpassen, nicht als Miesmacher, Neider oder unverbesserliche männliche Chauvinisten abgestempelt zu werden. McCain ist mit Palin ein Coup gelungen. Sie ist neu und frisch, genau das, was Amerikaner mögen und wonach sie sich sehnen. Im Vergleich mit dem inzwischen bekannten und in alle Richtungen durchleuchteten Obama, ist Sarah Palin plötzlich die Aufregende, die Überraschende, die Unverbrauchte.

Die Umfragen sagen außerdem: Am 4. November wird gewinnen, wer am ehesten "Change", also Wandel verheißt. Es kommt dabei nicht so sehr auf das Programm und nicht auf das letzte Detail einer Gesundheitsreform an, sondern vor allem darauf, wer mit seiner Person und seinem Team am besten "Change" verkörpert. Auch hier hat McCain seit seiner Palin-Wahl rasant aufgeholt. Mit der Gouverneurin aus Alaska im Rücken verkündet er offensiv und ohne mit den Wimpern zu zucken: Nur sie beide könnten Amerika die notwendige Erneuerung bringen – in der Wirtschaft, in der täglichen Regierungsarbeit, in der Außenpolitik. "Change" ist auf einmal auch McCains Parole, er spricht so selbstverständlich davon, als habe er sie selber erfunden. Er distanziert sich von George W. Bush, tut so, als habe er mit dessen Amtszeit und dessen Fehlern nichts zu tun, und ruft laut und vernehmlich: "Genug ist genug! Mit mir und Sarah Palin kommt der Wandel!"

Auch hier hat McCain die Überraschung wieder auf seiner Seite. Von Barack Obama ist man die "Change"-Rhetorik seit Monaten gewohnt, doch aus dem Munde von McCain klingt sie frisch – mit der Folge, dass der Republikaner und seine Botschaft auf einmal rundum erneuert wirken. Der informierte Beobachter mag darüber zu Recht den Kopf schütteln, doch der Ottonormalverbraucher ist verdutzt und zunächst einmal positiv erstaunt. Er schaltet sich ja nur sporadisch in den Wahlkampf ein und sucht noch immer nach dem besten Bewerber für das Weiße Haus. Der Kandidat, der jetzt voller Elan auf Sendung ist und den Wähler neu packt, hat erst einmal einen Vorteil.