RAF-Film Retro-Terroristen

Die Deutschen beschäftigen sich wieder einmal inbrünstig mit der RAF. Weil die im Rückblick weniger Schrecken verbreitet als der globale, unfassbare Terror von heute

Andreas Baader, gespielt von Moritz Bleibtreu, in dem neuen RAF-Film, der diese Woche in die Kinos kommt

Andreas Baader, gespielt von Moritz Bleibtreu, in dem neuen RAF-Film, der diese Woche in die Kinos kommt

Zurzeit kann man keine Zeitung und kein Magazin aufschlagen, ohne dass der ein oder andere RAFler einem daraus finster entgegenblickt. Man könnte meinen, wir lebten noch in den Siebzigern. Und Helmut Schmidt – der gefühlte Großvater der Deutschen - wird zu jeder Frage, jedem Missstand um seine Meinung gefragt, als sei er immer noch Bundeskanzler.

Die Welt ist nicht gerade friedlich; es gab gerade einen Krieg im Kaukasus, Pakistan erlebte seinen 11. September, in Südafrika tobt ein erbitterter Machtkampf, in China wurden Kinder vergiftet. Doch die Deutschen beschäftigen sich lieber damit, ob Andreas Baader nun gelispelt hat oder nicht.

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Immerhin sind sie in ihrer großen Retrospektive, die sie seit Beginn des 21. Jahrhunderts vehement eingeläutet haben, ein paar Jahrzehnte aufgerückt: Nun geht es gerade mal nicht mehr um Hitlers Verhältnis zu Frauen und Hunden, sondern darum, wie viele coole Sonnenbrillen die Meinhof hatte oder wer mit wem schlief im inner circle der RAF.

Neben modisch-historischen Nebensächlichkeiten wird gelegentlich auch Wichtiges thematisiert. Zum Beispiel die Frage, welche genauen Vorschläge der Krisenstab zum Umgang mit den RAFlern seinerzeit diskutierte. Einer Theorie nach sollten sie erschossen werden, falls sie den entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer umbrächten. Viele Akten sind hierzu immer noch unter Verschluss.

Insgesamt aber verblüfft die Akribie und Permanenz, mit der sich die deutsche Öffentlichkeit diesem Kapitel deutscher Geschichte in ikonographischer Hingabe widmet. Ist der neue Eichinger-Film, der an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, daran schuld? Nein, er ist eher Symptom als Ursache.

Wer nun die Gazetten aufschlägt und sich die Fotostrecken anschaut, den überkommt weniger ein kalter Schauer (der überkommt einen, wenn man sich die Videos zu dem Anschlag in Islamabad anschaut), sondern eher ein behagliches Gefühl, beinahe so etwas wie „Nestwärme“.

Denn die RAFler sind keine Unbekannten aus einem globalisierten Irgendwo, die irgendwann irgendwen umbringen wollen. Sie sind uns mittlerweile vertraut, stehen für urdeutschen, hausgemachten Terror. Man weiß viel über sie, ihr Elternhaus, ihren Werdegang, ihre Liebschaften, ihre körperlichen Stärken oder Gebrechen, ihre kulinarischen und musikalischen Präferenzen und vieles mehr.

Leser-Kommentare
  1. aus sicht des volkes hat die raf die "am meisten chauvinistischen kräfte, die reaktionärsten, die am meisten imperialistischen" (=faschisten) in deutschland das fürchten gelehrt. sie wurden dann selbst dazu. letztendlich haben die menschenfeinde der einen generation die menschenfeinde der anderen generation angegriffen.
    trotzdem, wer die "bundeswehr im innern fordert", wer "heiligendamm" veranstaltet, wer "vorratsdaten" sammelt, der ruft nach der raf. denn gewalt wird mit gewalt beantwortet.

  2. rührt wohl weniger daher, dass die weltweit auftretenden Terroristen wesentlich brutaler handeln als das bei der RAF der Fall war.

    Es ist wohl eher das Faszinosum, das aus der Herkunft mitten aus der bundesdeutschen Gesellschaft , aus der sich diese Täter rekrutierten, resultiert. Die damit einhergehenden Fragen beschäftigen bis heute die Zeitzeugen wie auch die Nachgeborenen.

    Man mag zu den Taten und Tätern stehen wie man will, zu entschuldigen gibt es wohl nichts. Das ändert aber auch nichts an der Tatsache, dass zumindest einige der Täter/innen eine berechtigte Wut auf die bundesdeutsche Geselsschaft der Nachkriegszeit hatten. Eine ohnmächtige Wut darüber, dass viele der Nazitäter und Mitläufer wieder in Positionen gekommen waren, in die sie nach Meinung vieler Leute der Altersgruppe um Meinhoff & Co. nicht gehörten.

    Es ist wohl vor allem diese aus der Sicht Vieler "ethisch begründete" Entstehungsgeschichte der RAF und ihrer Sympathisanten, die bis heute zum Mythos dieser Gruppe beiträgt.

    Wäre es nicht so, wäre auch niemand auf die Idee gekommen, darüber einen abendfüllenden Film zu drehen, der vermutlich ein echter Kassenschlager werden wird.

    Am Rande: Fehlverhalten unserer Staatsorgane, wie am Wochenende in Köln, oder in Heiligendamm, wo Demonstranten viele Stunden lernen durften was "Käfighaltung" bedeutet, sorgt u.U auch dafür, dass die RAF evtl. Nachfolger findet.

    Dazu ein Auszug aus einem Bericht der taz:
    http://www.taz.de/1/polit...

    " KÖLN taz Heftige Vorwürfe gegen das polizeiliche Vorgehen erheben die Organisatoren der Blockaden beim Kölner "Anti-Islamisierungskongress". Das "Bündnis gegen ,pro Köln'" wirft der Polizei vor, vorläufig festgenommene Demonstranten gegen den Rechtsaußenevent am Samstag einer "rechtswidrigen und menschenunwürdigen Behandlung unterzogen" zu haben.

    Bis zu zwölf Stunden hätten mehrere hundert Protestierer, darunter auch zahlreiche Minderjährige, in der Gefangenensammelstelle in Brühl verbringen müssen. "Die Verhältnisse dort waren chaotisch", sagte Bündnissprecher Reiner Schmidt. Teilweise seien 30 Personen in Käfigen von nur 36 Quadratmeter Größe zusammengepfercht gewesen. Anwälten sei der Zugang zu Gefangenen verwehrt worden. Auch vier Mitarbeiter des Jugendamtes hätten große Schwierigkeiten gehabt, mit festgehaltenen Jugendlichen zu reden. "

    • Anonym
    • 23.09.2008 um 19:03 Uhr
    3. (...)

    (auf Wunsch des Benutzers entfernt. Die Redaktion/jk)

    • Rellem
    • 23.09.2008 um 19:25 Uhr

    Hi @ll
    Zitat aus dem Artikel
    *Zurzeit kann man keine Zeitung und kein Magazin aufschlagen, ohne dass der ein oder andere RAFler einem daraus finster entgegenblickt. Man könnte meinen, wir lebten noch in den Siebzigern. Und Helmut Schmidt – der gefühlte Großvater der Deutschen - wird zu jeder Frage, jedem Missstand um seine Meinung gefragt, als sei er immer noch Bundeskanzler.*
    Zitat Ende

    Zeitung/Magazin
    Es ist in Teilen der Medien/Kultur auch heute noch so das die RAF mit Hingabe verklärt wird, das erklärt die Präsenz dieser nonkonformistischen Wohlstands-Söhnchen und Töchterchen, die sich in ihrem fanatischen Hass regelrecht suhlten.
    Extrem widerlich ist, das von den gleichen Medien die Opfer weitgehend ignoriert werden.

    Helmut Schmidt
    Der Mann hat
    -Charakter
    -Anstand
    und in seiner Amtszeit wesentlich schwere Entscheidungen
    -zu treffen
    -zu verantworten
    und hat Deutschland souverän in dieser Zeit geführt.
    Seine Entscheidungen waren nicht fehlerfrei, wie er selber zu gibt, was offenbart das der Mann zu Selbstkritik fähig ist.
    Das ist der Grund weshalb er zu RECHT gefragt wird und er obendrein auch noch etwas zu SAGEN hat.
    Gruss
    Rene

  3. in einer Zeit in der vieles zweideutig ist, weil jeder (politiker, jede öff person) widersprüchlich handelt, bietet es sich an Figuren hervorzukramen, die eindeutig sind, und die aus unserer Sicht taten was noch immer ihre Überzeugung ist/wäre. Was lohnt es sich über einen Umfaller zu berichten? Im Prinzip sind Schmidt, die RAF usw Ideale. Deswegen kommen sie in die Zeitung. Es ist aber normal, daß sich Normalsterbliche einen Weg zwischen den Idealen(Originalen) suchen, vorausgesetzt sie waren in der Zeitung. Wer würde schon Sartre nachmachen und den Nobelpreis ablehnen? Für Solschenyzin (wortgewaltiger Dissident und sensibler Nationalist) und Sacharow(Wasserstoffbombenpapst und hungerstreikender Dissident) war es genauso originell und ideal sie anzunehmen. Schmidt musste Gorleben freiprügeln lassen, die Bundeswehr im Hamburg (friedlich) einsetzen und eigentlich auch Ketterauchen, weil er sonst nicht mehr das Original und Ideal wäre. Es wäre aber unvernünftig ihn nachzumachen weil man das Mensch normaler nicht packt.

  4. es gibt zu den beiden historienpornos des eichingers bessere und interessantere alternativen: zu adolf nazi(der im gegensatz zu einem bekannten zeitjournalisten über charisma verfügte(ich entschuldige diesen seitenhieb auf einen artikel der zeit von vorgestern))den ergreifenden"100 jahre hitler -der letzte tag im führerbunker" von schlingensief 1989
    und zur raf: "the raspberry reich" von bruce labruce 2004
    p.s.
    ich erinnere ein zitat von matthias deutschmann:
    ...sonst heisst es eines tages:"es war ja nicht alles falsch damals...bei der raf"

    • Akram
    • 23.09.2008 um 21:16 Uhr

    Das Thema ist Medienthema. Die 68ger sind gerne Schreiber gewesen und sitzen nun in leitenden Funktionen, sind Journalisten, machen Filme. Sie arbeiten ihre eigene Geschichte auf. Die meisten sehen es eher als real crime, die Jüngeren werden diese Geschichte ganz anders einordnen. Das ist auch gut so. Es war auch gut die Interpretation des 3. Reiches nicht den alten Nazis zu überlassen.

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    deutlich sieht, geht es vielen der "Jüngeren" eher um einen Nachweis der eigenen "politischen Korrektheit" denn um eine nüchterne Interpretation...

    Gott schütze uns vor den Wohlmeinenden!

    Nazis und "Baader-Meinhofler" waren Verbrecher, da hören die Gemeinsamkeiten schon auf.

    Dass Ihre Generation ("die meisten"?) die RAF als "real crime" Thema sieht, glaube ich gern und ist nachvollziehbar. Hat ja auch was und ich finde das nicht mal schlimm. Wenn sie aber Nazis und RAF in einen Hut werfen, ist Ihre "Geschichtseinordnung" eindeutig nicht kompetent

    deutlich sieht, geht es vielen der "Jüngeren" eher um einen Nachweis der eigenen "politischen Korrektheit" denn um eine nüchterne Interpretation...

    Gott schütze uns vor den Wohlmeinenden!

    Nazis und "Baader-Meinhofler" waren Verbrecher, da hören die Gemeinsamkeiten schon auf.

    Dass Ihre Generation ("die meisten"?) die RAF als "real crime" Thema sieht, glaube ich gern und ist nachvollziehbar. Hat ja auch was und ich finde das nicht mal schlimm. Wenn sie aber Nazis und RAF in einen Hut werfen, ist Ihre "Geschichtseinordnung" eindeutig nicht kompetent

  5. deutlich sieht, geht es vielen der "Jüngeren" eher um einen Nachweis der eigenen "politischen Korrektheit" denn um eine nüchterne Interpretation...

    Gott schütze uns vor den Wohlmeinenden!

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