Reformpolitik Die Rückkehr des Staates
Die SPD historisiert die Agenda 2010, die Kanzlerin fordert staatliche Kontrollen der Finanzmärkte. Deregulierung war gestern, ein Jahrzehnt der Reformen geht zu Ende
Frank-Walter Steinmeier gilt als einer der geistigen Urheber der Agenda 2010. Als er noch nicht Außenminister war und noch nicht Kanzlerkandidat der SPD, sondern Chef des Kanzleramts und treuer Diener von Gerhard Schröder, da ersann er jene Reformpolitik, die zur Großbaustelle des Sozialstaates wurde und die SPD an den Rand einer Spaltung trieb.
Jahrelang stritten die Sozialdemokraten über die Agenda. Sie verloren darüber die Bundestagswahl 2005, stützten in eine tiefe Krise und konnten nicht verhindern, dass neben ihnen mit der Linken eine neue Partei entstand. Doch jetzt soll damit Schluss sein; die SPD will die Schröder'sche Reformpolitik in die Geschichtsbücher verbannen.
„Wir sollten uns im Klaren sein, dass die Wähler im nächsten Jahr nicht über die Frage entscheiden, ob wir 2002 und 2003 die richtigen Entscheidungen getroffen haben“, sagte Steinmeier am Wochenende in einem Zeitungsinterview. Vielmehr werde es im Bundestagswahlkampf 2009 um „Antworten auf die Fragen des nächsten Jahrzehnts“ gehen.
Parteifreunde sind da noch deutlicher. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion Thomas Oppermann spricht von einem „abgeschlossenen Kapitel“, SPD-Fraktionschef Peter Struck von „Vergangenheit“.
Die SPD beerdigt also die Agenda, und der Zeitpunkt dafür scheint günstig. Denn die Zeichen der Politik stehen wieder auf staatliche Regulierung und klassische Umverteilung. Die Zeiten, in denen die Politik von den Bürgern mehr Eigenverantwortung einforderte, auf Liberalisierung, Flexibilisierung und die Marktkräfte setzte und den Wählern schmerzhafte Einschnitte bei den Sozialleistungen zumutete, sind vorerst vorbei. Der Zeitgeist in der Republik hat sich gedreht.
Die Krise der Internationalen Finanzmärkte tut nun ein Übriges. Banken werden verstaatlicht und spekulative Börsengeschäfte verboten, die Finanzmärkte sollen strengere Regeln erhalten und besser kontrolliert werden. Der Staat ist zurück. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel, die einst die Bürger und den Markt von den Fesseln des Staates befreien wollte, ruft nach mehr Regulierung.
Die Kanzlerin, die auch CDU-Vorsitzende ist, weiß warum. Auch bei der Union sind die Zeiten vorbei, in denen man den Arbeitsmarkt flexibilisieren, den Kündigungsschutz lockern und das Steuersystem drastisch vereinfachen wollte. Noch einmal wird die Union nicht mit einem neoliberalen Programm in einen Bundestagswahlkampf gehen. Das war schon 2005 beinahe schiefgegangen, und für 2009 hat die Partei daraus ihre Lehren gezogen.
- Datum 04.05.2009 - 10:54 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Der Autor des Artikels nimmt differenzierte Aussagen führender Politiker, um sie für eine undifferenzierte Interpretation zu missbrauchen. Das ist bedauerlich, weil es politisch in der kommenden Legislaturperiode durchaus spannend zu werden verspricht.
Letztlich geht es keiner Partei darum, einen erneuten Reformstau zu produzieren. Vielmehr wird - endlich - das getan, was notwendig war: Die Reformpolitik der vergangenen Jahre als weiterzuentwickelndes, z.T. zu korrigierendes Element zu betrachten. - Was viele Kommentatoren noch nicht begriffen haben: Die Agenda ist, wie ihr Urheber bereits öffentlich gesagt hat, nicht "in Stein gemeißelt". Sie ist ein Grundgedanke, ein Anfang.
Das statische Politikdenken des Autors ist ein Missverständnis, das er auf die Parteien überträgt.
In der SPD beginnt der Gedanke zu fruchten: Man kann mit einer in Details verbesserten Agenda punkten und soziale Politik betreiben. Die SPD steht also weiter für Reformen. Ausgewiesene SPD-Linke verfechten (mit prominenten Ausnahmen) den Blick nach vorn. Dass niemand das Rad der Geschichte zurückdrehen kann, ist (vermutlich nahezu der gesamten) SPD bewusst.
Bei der CDU/CSU gibt es keinen Standpunkt, sondern nur Gegensätze. Und zwar auf beiden Seiten: Noch immer stehen im Leipziger Programm die schein-sozialen Wischiwaschi-Meinungen Rüttgers und die wirtschaftsliberalen Bierdeckel-Ideen Merz' unvereinbar nebeneinander. Die Kanzlerin hat nicht die Courage, diesen Widerspruch durch Eindeutigkeit aufzulösen. - Bei der Erbschaftssteuer tun sich aktuell exakt diese Gräben auf.
Es wird deshalb deutlich, dass die CDU und die Kanzlerin allein nicht die Kraft haben werden, Reformen in ihr Programm zu schreiben. Sie brauchen eine Koalition, die sie treibt.
Das Ende der Reformen ist also nicht gekommen, wohl aber das - notwendige - Zeitalter ihrer Weiterentwicklung und Korrekturen. Die CDU/CSU wird vielleicht an der Regierung bleiben. Aber eine reformerische Kraft wird sie - weiterhin - nur mit einer starken SPD oder mit notdürftig und unvollständig von der SPD abgekupferten Ideen (s. Familienpolitik, s. teilweise Bildungspolitik) sein.
haben Steinmeier - als maßgeblicher Mitkonstrukteur der Agenda 2010 - und Müntefering als Durchpeitscher der Agenda - wer nicht arbeitet soll auch nicht essen - hinlänglich bewiesen.
Nun, wo die im wahrsten Sinne kapitalen Böcke ihr auskömmliches Einkommen in der Privatwirtschaft fanden, will man die Böcklein der zweiten Reihe zu Gärtnern machen.
Tolle Idee.
Frei nach Kleist: Der Wähler geht so lange zur Urne bis er kotzt.
...diese Aussage im Artikel ist falsch. Lediglich die Verluste werden verstaatlicht, mithin dem Steuerzahler bzw. der ganzen Welt zur Tilgung weitergereicht. Mit dem "Big Stick" wird diskret die Richtung vorgegeben. Freie Marktwirtschaft, früher auch Kapitalismus genannt, at it´s best. Zum Totlachen.
Wer jetzt kein Haus baut, der baut auch keines mehr, wer jetzt arm ist, wird es lange bleiben und abends Anträge auf Stütze schreiben.
Selbst als Anhänger von J.M.Keynes würde einem die schamesröte im Gesicht stehen. Denn auch damals belebte Konkurrenz das Geschäft. Wenn nun auch noch Verluste verstaatlicht werden, finden unsere Freunde der KFW auch bald wieder einen Arbeitsplatz...
Ich könnte nun hämisch sagen, dass sich der Verfasser des Artikels zu früh gefreut hat. Aber ich möchte doch die politische Gesinnung des Verfassers nicht zu sehr beanspruchen.
Es ist ein Irrglaube, dass wir künftige Finanzkrisen durch mehr Regulierung verhindern könnten. Es muss sich weiterhin lohnen auch Risiken einzugehen.
Die Frage, welche sich die Verantwortlichen stellen müssen lautet: "Wo ist die Grenze zwischen Risikofreude und dem irren Uocken mit dem Geld anderer Leute?
Alles andere ist kalter Kaffee aus der Zeit des Sozialismus und vor dem möge Gott uns bewahren!
"Parteifreunde sind da noch deutlicher. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion Thomas Oppermann spricht von einem „abgeschlossenen Kapitel“, SPD-Fraktionschef Peter Struck von „Vergangenheit“."
Allein, die Vergangenheit lebt und stellt weiter bohrende Fragen, vergleiche: Ottmar Schreiner (SPD), "Die Gerechtigkeitslücke"
Nach der aktuellen koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung lag das Verhältnis der Summe von zu Versorgenden (Alte ab 60 Jahren und Junge unter 20 Jahren) zu Erwerbsfähigen (Versorgenden) 2001 bei 45 Prozent. Es fällt bis 2010 auf 44,3 Prozent und erreicht 2020 sogar ganze 46,6 Prozent.
Warum wurden die renten reformiert (gekürzt)?
Die aktuellen Rentenkürzungen gehen in der Tat (noch nicht) auf den demographischen Wandel zurück, sondern sind wesentlich durch die Wiedervereinigung begründet. Viele neue Rentenbezieher denen nur geringe Einnahmen (hohe Arbeitslosigkeit und gering entlohnte Arbeit) in der Rentenkasse gegenüberstehen. Entsprechend erfolgt eine Umverteilung innerhalb des Rentensystems von West nach Ost.
Die aktuellen Rentenkürzungen gehen in der Tat (noch nicht) auf den demographischen Wandel zurück, sondern sind wesentlich durch die Wiedervereinigung begründet. Viele neue Rentenbezieher denen nur geringe Einnahmen (hohe Arbeitslosigkeit und gering entlohnte Arbeit) in der Rentenkasse gegenüberstehen. Entsprechend erfolgt eine Umverteilung innerhalb des Rentensystems von West nach Ost.
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