LexikonGebundene Netz-Weisheit

Klassische Lexika gelten als tot. Nun bringt Bertelsmann ein Nachschlagewerk mit Wikipedia-Inhalten heraus. An das Online-Orginal reicht es aber nicht heran von 

Äußerlich sieht es nicht viel anders aus als andere Lexika: In Größe und Format entspricht das Wikipedia-Lexikon in einem Band den Konkurrenzprodukten von Brockhaus und Bertelsmann, mit fast 1000 Seiten bringt die Neuerscheinung knappe zwei Kilo auf die Waage. Doch so unspektakulär die Aufmachung auch erscheinen mag,  Inhalt und Entstehung sind eine Revolution in der Branche. Statt sich auf den seit Jahrzehnten gepflegten Wissensschatz des Lexikon-Instituts Bertelsmann zu stützen, setzt der Buchverlag nun als Erster auf die Arbeit von Amateuren: Alle Artikel stammen von über 90.000 freiwilligen Autoren, die seit sieben Jahren an der Internet-Enzyklopädie Wikipedia mitarbeiten.

Und diesen Unterschied zu den klassischen Lexika bemerkt man schon beim ersten Blick. Neben klassischen Inhalten wie dem 1. Buch Mose werden hier auch Filme wie 10 Dinge, die ich an dir hasse und 12 Monkeys vorgestellt. Bertelsmann hat die "Weisheit der Massen" eben gleich zweifach genutzt. Nicht nur die Inhalte kommen aus der Wikipedia, auch die Auswahl stammt – mittelbar – von den Wikipedia-Lesern. Um die Inhalte zu finden, die heutzutage viele Leser wirklich interessieren, haben die Lexikon-Macher die Zugriffsstatistiken der Online-Enzyklopädie ausgewertet. Für die Printausgabe verwendeten sie die 50.000 Stichworte, die in den vergangenen zwei Jahren am häufigsten aufgerufen wurden.

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Wie zu erwarten, stehen in der nun veröffentlichten Wiki-Hitparade Fernsehserien, Popsternchen und sexuelle Spielarten ganz oben. Aber auch das klassische Lexikon-Repertoire kommt nicht zu kurz, Staaten und Fremdworte werden genauso erklärt wie historische Schlachten. Die Artikel sind dabei deutlich länger als im Brockhaus in einem Band : Während der Klassiker meist nur einen Satz als Erläuterung bietet, umfassen die Einträge im Wikipedia-Lexikon oft drei bis vier Sätze. Das macht die Kurz-Artikel lesbarer und oft auch interessanter als die knappen Informationen des Brockhaus.

Dennoch handelt es sich bei den Artikeln des neuen Lexikons natürlich nur um Bruchstücke der Wikipedia-Artikel. Die Redaktion verwendete jeweils nur die Einleitung der Artikel, die die Bedeutung eines Stichworts meist recht genau zusammenfasst. Diese Lösung bot sich nicht nur aus Platzgründen an: Je länger sich Wikipedia-Artikel winden, umso leichter schleichen sich Ungenauigkeiten, ungelenke Formulierungen und teilweise auch juristisch bedenkliche Inhalte ein. In den ersten Sätzen zeigen sich die Enzyklopädie-Amateure aber meist sehr nüchtern, wenn auch weniger prägnant als die professionelle Konkurrenz.

Die Verleger von WissenMedia betonen, alle Artikel inhaltlich geprüft und nur sehr behutsam in die Texte eingegriffen zu haben. "Dadurch haben wir den unverkennbaren Wikipedia-Charakter beibehalten. Artikel wurden nur verändert, wenn die Relevanz des Themas nicht erkennbar war, inhaltliche Lücken oder eindeutige Fehler auftraten", erklärt Verlagsleiterin Beate Varnhorn.

So ganz traut Wissenmedia dem kostenlosen Wissen allerdings nicht über den Weg – schließlich will man den eigenen Lexikonkorpus nicht entwerten, aus dem der Verlag seine zahlreichen Lexikon-Ausgaben speist. So unterstreicht die Verlagsleitung auch den "Jahrbuchcharakter" des Werks. Aktualität spielt hier sicher eine Rolle. So sind sowohl die Fernsehserie Lost aufgeführt als auch TV-Sternchen Kader Loth, der Brockhaus in einem Band kennt dagegen nicht mal die Lindenstraße . Dafür müssen die Käufer des neuen Wikipedia-Lexikons auf den Namensartikel "Lothar", die Nennung der angolanischen Hauptstadt Luanda oder die Kurzdefinition des Wortes "Lotse" verzichten. Die Unterschiede ziehen sich durch alle Sparten: Während der Brockhaus den englischen Philosophen Ockham erwähnt, definiert Wikipedia lieber dessen oft zitiertes Sparsamkeitsprinzip - "Ockhams Rasiermesser".

Leserkommentare
    • Anonym
    • 18. September 2008 15:44 Uhr

    Der Begriff "Weisheit" in Ihrer Überschrift ist nicht dasselbe wie "Wissen" oder gar bloß "Information". Hokmah ist, so glaube ich, die reine Weisheit. Hokmah und Wikipedia sind aber nicht dasselbe. Wikipedia könnte man ob als Internetpalttform oder Druckerzeugnis als gebündeltes Datenwissen in Erklärungen, Darlegungen, Abhandlungen, Beschreibungen und Vergleichungen etc. bezeichnen. Wikipedia ist so etwas wie ein Informationslieferant zu vielen Themen, Fragen und Begriffen. Aber auch nicht frei von Unzulänglichkeiten und Fehlern.

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  • Schlagworte Wikipedia | Brockhaus | Fernsehserie | iPhone
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