Nein, sagt Kurt Beck, ein "Abrechnungsbuch" sei seine Autobiografie "überhaupt nicht", auch kein bitterer Blick zurück, sondern ein "leidenschaftliches Bekenntnis zur Sozialdemokratie". Und dann blickt er wieder mit seinem bekannten betretenen Gesicht in die Schar der Hauptstadtjournalisten, von der er sich seit zweieinhalb Jahren, seit er SPD-Vorsitzender wurde, besonders missverstanden fühlt. Dicht gedrängt sitzen und stehen die in der Rheinland-Pfälzischen Landesvertretung. Zum ersten Mal seit seinem Rücktritt, seit den dramatischen Ereignissen am Schwielowsee am 7. September, erklärt sich Kurt Beck vor den Hauptstadtpresse.

Die ersten Auszüge aus seinem Buch mit dem Titel Ein Sozialdemokrat , die die Bild -Zeitung am Montag veröffentlicht hat, haben neugierig gemacht. Denn darin deutet Beck zum Beispiel ein tiefes Zerwürfnis mit seinem Nachfolger Franz Müntefering an. Er beklagt sich bitter über Quertreiber in der SPD und benennt Alt-Kanzler Gerhard Schröder als einen der Hintermänner der Intrige gegen ihn.

Seine öffentliche Demontage und seinen tiefen Sturz, so viel wird an diesem Tag deutlich, hat Kurt Beck längst noch nicht verarbeitet. Doch mit seinem Auftritt bei der Buchvorstellung machte sich der gewesene SPD-Chef endgültig zu einer tragisch-traurigen Gestalt.

Es war ja auch ganz anders geplant. Denn eigentlich sollte Gerhard Schröder das Werk vorstellen, als Selbstbeweihräucherung eines unerschütterlichen SPD-Vorsitzenden, der noch in Amt und Würden ist. Beck wollte mit dem Buch seinen Führungsanspruch untermauern und für seine Partei einen programmatischen Ausblick wagen.

Es kam bekanntermaßen alles ganz anders. Eine Einleitung, die auf die aktuellen Ereignisse eingeht, hat Beck der Autobiografie nun noch rasch vorangestellt, und statt des Altkanzlers sitzt nun der Fernsehjournalist Heiner Bremer neben Beck. In einem etwa 45-minütigen Gespräch versucht der dem Ex-SPD-Chef ein paar Hintergründe seines Rücktritts zu entlocken, Motive oder Einsichten und vielleicht auch die eine oder andere Schuldzuweisung. Der Versuch misslingt, und auch die übrigen Journalisten, die Beck anschließend befragen dürfen, kommen da nicht weiter.

Wieder einmal fühlt sich Kurt Beck von aller Welt missverstanden und falsch interpretiert, als Opfer von Journalisten und Büchsenspannern in der SPD. Von Kritik an seinem designierten Nachfolger will der Ministerpräsident und gerade bestätigte SPD-Landesvorsitzende von Rheinland-Pfalz nichts wissen. Er habe "Respekt" vor Franz Müntefering, sagt er, und aus "keiner Zeile" seiner Autobiografie lasse sich eine "negative Haltung" unterstellen. "Ich trete nicht nach", beteuert er.

Das kann man allerdings auch anders sehen. In seinem Buch schreibt Beck schließlich in einer anderen Tonlage über seinen Gegenspieler. "Nicht unproblematisch" nennt er sein Verhältnis zu Müntefering, spricht von Politikstilen, die "schwer vereinbar" seien, und schreibt, "es war schwierig, mit ihm Perspektiven zu erarbeiten", die über die Große Koalition hinausreichten. Irgendwie passt das nicht zusammen.

So geht es weiter, die von ihm ersonnene Wahlkampf-Troika aus Beck, Kanzlerkandidat Steinmeier und Müntefering nennt der Ex-Parteichef auch rückblickend "tragfähig", obwohl sie offenkundig nicht einmal 48 Stunden hielt. Er spricht von Intrige, nennt aber keine Namen, nimmt aber Steinmeier und Müntefering ausdrücklich von diesem Vorwurf aus, obwohl vor allem die beiden offensichtlich von ihr profitiert haben – wenn es sie denn gab. Mit dem Wort "Wolfsrudel", das sensationsheischend auf dem Cover seines Buches steht, will er plötzlich nicht mehr seine Partei gemeint haben, geschweige denn die Parteiführung, sondern die Politik allgemein.

Wenig später dann wirft Kurt Beck der Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, dass sie sich und ihre CDU in der Großen Koalition gegen die SPD profiliert, seiner Partei die "Butter vom Brot gekratzt" und sich zum Beispiel bei der Einführung der Rente mit 67 "in die Büsche" geschlagen habe. Ganz so, als sei eine Koalition kein Zweckbündnis gegnerischer Parteien, sondern ein Benediktiner-Orden.

Kurt Beck leidet, die Verbitterung, die er abstreitet, ist ihm anzusehen, und sie klingt in allen seinen Einlassungen durch. Er will "Distanz" zwischen sich und die Ereignisse bringen, aber es gelingt ihm nicht. Ein tiefgekränkter ehemaliger SPD-Vorsitzender sitzt dort in dem schwarzen Lederstuhl und lächelt gequält. Er versucht, nach außen das Gesicht zu wahren und nach innen die Fassade aus Realitätsverzerrungen, Rechtfertigungen und offenkundig falschen Erinnerungen aufrechtzuerhalten, die er zum Selbstschutz um sich errichtet hat. Er will übel nehmen, aber er erlaubt sich nicht einmal das. Schließlich will er weiter zur großen sozialdemokratischen Familie gehören, als Ministerpräsident, der "nicht aus der Bundespolitik verschwindet".