US-Wahlkampf

God bless America

Nicht nur die politischen Aktien der Supermacht sind auf Talfahrt, auch der amerikanische Traum verwandelt sich für immer mehr Menschen in einen faulen Kredit. Teil zwei unserer Serie "Wimp Watch"

John McCain in Washington, 25. September

John McCain in Washington, 25. September

Noch 39 Tage bis zur Präsidentschaftswahl am 4. November. Die Momentaufnahme Ende September, kurz vor dem ersten Fernsehduell zwischen John McCain und Barack Obama :

Amerikas größte Sparkasse, Washington Mutual , ist gerade pleite gegangen. Das staatliche Rettungspaket für das Finanzwesen ist vorerst im US-Kongress gescheitert. Jede Woche verlieren ein paar Tausend weitere Familien wegen der Hypothekenkrise ihr Haus. In Texas räumen die Menschen immer noch die Trümmer von Hurrikan Ike beiseite. Bei der UN-Generalversammlung, gewöhnlich nicht viel spannender als eine Folklore-Aufführung, hagelte es verbale Ohrfeigen für die USA, während Sarah Palin, potenzielle (Vize)-Präsidentin, dort ihr außenpolitisches Image bei Fototerminen mit Hamid Karzai aufpolierte und sich vor allem für die Vornamen seiner Kinder interessiert haben soll.

God bless the United States of America , möchte man wieder mal ausrufen. Sie haben es wirklich nötig. Nicht nur die politischen Aktien der Supermacht sind auf Talfahrt, auch der amerikanische Traum verwandelt sich für immer mehr Menschen in einen faulen Kredit.

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Und die Kandidaten? Die suchen beide wie weiland Moses nach zehn oder wenigstens drei Geboten für einen Weg aus der Krise – und müssen dabei auch noch wie Moses wirken.

Bei Barack Obama fragt man sich, warum der Mann nicht endlich mal (kontrolliert) aus der Haut fährt und Richtung Weißes Haus "Schluss mit dem Bullshit" ruft. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat ihm in den Meinungsumfragen zwar wieder Auftrieb gegeben. Aber bei seinen Auftritten wirkt er so cool und distinguiert wie Sidney Poitier in seinen Filmen. Sein Enthusiasmus, den er vor seinen Wählern entfaltet, erscheint seltsam höflich. Bloß nicht wütend aussehen – das, so glaubt man im Lager Obamas, verschreckt die Weißen .

It’s the economy, stupid , es geht um die Wirtschaft, Dummkopf – so hieß 1992 das Wahlkampf-Motto von Bill Clinton. Der gewann nicht nur mit politischen Ideen, sondern auch mit viel süffigem Südstaaten-Pathos. 2008 lautet das Motto: It’s all about about fear and anger, stupid , es geht um Angst und Wut, Dummkopf.

Angst vor der Pleite, vor dem Verlust des Hauses oder der Altersvorsorge, Wut auf Wall Street, auf die Hurrikan-Saison, den Irak-Krieg. Nichts liegt Obama ferner als Bill Clintons anbiedernde "I-can-feel-your-pain"–Auftritte. Aber etwas wohldosierte Empörung käme bei weißen Wählern aus der Mittelschicht durchaus an.

Was nun mit John McCain? Der ließ mit viel Trara seinen Wahlkampf unterbrechen, um zur Rettung des Landes und seiner Banken gen Washington zu eilen, und wollte deswegen auch die für heute Abend angesetzte erste Fernsehdebatte mit Obama verschieben lassen. Dieser Plan scheiterte jetzt.

Wie Super-Moses sieht das nicht aus, eher schon wie der Zick-Zack-Kurs eines verschreckten Huhns. McCain, der einst mit durchaus sympathischer Ehrlichkeit zugab, von Wirtschaft nicht viel zu verstehen, machte diesem Bekenntnis alle Ehre, als er zu Beginn der Finanzkrise die Grundlagen der amerikanischen Wirtschaft  als "stark" bezeichnete. 36 Stunden später hatten ihn seine Berater überzeugt, dass "totale Krise" wohl doch die treffendere Beschreibung wäre.

Seitdem sucht der Mann sowohl nach geeigneten Worten wie geeigneter Pose – und muss sich zudem fragen, ob die wichtigsten Frauen in seinem Wahlkampfteam nicht bald zur größten Belastung werden. Sarah Palins Wahlkampfmanager lassen immer noch keine Journalisten mithören, wenn ihre Kandidatin mit anderen Politikern Sachfragen erörtert. Dahinter steckt die berechtigte Angst, dass Palins ökonomische Ahnungslosigkeit Amerikas Romanze mit der Elchjägerin schnell beenden könnte.

McCains Frau für den harten ökonomischen Sachverstand hat ebenfalls Imageprobleme. Carly Fiorina, Spitzname "Kettensägen-Carly", Spendensammlerin und Chefberaterin des republikanischen Präsidentschaftskandidaten, war Top-Managerin des Computer-Unternehmens Hewlett Packard, hat nach einer Fusion mit der Firma Compaq 15.000 Mitarbeiter entlassen – bis sie dann wenige Jahre später wegen fallender Gewinne selbst gefeuert wurde. Allerdings mit einer Abfindung von mehr als 20 Millionen Dollar. Eine typische amerikanische Erfolgsstory aus den höchsten Etagen. Aber keine, welche die Wähler in diesen Tagen goutieren werden.

It’s all about anger, stupid!

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Leser-Kommentare

  1. # Silberschnur.
    Natürlich geht es immer noch um die economy, [...]!
    Die Republikaner haben den von Clinton in einem 10-Jahresplan erreichten wirtschaftlichen Ausgleich des Finanzhaushaltsbudgets (geplant war er eigentlich sogar bis 2002, einige Punkte reichten in ihrer Vorberechnung bis 2004) politisch und auch ökonomisch für einseitige Kriegsausgaben missbraucht; dies zu Ungungsten wirtschaftlicher Sorgfalt.

    Der gewiefte Ökonome Clinton errechnete alles bis ins Détail, und allein aufgrunddessen plante er seinen Bundeshaushalt. Die Amerikaner haben es ihm mit zwei Amtszeiten entlohnt, das bedeutet, sie haben diesen Plan goutiert. Die schnelle Wohlfahrt hat sie kühn und vermessen gemacht, arrogant und überheblich.

    Die von Clinton ebenfalls eingeführte sogenannte "Triangulation", die Verschmelzung gegensätzlicher Standpunkte bei den Parteien, die ihm zu einem - augrund dieses Bemühens - besseren Verständnis auch bei oppositionellen Wählern verhalf, ist von republikanischer Seite mit keinem Penny goutiert worden. Oder kennt jemand ein Gegenbeispiel?

    Sie haben es sich deshalb nicht vergönnt, das sorgsam zusammengetragene Geld wie die Schweizer vorsorglich anzulegen, und der Leistung Bill Clintons innenpolitisch und ökonomisch weiterhin Rechnung zu tragen. Das hat sich eben schlimm "ausbezahlt".

    Es ist der Grund, weshalb der amerikanische Traum jetzt zusammenbicht: das Argument selbst ist überholt. In dieser Zeit ist ein Aufwachen bitter nötig, und die sich überstürzenden Ereignisse sprechen dafür Bände.

    Ich als Schweizerin weiss, dass man nur per aspera ad astra gelangen kann. Eine Windhunde-Politik der Umschwenkungen, der politischen Ignoranz und der als eindeutige Überheblichkeit zu bezeichnenden Missachtung wirtschaftlicher Zusammenhänge - die auch ein Bill Clinton einmal lernen musste, der sie jedoch in 5 Amtszeiten als Gouverneur in Arkansas anzuwenden und "auszuprobieren", und aufgrund dieser Erfahrungen das Erlernte auf Bundesebene auszuweiten verstand - kann den einst goutierten Grundsatz von der "dummen Wirtschaft" nicht mehr aufwiegen.

    Wieder einmal kann ich mir - es ist unangebracht - eine kleine Schadenfreude über die vorauszusehende Katastrophe - nun nicht verübeln.

    Auf der Höhe bleibt, wen die Wellen der ZEIT erreichen.

    [Gekürzt, bitte unterlassen Sie persönliche Beleidigungen. Danke. /Die Redaktion pt.]

  2. [Bitte stören Sie den Fluß der Debatte nicht durch das mehrmalige Posten des selben Beitrags/ Redaktion; svb]

  3. Leider eine wiederholt falsche Übersetzung des geflügelten Wortes:
    "It´s the economy, stupid!"
    Dies wird nämlich sinngemäß mit: "Es ist einfach nur die Wirtschaft!" übersetzt.

    Das ändert allerdings nichts daran, dass diese einfache Weisheit Obama vermutlich ins Weiße Haus bringen wird, wo er dann hoffentlich andere Saiten aufzieht.

    Wäre dies nicht der ideale Zeitpunkt für einen neuen "New Deal"?

    Was hält Obama davon ab, jetzt in die Offensive zu gehen?

    Ist er genauso marktgläubig wie die Bush-Administration?
    Dieses 700-Mrd-Dollar-Paket hat doch so garnichts mit Sozialismus zu tun, vielmehr ist es purer Neoliberalismus:
    Eine Maßnahme, um den credit-flow und damit die Wirtschaftsdynamik nicht zu gefährden, ohne jedoch dabei die Eigentumsverhältnisse anzutasten.

    Ein größerer Kniefall vor dem bestehenden System ist nicht denkbar.

    Vielleicht - niemand weiß es - ist Obama einfach nur schlau.
    Sein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Hillary Clinton, die knappen Umfragewerte so kurz vor der Wahl:
    Wer würde es ihm verdenken , wenn er, trotz innerer Überzeugung, jetzt nicht mehr riskieren will, "zu den Waffen zu rufen", so wie Roosevelt es vor langer Zeit getan hat?

    Wäre das nicht zu riskant, könnten seine Gegner die Sozialismuskeule nicht noch -so kurz vor dem Ziel - erfolgreich auf ihn niedersausen lassen?

    Obama wandelt auf sehr dünnem Eis - ich könnte es ihm nicht verdenken, wenn er lieber noch sechs Wochen die Zähne zusammenbeißt, statt sich jetzt auf den Ausruf der Revolution zu verlegen.

    Das paralysierte und - das ist nun mal die Wahrheit - weitestgehend völlig desorientierte und jeder Sachkenntnis unverdächtige Wahlvolk in den USA könnte ihn mit einem irrationalen Votum bestrafen.

    Diese Finanz- und allgemeine Legitimationskrise der USA hat auch ihr Gutes:
    Ein Angriff auf Iran scheint momentan undenkbar, weil der Bevölkerung absolut nicht vermittelbar, sowenig wie verstärkte Anstrengungen, den "Krisenherd" Südamerika unter Kontrolle zu bringen.

    Es wäre fatal, wenn Obama die Präsidentschaftswahl verlöre; das Looser-Couple McCain/Palin wäre angesichts der anstehenden Herausforderungen nur allzu leicht zu instrumentalisieren: Eine grauenvolle Perspektive.

    Ich zähle den Count-down und setze auf Obamas überdurchschnittliche Intelligenz.
    Es geht jetzt erstmal darum, dass er die Wahl gewinnt und bei guter Gesundheit sein Amt antritt.

    Sehr lesenswert die ausführliche Betrachtung des "New Deal" Roosevelts im Verhältnis zur aktuellen Situation:
    www.spiegelfechter.com

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    Sie haben es auf den Punkt gebracht!

    Neuland

    Obama hat (und hatte) weit mehr Spenden zur Verfuegung als Hillary Clinton. Vielleicht liegt der Grund fuer die Zurueckhaltung auch nur einfach in der Ruecksicht auf (grosse) Spender?

  4. Sie haben es auf den Punkt gebracht!

    Neuland

    Antwort auf "Step by step"
    • 26.09.2008 um 22:35 Uhr
    • vlad

    Obama hat (und hatte) weit mehr Spenden zur Verfuegung als Hillary Clinton. Vielleicht liegt der Grund fuer die Zurueckhaltung auch nur einfach in der Ruecksicht auf (grosse) Spender?

    Antwort auf "Step by step"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wie so oft und oft geschrieben - Obama erhält überwiegend Spenden von kleinen Spendern. Für eine ausführliche Aufzählung die aufgearbeiteten offiziellen Daten bei der NYT:
    http://elections.nytimes....

  5. Wie so oft und oft geschrieben - Obama erhält überwiegend Spenden von kleinen Spendern. Für eine ausführliche Aufzählung die aufgearbeiteten offiziellen Daten bei der NYT:
    http://elections.nytimes....

    Antwort auf "Spenden?"
  6. Etwa weil sie hier auf Erden Gott vertreten bzw. ersetzen? Welcher stinkende faule Schleim der Entzündung. Nein, Gott denkt an die Ohnmächtigen, Armen und solchen , die Leid tragen. Das Verrückte ist lediglich, dass sein Mitgefühl nicht durch eine Rettungsaktion sichtbar wird, sondern im Komplexen wie in einem Nebel aktiv ist - im Widerspruch als Zuspruch. Aus diesem Grund ist der Tenor "God bless America" eine Okkupation.

    • 27.09.2008 um 9:22 Uhr
    • Gafra
    8. Hm???

    "Aus diesem Grund ist der Tenor "God bless America" eine Okkupation."

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  • Von Andrea Böhm
  • Datum 22.1.2009 - 15:30 Uhr
  • Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
  • Serie opi
  • Quelle ZEIT ONLINE
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