Ein simpler Kurztext-Dienst, mehr ist es eigentlich nicht: Twitter gehört inzwischen zu den Stars der Web 2.0-Szene. Man residiert in Downtown San Francisco, an einer zentralen Verkehrsachse in einem großflächigen Loftbüro im Technologieviertel SoMa. Maximal 140 Zeichen lang dürfen sie sein, die Notizen, die man über Twitter verschickt. Gelesen werden sie auf Handys, PDAs und auf dem PC.

Twitter, benannt nach dem englischen Wort für Zwitschern, hat seine Wurzeln in der schnelllebigen Alltagskommunikation: "Mit dem Namen Twitter wollten wir darauf hinweisen, dass es nicht auf die einzelne Nachricht ankommt, sondern auf das Konzert aus sehr vielen Stimmen" sagt Biz Stone, einer der Mitgründer von Twitter. Und man möchte sich natürlich von der Social Network-Konkurrenz abgrenzen: "Bei uns muss man niemanden einladen, um eine Verbindung herzustellen. Die Twitter-User entscheiden eigenständig, wem sie folgen wollen und wem nicht", so Stone. Dennoch, die Anwendungsformen verwischen: "Das Twitter-Universum ist schon ein Netzwerk und es enthält auch soziale Elemente. Aber uns geht es nicht so sehr um die Bildung von Gruppen oder das Vernetzen von "Freunden". Deshalb verwenden wir auch den Begriff des follower , der technischer und neutraler gemeint ist."

Eine Koordinierung des globalen Gezwitschers findet bei Twitter nur in Ausnahmefällen statt. Die große Zahl der politikbezogenen Inhalte gibt aber Hinweise auf eine ganz andere Perspektive der flüchtigen Sofortkommunikation: populäre Inhalte werden über die Twitter-Suche als trending topics zusammengefasst und vermitteln einen Eindruck davon, was die weltweite Twitter-Gemeinde gerade bewegt. Einen festen Platz auf dieser Liste haben seit Wochen die Begriffe "Obama" und – "Sarah Palin".

Mit dem Anflug eines Grinsens berichtet Biz Stone über die queen of tweets : "Die Reaktionen auf die Rede von Sarah Palin beim Parteitag der Republikaner nennen wir den "Palin-Gipfel" – die Zahl der tweets pro Sekunde während und nach ihrer Rede war sogar höher als bei der Ankündigung des Google-Browsers Chrome oder des Auftreffens von Hurrikan Gustav an die Küste im Golf von Mexiko. Anzahl und Popularität allein sagen aber noch nichts über die Inhalte der tweets aus – das kann gut sein, oder auch schlecht."

Die Auswertung und Weiterverwendung der Nutzerkommunikation in Echtzeit scheint für Twitter ein zukunftsträchtiger Bereich zu sein, darauf deutet auch die Übernahme des auf die Suche in Twitter-Inhalten spezialisierten Unternehmens Summize. "Spannend ist doch der Blick auf die Gesamtheit der Inhalte," so Stone, "filtert und bündelt man diese Inhalte geschickt, kommt dabei vielleicht eine Art gemeinschaftlicher Nachrichtenticker heraus."

Noch formuliert Twitter längst keine Kampfansage an die etablierten Nachrichtenmedien. Doch mit der ersten TV-Debatte zwischen Barack Obama und John McCain an der University of Mississippi in Oxford soll die Twitter-Gemeinde dem US-Wahlkampf ein paar neue Facetten hinzufügen. Gemeinsam mit current_TV, einem Informations- und Nachrichtennetzwerk aus der Nachbarschaft, werden beim Projekt "Hack the Debate" Zuschauer-Kommentare via Twitter in das Livebild der Debatte integriert. Wie das aussehen kann, zeigt current_TV am Beispiel des ersten TV-Duells zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy aus dem Jahr 1960.