Populismus in Europa

Die Sozialstaats-Chauvinisten

Österreichs Nachbarn tun so, als fielen sie aus allen Wolken: So viel Rechte, so viel Fremdenfeindlichkeit, so viel Populismus. Wo kommt das alles her?

Eine Moschee in Amsterdam: Populisten ziehen gern mit anti-islamischen Parolen in den Wahlkampf

Eine Moschee in Amsterdam: Populisten ziehen gern mit anti-islamischen Parolen in den Wahlkampf

Die Antwort ist einfach: Die staatstragenden Volksparteien haben es herbeigerufen. Unfreiwillig, versteht sich. Die christdemokratische ÖVP und die sozialdemokratische SPÖ waren drauf und dran, das Land politisch kaputtzuregieren. In ihrer 2006 gegründeten Großen Koalition arbeiteten sie mit großer Energie gegeneinander. Hauptziel für beide waren das Wohl der eigenen Partei und die Schwächung der Gegenseite. Frei nach dem Motto: Wenn das Land keine Protestparteien hat, schaffen wie sie uns selbst. Das Ergebnis ist beeindruckend: Verlust der Mitte, starke Ränder, geringere Handlungsfähigkeit, geschwächte Demokratie.

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Das Phänomen ist nicht unbekannt. Die Populisten rechts und links der Mitte kommen nicht aus dem Nichts. Der Vorlauf zu ihrer Blüte ist, mit unterschiedlicher nationaler Ausprägung, strukturell immer derselbe. Die demokratischen Traditionsparteien regieren routiniert vor sich hin, achten auf Erbhöfe, Privilegien und die eigene Stammklientel. Alles ist gut, die Wirtschaft wächst, und soziale Probleme werden über den Haushalt gelöst, der gute alte Wohlfahrtsstaat wird's schon richten. 

Neue Probleme werden ignoriert, unterschätzt, falsch behandelt: Einkommensentwicklung, Überalterung, neue Bildungsanforderungen, Integration, Arbeitsmarktprobleme oder nicht zuletzt die Unsicherheitsgefühle in der Traditionsbevölkerung. Man braucht nur lange genug zu warten und nichts oder das Falsche zu tun, und der Ärger bricht sich Bahn. Bevor in den Niederlanden der später ermordete Populist Pim Fortuyn seinen kometenhaften Aufstieg begann, war es zu spontanen lokalen Protestturbulenzen gekommen. Der Grund: die dauernden Verspätungen der holländischen Bahn.

Das war natürlich nur der Anlass. Darin bündelte sich der Unmut über alles, was an öffentlichen Dienstleistungen nicht oder mangelhaft funktionierte. Heute, acht Jahre später, ist Holland als repräsentative Demokratie nur noch mühsam regierbar. Christ- und Sozialdemokraten brauchen, um eine Große Koalition zu bilden, eine dritte Partei.

Die Linkspopulisten – ehemalige Maoisten – liegen in den Umfragen vor der Sozialdemokratie, und auf der äußeren Rechten gibt es gleich zwei Bewerber. Die Liste des Ex-Liberalen Geert Wilders – der einsame Kämpfer gegen die Islamisierung der Niederlande und Europas – ist bereits im Parlament, die Ex-Liberale Rita Verdonk, früher als Ministerin für die Immigranten zuständig, ist zurzeit eine Ein-Frau-Partei, rüstet aber für die nächste Wahl. In Umfragen liegt sie ähnlich wie ihr Gesinnungsgenosse Wilders. Die beiden zusammen erinnern an das Austro-Duo Strache-Haider.

"Auch wenn man das nicht mag", sagt der holländische Sozialwissenschaftler René Cuperus von der sozialdemokratischen Wiardi-Beckman-Stiftung, "man muss aber das Problem erkennen und darauf reagieren." Bürgerbeschimpfung als Reaktion hilft nicht.

 
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Leser-Kommentare

  1. 1. Danke

    Schoen geschrieben. Danke.

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    Wurde eine bestimmte Schriftart benutzt? Nichts für ungut ;-)

    Die gedanklichen Mechanismen sind doch alt bekannt und müssen nicht wieder und wieder durch dekliniert werden. In Österreich kommt wie schon erwähnt eine recht schizophrene Identität hinzu und die nicht-aufgearbeitete Schuld bezüglich der Nazi-Zeit (man hat die Aufarbeitung, wie ja auch die DDR, nach dem Krieg fast gänzlich den Bundesdeutschen überlassen). So kam es nie zum notwendigen Bruch mit einem übersteigerten Nationalgefühl, zumal Alpenländer sowieso gerne damit übertreiben (ich bin Bayer weiß also wovon ich rede).

    Ist das eine. Das andere ist die eher banale Feststellung dass der Alpenraum einfach nicht "links" ist und nie war. Sah man ja auch in Bayern, vom Protest gegen die CSU konnte die "Linkspartei" keinen deut profitieren - die waren nach der Wahl ungewohnt kleinlaut und haben bereits ihre "aus dem Stand" gewonnenen 4,X% als riesigen Erfolg gefeiert (die Freien Wähler sind ebenfalls "aus dem Stand" über ein zweistelliges Ergebnis gekommen). Ähnlich ist es im benachbarten Österreich, welches nicht nur kulturell fast ein Zwilling Bayerns ist. Dass die Österreicher nun ideologisch betrachtet tatsächlich "rechtsextremer" wären als irgend ein anderes Volk ist aber einfach Schmarrn, muß man schon zu deren Verteidigung sagen. Vom BZÖ/der FPÖ zur NPD/DVU/Republikaner ist's noch ein weiter Weg.

    Warum überhaupt "Protest" wurde gefragt am Sonntag, in Bayern wie in Österreich geht's den Menschen gut und so weiter und so fort. Ja gut aber das Materielle ist eben nicht alles im Leben. Unter anderem rächen sich auch Konstruktionsfehler unserer Demokratien, die in Österreich ja recht ähnlich gestrickt ist, und zwar unser parteienzentrischer Staatsaufbau der genau genommen sehr undemokratisch ist. Wir haben keine Volksherrschaft sondern eine Parteienherrschaft. Schon der Sprachgebrauch ist stets verräterisch, die Leute wählen keine Kandidaten und Personen in die Parteien sondern eine Partei ("Was hast du gewählt?" nicht "WEN..?"). Und innerhalb der Partei gibts diesen sog. Proporz und Klüngel um die Posten, ebenso ist keine echte Gewaltenteilung die Folge (die Exekutive - der Kanzler - geht aus der Legislative - dem Parlament - hervor, ist nicht nur selbst Abgeordneter sondern ist auch nur solange Kanzler wie er eine eigene Mehrheit im Parlament hat; "Checks and Balances" sähe anders aus). Dies führt zu einer gewissen Ohnmacht und einer latenten gefühlten "großen Koalition", in Österreich noch viel intensiver als in der Bundesrepublik. Das haben die Österreicher abgestraft, in ihrer "Hilflosigkeit" eben mit einem großen Ausrufezeichen. Weise mag's nicht sein aber nachvollziehbar schon wenn man ohne Vorbehalte und verstiegene Vorstellungen an die Sache ran geht. Genau genommen erleben wir doch in der Bundesrepublik genau das selbe, nur dass die Norddeutschen, die Bevölkerungsmehrheit, sich in der übergroßen Mehrheit als "moderat-links" sehen und eine entsprechende Protestpartei daher wählbar erscheint (nicht ohne Grund hat "Die Linke" die Vokabel Partei schon gar nicht mehr im Namen, man will als außerhalb des "Systems" erscheinen, keiner braucht glauben dass diese Namenswahl aus dem Bauch heraus ohne genaue psychologische Überlegungen erfolgt ist. Die haben die Gemengelage und das Protestwähler-Potential einfach exzellent erkannt!)

  2. In der Tat, dieser kurze Artikel sagt viel, sehr viel, ueber die seit Jahren wieder anwachsende Auslaenderfeindlichkeit in Europa. Vor allem die - im Grunde recht offensichtliche - Instrumentalisierung des Islam-ismus (das Wort wurde auch erst vor nicht allzu langer Zeit neu erfunden...) in Deutschland trifft des Pudels Kern. Duerfen wir die Auslaender nicht hassen, nun ja, dann unterstellen wir ihnen eben, dass sie unseren Staat kaputt machen wollen. (Ein Narr, den das nicht an Saetze wie "Die nehmen uns die Arbeit weg." erinnert.)

    Traurig, aber wahr. Selbst viele meiner besten Freunde fallen dieser Suendenbockmentalitaet anheim.

  3. Zur Zeit lebe ich noch in Belgien, einer unserer Kunden hat seinen Sitz in Schelle, das liegt nicht weit von Boom, etwa 15 Kilometer von Antwerpen.

    Über Boom erschien ein Artikel in "Knack", belgischer "Spiegel", wenn man so will, egal.

    In diesem Artikel wurde die Angst geschürt, demnächst würde die sharia in Boom eingeführt, ein Sozialarbeiter wurde intensiv über sein Wirken befragt und in der Tat konnte man sich nur schlecht dem Eindruck entziehen, es wüchse eine Parallelgesellschaft heran, die unsere westliche Gesellschaft verachtet.

    Dennoch hat diese westliche Gesellschaft eine sehr grosse Anziehungskraft auf Menschen aus islamischen Ländern: morgens ziehen die kleinen Kinder ihre Mütter zum Hort, zur Schule oder auch umgekehrt, die Mädchen sind nicht verschleiert, Mütter sind vielleicht zu zwanzig Prozent verschleiert, so beobachte ich es seit fast drei Jahren in Boom und Schelle!

    Sie behalten zum einen ihre Kultur bei, passen sich aber auch an.

    Kinder, die regelmässig zuspät kommen, bekommen dafür einen Eintrag in die "Agenda", hat jedes Kind zu führen, wenn das öfters passiert, werden die Eltern zum Gespräch gebeten.

    Dann schaltet sich das CLB (centrum voor leerlingenbegleiding) ein, übergeordnete Institution, es werden Gespräche geführt.

    Die muslimischen Eltern lehnen das nicht ab, werden aber auch sanft gestossen.

    Kinder, die schlecht in einem Fach, bekommen eine "tweede kans", das heisst Unterricht in ganz kleiner Gruppe.

    Wenn Kinder nicht zur Schule kommen, ohne dass ein Krankenattest vorliegt, kommt die Polizei, im Ernst, spätestens nach drei Tagen steht die Polizei auf der Matte.

    Das nenne ich vernünftige Integrationspolitik.

    So, noch ein Versprechen, das ich zu halten habe:

    eine junge Dame aus Hongkong, die dort geboren, mit einem Chinesen verheiratet, jetzt in Schelle wohnt, also zwischen Boom und Antwerpen, sagte zu mir:

    wenn Marokkaner ein wenig härter arbeiten würden und auch morgens zur Arbeit erschienen, so wie versprochen und wie sie das täte, dann hätten sie nicht solche Probleme in den Niederlanden oder in Belgien.

    Ihr ginge es gut, sie freue sich in Belgien, in Europa arbeiten zu können.

    Grosses Beifallgeklatsche der umstehenden Belgier.

    Ich: wenn ich soetwas schriebe in Deutschland werde ich als Rassist beschimpft!

    Nein, schreib`das, hat sie mir, die Ausländerin, so aufgetragen,

    Auftrag ausgefüllt.

    Gerhard Stenkamp

    • 30.09.2008 um 20:38 Uhr
    • Hipper

    Welcher Sozialstaats-Chauvinismus? Geert Wilders VVD und Haiders FPÖ gerieren sich als liberale Parteien, die in ihrer Wirtschafts- und Sozialpolitik neo- bzw. wirtschaftsliberale Positionen vertreten und keinesfalls Wohlfahrtsökonomik betreiben wollen. Ihre Rhetorik und ihre politische Weltsicht orientiert sich dementsprechend eher an den amerikanischen Neocons als an der euopäischen Wohlfahrtspolitik der Nachkriegszeit - welche sogar offen von VVD/FPÖ abgelehnt wird. Die deutsche Linke hingegen hat weder eine xenophobische Parteiprogrammatik noch verfolgt sie eine neoliberale Wirtschaftspolitik. Insofern greift Pergers kruder Vergleich dieser Parteien ins Leere.

    Die einzige Gemeinsamkeit die diese Parteien haben, ist die Tatsache, dass sie ein Resultat der härteren sozialen Verteilungskämpfe und erodierenden nationalstaatlichen Bindekräfte sind, die mit der Globalisierung einhergehen. Offenbar fällt es den etablierten Parteien zunehmend schwerer, der Bevölkerung Problemlösungen für diese neuen Herausforderungen anbieten zu können.

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    Sorry, es hätte natürlich Haiders BZÖ heißen müssen - wobei meine Ausführungen auch weiterhin für die FPÖ gelten.

  4. haben die Bürger zumindest die Möglichkeit, sich eine Alternative zu suchen. In Deutschland ist man sofort ein Nazi, wenn man über Überfremdung spricht. Ich möchte keinen islamischen Bügermeister haben, der zuerst nur an seine Leute denkt. Auch die kriminelle Bedrohung, durch gewaltbereite junge islamische Männer wird kleingeredet. Von der Belästigung von Frauen, die kein Kopftuch tragen ganz zu schweigen.

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    für rechtsradikal halte ich Sie nicht, wohl aber für überängstlich und sehr schlecht informiert. Interessieren würde mich zum Beispiel sehr, wo es in Deutschland einen 'islamischen Bürgermeister' gibt, der zuerst nur an seine Leute denkt.

    'Die Herren Politiker sind fein raus, die haben Personenschützer und Objektschützer. Wer in einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil lebt und hoher Kriminalität kann sehen, wie er sich und sein Gut schützt.'

    Wissen Sie - in genau so einem Umfeld lebe ich, seit vielen Jahren. Obwohl ich kein Kopftuch trage, bin ich noch nie ernstlich belästigt worden. Auch mein Gut und ich sind unversehrt. Ihre Mutmaßungen kann ich einfach nicht teilen - ich genieße hier Respekt. Womöglich, weil ich anderen welchen entgegenbringe.

    Aus diesem Grund halte ich es auch für höchst unlauter, die Probleme, die es mit einzelnen jungen männlichen Migranten zweifellos gibt, auf alle Muslime/Ausländer zu übertragen. Die ganz große Mehrheit ist bestens integriert und lebt unauffällig und angepaßt.

    Was genau wollen Sie eigentlich aussagen? Daß Sie aufgrund Ihrer Angst und Uninformiertheit besonders schützenswert sind? Gegen beides können nur Sie selbst etwas tun - fürs Erste hilft Augenöffnen. Danach vielleicht etwas aufrechter Gang.

  5. Repräsentative Demokratie ist eine elitäre Veranstaltung, die dazu neigt, den Bezug zur Lebenswelt des Volkes zu verlieren. Je mehr Lobbyismus herrscht, desto mehr.

    Im größeren Teil Europas ist "repräsentative Demokratie" eine Schönwetterveranstaltung. In historischer Perspektive bekam sie noch immer Probleme, sobald es schwerwiegende ökonomische Krisen gab.

    Leider sind schwerwiegende ökonomische Krisen untrennbar mit der Marktwirtschaft verbunden. Es ist also nur eine Frage der Zeit bis es wieder kracht, solange ungezügelte Marktwirtschaft die herrschende Ideologie ist.

    Ich hoffe, nach der offenbar unvermeidlichen nächsten Katastrophe wird man einsehen, daß es ohne plebiszitäre Elemente keine stabile Demokratie geben kann.
    Unsere gegenwärtige Politikerelite setzt auf Totalitarismus statt Bürgerbeteiligung (siehe Lissaboner Verfassungsentwurf). Also mit Volldampf in die Sackgasse.

    In der Schweiz lebt man seit 160 Jahren ohne nennenswerte innere Konflikte und Extremismus -- Dank direkter Demokratie.

  6. sind fein raus, die haben Personenschützer und Objektschützer. Wer in einem Stadtteil mit hohem Ausländeranteil lebt und hoher Kriminalität kann sehen, wie er sich und sein Gut schützt.

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    Ihre Begründung klingt so als wären die ausländischen Mitbürger die Schuldigen für die hohe Kriminalität der jeweiligen Wohngegend. Allerdings säumen Sie hierbei das Pferd von hinten auf. Ist nicht vielmehr der Ausschlag gebende Punkt hierbei, dass die niedrigen Mietskosten ein Magnet für Menschen mit wenig Geld sind, sprich Menschen, die in unserer Gesellschaft schlechte Lebensbedingungen und weniger Privilegien besitzen. Diesem Kreislauf ist es egal welche Nationalität der Teilnehmer angehört.
    Da ein nicht kleiner Anteil der Einwanderer hierzulande (und in anderen Staaten), keine der Ober- bzw. höheren Mittelschicht zugehörigen Eltern besitzen, sind deren Startbedingungen ungleich schwerer als die, vieler ihrer einheimischen Mitbürger.
    Es wäre daher wohl eher von Nutzen die Wurzeln des Problems anzugehen als deren Symptome populistisch anzuprangern, wie es besonders in Wahlzeiten (siehe Österreich) in Mode ist.

    • 30.09.2008 um 20:54 Uhr
    • Hipper

    Sorry, es hätte natürlich Haiders BZÖ heißen müssen - wobei meine Ausführungen auch weiterhin für die FPÖ gelten.

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