Je niedriger die Erwartung, desto höher der Ertrag: Nach diesem Maßstab hat die Republikanerin Sarah Palin am Freitagfrüh (MEZ) die Debatte gegen den Demokraten Joe Biden haushoch gewonnen. Die Pro-Obama-Presse von der New York Times bis zum New Yorker , aber auch manche konservative Kommentatoren (niemand ist grausamer als die Fans, wenn das Heimatteam verliert) hatten vergangene Woche damit verbracht, die Gouverneurin als Mischung aus Provinztrottel und Transuse im Schneiderkostüm ab- und nieder zuschreiben. Typisch der Washington-Korrespondent des New Yorker : "Wir stecken im Krieg, die Wirtschaft zerfällt, und John McCain hat sich eine ausgesucht, die nicht dazu qualifiziert ist, Präsident zu werden, wenn er stirbt – ein 72 Jahre alter Mann, der schon mal Krebs gehabt hat."

Als die Debatte in St. Louis vorbei war, meldete eine Blitzumfrage: 84 Prozent der Zuschauer fanden, dass Palin besser als erwartet agiert hatte; nur  sieben Prozent urteilten, "schlechter als erwartet". Vor der Debatte hielten 42 Prozent sie für qualifiziert, danach waren es vier Punkte mehr. Man muss eben nur die Erwartungen runterfahren (und insgeheim den Pro-Obama-Medien, der Mehrzahl, danken), dann eisern büffeln und tagtäglich gegen Sparring-Partner antreten, die einem die Löcher in der eigenen wie in der gegnerischen Verteidigung aufzeigen. Die Frau machte nur einen Fehler: Sie nannte den US-Befehlshaber in Afghanistan McClelland statt, korrekterweise McKiernan. Bidens einziger Fehler war gravierender. Außenpolitischer Experte seit 35 Jahren, wähnte er, der Westen habe die Hezbollah aus dem Libanon vertrieben; tatsächlich war das Vertreibungsopfer Syrien.

Und jenseits der niedrigen Erwartungen? Während Biden manchmal etwas zugekniffen argumentiert, spielte die Frau klassische weibliche Stärken (ihre Gegner würden sagen: Tricks) aus: Sie lächelte dem Publikum gerade ins Gesicht, ja flirtete mit den 50 Millionen Zuschauern; sie sprach temperamentvoll, ohne sich zu verhaspeln. Auch Biden war schnell und präzise, wirkte aber ein Touch verbissener als seine Kontrahentin.

Biden hackte auf Bush herum und versuchte McCain zu dessen Spießgesellen zu machen; Palin zelebrierte ihren Chef als "maverick", als mutigen Einzelgänger, der Bush immer wieder in die Parade gefahren sei. Biden verdammte die Vergangenheit, Palin versprach ein neues Kapitel aufzuschlagen. Fuhr Biden Klassenkämpferisches auf, parierte Palin mit überbordenden Komplimente an den "American working man", den "besten der Welt", dessen Sorgen sie aus eigener Anschauung kenne.

Dazu einen guten Schuss Populismus gegen "Wall Street", gegen "Täuschung, Gier und räuberische Geldverleiher." Bevor Biden "Aufsicht" sagen konnte, war ihm Palin, von rechts kommend, schon in die linke Flanke gefahren: "Wir fordern von der Regierung strenge Überwachung (der Banker und Investoren)." Denn die hätten Schuld, nicht das "amerikanische Volk". Da war sie wieder die gute Populistin – und dann wieder die gestrenge konservative Mutter: Die Finanzkrise war "eine höllische Lektion; wir müssen wieder so leben, wie es unsere Eltern uns beigebracht haben: nicht über die Verhältnisse zu leben."