FC Bayern München Die falsche Klinsmann-Debatte
Nach nur 100 Tagen Arbeit verurteilen Fans und Medien den neuen Bayerntrainer. Dabei helfen Klinsmanns Reformen dem deutschen Fußball und haben noch lange nicht versagt.

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Im Spiel gegen Olympique Lyon forderten Fans des FC Bayern den Rücktritt Jürgen Klinsmanns: Es wirkt, als hätten eingesessene Bayernfans mit dem Messer in der Hand gewartet. Nach 100 Tagen ist endlich Zeit loszustechen.
Jürgen Klinsmann ist gerade der Buhmann. Seine „Fassade bröckelt“, schreibt die eine Zeitung (Welt). Er sei „in der Sackgasse“, die andere (FAZ). Im vergangenen Champions-League-Spiel streckten einige Bayernfans ein Plakat in dem Himmel, auf dem „Klinsi go home“ geschrieben und ein Galgen gemalt war.
Journalisten und Fans scheinen die Geduld verloren zu haben. Anlässlich Klinsmanns 100-Tage-Jubiläum (am 30. Juni begann sein Job in München) ziehen sie Bilanz: Was hat er uns versprochen? Was hat er geleistet?
Dieses öffentliche Richten ist grotesk. Über Banker, die in wenigen Wochen 20 Prozent Rendite versprechen, beschwert sich die Öffentlichkeit. Manager, die Bilanzen für den schnellen Erfolg frisieren, werden Heuschrecken genannt. Wir verurteilen die Turbo-Versprecher, weil jeder weiß: Was gut werden soll, braucht seine Zeit. Aber im Fußball soll ein Trainer nach sieben Liga-Spielen an den Galgen?
Natürlich ist der Fußball ein schnelllebiges Geschäft, in dem Trainer im Wochenrhythmus gefeuert werden. Der Tabellenletzte Borussia Mönchengladbach hat sich von Jos Luhukay vor drei Tagen getrennt. Doch klingt an der Klinsmann-Kritik nicht noch etwas mehr mit? Missgunst, Neid und Schadenfreude am kurzfristigen Misserfolg von einem, der es anders macht als die anderen? Es wirkt, als hätten eingesessene Bayernfans und kritische Journalisten mit dem Messer in der Hand gewartet. Nach 100 Tagen ist endlich Zeit loszustechen.
Tatsächlich hat Klinsmanns Arbeit dem Verein noch keine Pokale beschert. In der Bundesligatabelle steht der FC Bayern auf Platz elf. Zwei Niederlagen, drei Unentschieden und zwei Siege: Das ist mäßig. Doch lange kein Grund, ein neues System infrage zu stellen.
Mit nur vier Punkten mehr würde der Verein auf einem Champions-League-Platz stehen. Mit drei Siegen in Folge könnte der HSV von der Tabellenspitze verdrängt werden. Auch im DFB-Pokal hat Klinsmann das Achtelfinale erreicht, in der Champions League stehen die Chancen gut, in die K.-o.-Runde einzuziehen. Der Erfolg ist in allen Wettbewerben nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich.
Die Probleme, die während der ersten Partien im Spiel der Bayern sichtbar geworden sind, lassen sich mit Gründen erklären, die wenig mit Klinsmanns Philosophie gemein haben. In der Defensive muss er auf den unerfahrenen Torhüter Michael Rensing vertrauen. Dass die Abwehr mit Oliver Kahn eingespielter und besser war, wird selbst Rensing eingestehen; und ergänzen, dass es zukünftig besser wird.
Im Mittelfeld spielen Zé Roberto, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und der neue Massimo Oddo eine gute Saison. Doch ohne den wichtigsten Strategen und Antreiber, Franck Ribéry, waren die Münchner einfach erfolgloser als in der Vorsaison. Ribéry ist erst seit wenigen Tagen wieder fit; falls er von Verletzungen verschont bleibt, wird er die restliche Hinrunde der Liga dominieren wie im Vorjahr.
In der Hinrunde der vergangenen Saison gab es in der Bundesliga auch einen Stürmer, dem man aus jedmöglichem Winkel anschießen konnte – es resultierte garantiert ein Tor. Im Spätsommer 2008 können die Mitspieler Luca Toni den Ball Zentimeter vor der Torlinie hinlegen – das Beste, was ihm gelingt, ist eine Ecke. Wahrscheinlich hätte sich Jürgen Klinsmann am liebsten das ein oder andere Mal selbst im Angriff eingewechselt. Auch Miroslav Klose fiel nach der EM in ein tiefes Loch und findet gerade wieder seine Normalform.
Vor seinem Jobbeginn hatte Klinsmann gesagt, ein, zwei Jahre könne es dauern, bis die Mannschaft seine Spielidee verinnerlicht hat. Schon nach der zweiten Saisonniederlage gegen Hannover fragte ihn ein Journalist, ob er sich seines Arbeitsplatzes noch sicher sei. Als Klinsmann antwortete, dass die Frage frühestens im Dezember, nach 17 Spieltagen, beantwortet werden könne, schaute der Frager empört. Das System Medien und Öffentlichkeit lechzt nach dem Sturz des einstigen Kaliforniers. Erst haben sie Klinsmann zum Messias des Rekordmeisters erklärt, jetzt wollen sie ihn stürzen sehen.
Dabei betreibt Klinsmann eine längst überfällige Erneuerung im besten deutschen Fußballverein. Die von ihm schon in der Nationalmannschaft eingeführten Methoden (erweiterter Trainerstab, psychologische Betreuung der Spieler, Medienschulungen, etc.) helfen den Bayern; diese Prozesse sind in Spitzenvereinen weltweit Standard. Auch in der Bundesliga arbeiten Trainer wie Jürgen Klopp, Christoph Daum, Bruno Labbadia oder Ralf Rangnick längst ähnlich.
Vielleicht hat der für manche eigensinnig erscheinende Klinsmann noch nicht die richtige Balance oder Intensität seiner Veränderungen gefunden. Aber muss er das nach wenigen Wochen? Der deutsche Fußball wird durch den Reformer Klinsmann erfolgreicher werden. Nicht von heute auf morgen. Aber schon gar nicht, wenn man ihn schon nach ein paar Spielen an den Galgen malt.
- Datum 08.10.2008 - 18:02 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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SE : Sportlicher Erfolg FE: Finanzieller Erfolg
Will und kann Bayern in diesem bis zu 2 Jahre avisierten Prozess auf die enormen finanziellen Zuwendungen aus der CL verzichten?
Will und kann Bayern den Verlust aus einem möglicherweise damit einhergehenden massiven Zuschauerschwund (Eintrittskarten) akzeptieren?
Will und kann Bayern auf das Merchandising (Trikots etc) verzichten, wenn vordere Tabellenplätze und internationale Turniersiege ausbleiben?
Bei aller Liebe zu den kühnen Vorhaben eines JK.
Wenn die Kohle zugunsten reformistischer Ideen einer einzelnen Person ausbleibt, ist das auch bei den Bayern ein schnell ausgeträumter Traum.
Und den Bayernbossen ist die Nervosität bereits sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben.
Was am Schluss des Artikels steht : "erweiterter Trainerstab, psychologische Betreuung der Spieler, Medienschulungen, etc." ist durchaus richtig. All diese Veränderungen sind richtig. Aber bei der diskussion um Klinnsmann geht es ja nich um diese Veränderungen, sondern um die Art und weise wie die Mannschaft auftritt. Was sollte die ernennung von Van bommel zum kapitän, wenn er ihn dann eh nie spielen lässt? Und wieso stellt Demichellis auf eine Position, die der mann weder spielen will noch kann. Und warum schafft der große motivator Klinnsmann es nicht, dass seine Mannschaft bis zur 90 durchspielt, und nicht schon in der 80 "vom platz geht?" Die Neuerungen abseits des platzes die Klinnsmann gebracht hat, sind sinnvoll. Aber um wirklich zu bestehen ist der Gute mann vielleicht etwas zu unerfahren.
Klinsmanns Verpflichtung ist eine Investition in die Zukunft. Jedes Wirtschaftsunternehmen ist sich darüber im Klaren, daß Investitionen in nicht nur Geld kostet, sondern auch "Lehrgeld". Bayern ist einer der erfolgreichsten Wirtschaftsunternehmen und bezahlt dieses "Lehrgeld" nicht an der Börse sondern mit seiner Tabellenplatzierung. Wenn sich die Konsolidierung einstellt, sprich die Spieler das für Deutschland neue One-Touch-System in der Lage sind umzusetzen, wird die alte Souveränität sich durchsetzen.
Negativ daran ist bestenfalls, daß eben auch der Trainer auf dem Gebiet des Vereinsfußballs neu ist und ebenfalls Lehrgeld zahlt. Doch wer von den alten Bestandstrainern hätte es im Kreuz, das bei FC Bayern und seiner elitären Manschaft umzusetzen?
Ich seh da keinen. Das ist die Crux beim FC Bayern und deshalb steht eben die Vorstandschaft so hinter der Personalie Klinsmann. Sie haben gar keine Wahl. Wenigstens so lange nicht, bis ein Kaliber wie Löw zu Verfügung steht. Und das kann dauern.
Zetti
Zumindest im groben und ganzen, nicht zuerwarten ist, dass ein Ribery anfängt die Liga zu dominieren. Man hat sich auf ihn eingestellt und wird ihm nicht diese Freiräume gönnen wie in der Vorsaison. Die Frage ist ob das Konzept Jürgen Klinsmann funktionieren kann und dabei geht es nicht um die Anzahl der Angestellten oder Ausstattung diverser Räumlichkeiten. Es geht eher darum ob diese Mannschaft in der Lage sein wird, seine Philosophie mitzugehen. Und dieser Sachverhalt darf durchaus bezweifelt werden, falls Klinsmann daran festhält und der Vorstand an ihm, wird sich im nächsten Sommer das Personalkarussell sehr stark drehen müssen um Erfolg zu haben.
Dabei fällt mir ein wie das medial zur Sache ging, als Klinsmann vorgestellt wurde. Hab ich schon damals nicht verstanden und jetzt wird dieser Trainer in den Dreck gezogen. Und das geht von den Medien aus! Hauptsache eine Schlagzeile. Herr Rummenigge will dieses mediale Interesse an seinem Trainer auch ein bisschen mindern und gibt Interviews zum Thema Podolski, von dem eigentlich schon seit Wochen nichts mehr zu hören ist, sportlicher Inkompetenz, sei dank! Ich würde mich freuen wenn es für die Bayern sportlich vielleicht ein bisschen besser läuft, dass sie sich das nötige Vertrauen für die CL in der BuLi holen. Und mit den Bayern auf Platz 3 am Ende der Saison kann eigetnlich jeder leben und zu frieden sein. Mal sehen ob es dafür reicht. Meister zu werden wird jetzt schon schwer, zumindest zeigt das die Erfahrung.
ja noch an den Sommermärchenfilm, da erklärte Klinsmann, nach dem Ereignis, den Deutschen fehle die Gier, der Ehrgeiz, das Land sei mürbe. Als Gegenmodell hätten die USA zu dienen! Das postulierte der Multimillionär im Jahre 2006, nach der gierhaften Reformorgie des Kapitals zu Lasten der Werktätigen!
Und jetzt? Die Bayern verspekulierten sich beim Stadionbau ( Finanzlöcher weil 1860 als Finanzier ausfällt), nur darum steht ein Rensing in der Champions League im Tor, die Einkaufspolitik zeichnet sich seit Jahren durch äußerste Stupidität aus ( im Gegensatz zum Talent der Bremer wird stumpf jeder Bundesligaleichtauffällige weggekauft), alle jungen Spieler stagnierten in München (Lahm wurde in Stuttgart groß, Jansen weg, Podolski entwickelt sich zurück, Gerrero glänzte erst in Hamburg).
Dazu paßt der dreiste Motivationsprophet Klinsmann, dessen Theorie/Praxis Verhältnis dem US Aktienmarkt ähnelt: Großspurige Parolen kontrasieren mit Wechselchaos, einem komplett unprofilierten Spezltrainerstab, Kapitänsdestruktion und permanenten Taktikwechseln. Und selbstausgestellter Carde Blanche über zwei Jährige Testphasen.
Das nennt sich dann Elite!
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