CSU Die Gnade des rechtzeitigen Putsches

In der CSU hat die Zeit der Schuldzuweisungen begonnen. Ex-Chef Stoiber sieht keinen Grund zur Selbstkritik. Dabei kann er froh sein, dass die Geschichte es gut mit ihm gemeint hat

Alles hat seine Zeit, heißt es. Bezogen auf Bayern lässt sich diese universale Weisheit derzeit folgendermaßen übersetzen. Nach der Niederlage kamen die Rücktritte, nun ist die Zeit des Nachkartens. Sowohl der bayerische Noch-Ministerpräsident Günther Beckstein als auch Noch-Parteichef Erwin Huber haben sich im Umgang mit ihrem Vorgänger Edmund Stoiber lange Zeit große Disziplin auferlegt. Jetzt, nachdem beide ihre Ämter verloren haben, lockert sich auch ihre Zunge.

Man kann ihnen nicht verübeln, dass sie nun doch endlich einmal öffentlich Kritik an dem Mann üben, mit dem sie einerseits politisch groß geworden sind, der ihren Neuanfang andererseits mit einer schweren Hypothek belastet hat. Zumindest im Falle Hubers geschah selbst das Nachtreten noch mit, man muss schon sagen, Anstand. Denn er versäumte nicht, im gleichen Atemzug daraufhin zu weisen, dass sowohl er als auch Beckstein schließlich seit Jahren Teil der stoiberschen Politik waren.

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Von Stoiber selbst hat man dagegen bisher noch keine selbstkritischen Töne vernommen. „Schuldzuweisungen helfen nicht“, ließ er sich stattdessen am Donnerstag vernehmen. Dass er die Wahlniederlage als einen der bittersten Momente seines Lebens bezeichnet hatte, darf gleichwohl als Frontalangriff auf seine beiden Nachfolger gewertet werden. Seit Sonntagabend soll er dann vollauf damit beschäftigt gewesen sein, die Weichen für deren Sturz zu stellen.

Für Stoiber enthält die Niederlage seiner Partei sicherlich einen Moment tiefer Genugtuung. Hätte irgendein Ereignis besser demonstrieren können, dass der Putsch gegen ihn 2007 ein kapitaler Fehler war? Dass die, die ihn damals vom Thron stürzten, einfach nicht sein Format hatten und es ohne ihn eben doch nicht geht?

Doch diese Einschätzung ist falsch. In der Geschichtswissenschaft gibt es bei der Vielzahl der methodischen Ansätze auch eine leider ziemlich vernachlässigte Richtung: die sogenannte konterfaktische Geschichtsschreibung, moderner auch virtual history genannt. Ihr Stilmittel ist der Konjunktiv und ihr Interesse gilt nicht dem, was war, sondern dem, was gewesen wäre, wenn.

Stellen wir uns also einmal vor, Edmund Stoiber hätte 2007 nicht seinen Rückzug von beiden Ämtern ankündigen müssen, sondern es wäre ihm nach der Pauli-Affäre tatsächlich gelungen, seine Macht zu stabilisieren. Verändern wir die Geschichte ab dem 9. Januar 2007, als die CSU-Landesgruppe sich in Wildbad-Kreuth hinter den schwer angeschlagenen Stoiber stellte, und dieser verkündete, er werde als Spitzenkandidat in die nächste Landtagswahl ziehen und wolle bis 2013 Ministerpräsident bleiben.

Läge die CSU dann heute bei, sagen wir mal, 53 Prozent? Es spricht wohl mehr für die Annahme, dass es 39 Prozent wären.

Leser-Kommentare
  1. wird vernachlässigt, weil sie ihre Schwächen hat. Im vorliegenden Fall lautet diese Schwäche: Hätte Stoiber einen Stimmenverlust für die CSU vermeiden können? Antwort: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Andere Frage: Hätte er 39, 43, 48 oder vielleicht doch die magischen 52% geholt? Antwort: Das kann niemand mit hinreichender Sicherheit sagen.

    Sicher, vieles spricht dafür, dass ein ähnlich gravierender Absturz auch unter einem MP Stoiber stattgefunden hätte - nur, wie gravierend, das weiß keiner so genau; und im Lichte der (für die CSU) katastrophalen Tatsachen mag sich auch für den einen oder anderen ein Ergebnis von - sagen wir - 48% mit einem MP Stoiber sympathischer darstellenals das aktuelle Debakel. Freilich: Diejenigen, die so denken, übersehen eines: Beckstein und Huber hätten Stoiber mit 48% genauso gestürzt wie er nun sie mit 43%...

  2. Ich glaub nicht, dass die CSU ein derart schlechtes Ergebnis mit Stoiber eingefahren hätte. Sicher war so mancher über die Partei verärgert, doch für die Wähler war er der starke Mann an der Spitze. In dieser Rolle konnte ihm das neue Führungsduo nicht folgen. Von den drei Fraktionskandidaten hat jetzt auch keiner das nötige Profil, die CSU wieder nach vorne zu bringen. Lediglich Seehofer wird dazu in der Lage sein. Aber wenn der Ministerpräsident wird, wer wird dann der starke Mann in Berlin sein? Ich seh da keinen, der auch nur annähernd in Frage kommt.

    Th. Hölzl
    http://www.stoibaer.de

  3. Man wählt die Parteien und Politiker, denen man zutraut, das Land in den nächsten Jahren gut zu führen. Die Konjunktiv-Geschichte hätte trotz Stoibers Fehler zu einer absoluten Mehrheit für die CSU gereicht, weil man ihm zumindest zugetraut hätte, einen geeigneten Nachfolger aufzubauen. Beckstein oder Huber wären dies gewiß nicht gewesen. Da sie aber so machthungrig waren, Stoiber zu stürzen, müssen sie nun nicht nur ihre persönliche Niederlage, sondern auch den tiefen Fall der CSU verantworten. In zehn Jahren wird übrigens Söder in Stoibers Fußstapfen treten und die CSU wieder über 50 Prozent katapultieren. Die anderen Parteien haben in Bayern auf Dauer keine Aktien, sieht man einmal von der medienwirksamen Frau Pauli und der Schlagersängerin Frau Jung ab. Beide wären aber in der CSU besser aufgehoben, man muß sie nur geschickt abwerben.

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    den man in Bayern nur "Blöd-blöder-Söder" nennt? Der im letzten "Nockherberg"-Singspiel als Stoibers Trommler dargestellt wurde? Na, ich danke: Wenn der hier auf über 50% kommt, sind die Bayern wirklich noch ein gutes Stück dümmer, als der Rest der Republik es ohnehin schon annimmt.

    Und Stoiber sollte in der Lage gewesen sein, einen Nachfolger aufzubauen??? Dass er das nicht war, ist spätestens seit seinem verpatzten Berlin-Ausflug klar.

    Summa summarum: Wunschdenken eines verkaterten CSUlers.

    [Anm.: Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. /Die Redaktion pt.]

    den man in Bayern nur "Blöd-blöder-Söder" nennt? Der im letzten "Nockherberg"-Singspiel als Stoibers Trommler dargestellt wurde? Na, ich danke: Wenn der hier auf über 50% kommt, sind die Bayern wirklich noch ein gutes Stück dümmer, als der Rest der Republik es ohnehin schon annimmt.

    Und Stoiber sollte in der Lage gewesen sein, einen Nachfolger aufzubauen??? Dass er das nicht war, ist spätestens seit seinem verpatzten Berlin-Ausflug klar.

    Summa summarum: Wunschdenken eines verkaterten CSUlers.

    [Anm.: Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. /Die Redaktion pt.]

  4. den man in Bayern nur "Blöd-blöder-Söder" nennt? Der im letzten "Nockherberg"-Singspiel als Stoibers Trommler dargestellt wurde? Na, ich danke: Wenn der hier auf über 50% kommt, sind die Bayern wirklich noch ein gutes Stück dümmer, als der Rest der Republik es ohnehin schon annimmt.

    Und Stoiber sollte in der Lage gewesen sein, einen Nachfolger aufzubauen??? Dass er das nicht war, ist spätestens seit seinem verpatzten Berlin-Ausflug klar.

    Summa summarum: Wunschdenken eines verkaterten CSUlers.

    [Anm.: Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. /Die Redaktion pt.]

  5. hätte die CSU wohl nur irgendwas mit eine 3 vorne dran als Wahlergebnis gehabt.

    Immerhin ist diese Krise seit mindestens 2007 latent am schwelen mit diesem Laden.

    • itac
    • 04.10.2008 um 13:16 Uhr

    die fragestellung, welches ergebnis edmund stoiber eingefahren hätte, mag hypothethisch scheinen, sie ist aber wichtig für die zukunft der csu.
    der "ehrenvorsitzende" hat bis heute seinen erzwungenen rückzug in keiner weise realisiert und hält ihn offenbar immer noch für einen schweren fehler der geschichte. letztendlich aber war er es, der sich selbst zu fall gebracht hat. arroganz, selbstherrlichkeit und eine selbstwahrnehmung, die von hofschranzen gestützt wurde, waren die gründe für seinen erzwungenen rückzug. nur bei der übernahme des superministeriums in berlin schienen ihm seine tatsächlichen fähigkeiten bewusst geworden zu sein - und da hat er gekniffen. vielleicht muss man daran erinnern, dass es anfangs der verdienst von frau pauli war, dies alles erstmals öffentlich zu äussern und damit vielen in der csu und im volk aus der seele zu sprechen. statt sich inhaltlich damit auseinanderzusetzen, was stoiber in seiner arroganz für vollkommen unnötig hielt, wollte er eine schmutzkampagne gegen frau pauli in gang setzen. das war der eigentliche anfang vom ende - nur so zur erinnerung für alle, die sich der legendbildung um edmund stoiber so gerne anschliessen. die persönlichkeit von frau pauli und ihre "medienpräsenz" nach dem sturz stoibers stehen da auf einem ganz anderen blatt, sie ändern aber nichts an den tatsachen.
    alles in allem: daran hätte sich bis zur wahl letzten sonntag nichts geändert. genau dies aber wurde vom wähler letzten sonntag abgestraft. beckstein und huber kann man eigentlich nur vorwerfen, dass sie dies nicht persönlich oder mit eigenen politischen akzenten überdecken konnten. aber auch das hat letztlich stoiber zu verantworten: er hat es versäumt, einen nachfolger aufzubauen und ein gut bestelltes haus zu hinterlassen. aber wer an seine eigene unabkömmlichkeit glaubt, braucht natürlich keine nachfolgeregelung!
    was muss die csu daraus für konsequenzen ziehen? die csu hat starke wurzeln an der basis. auf sie zu hören, sie mitzunehmen und zu überzeugen bei den notwendigen politischen entscheidungen bedeutet arbeit, die sie sich zukünftig machen muss. es war immer die stärke der csu viele "flügel" integrieren zu können. genau dies wurde in den letzten jahren schwer vernachlässigt.
    sie muss zusätzlich attraktiver für die jungen werden und da meine ich nicht junge wie markus söder. wenn die stammwählerschaft über 60 ist, bedeutet dies nichst gutes für eine partei. zuletzt muss sie mit einer mischung aus demokratie, monarchie und anarchie wieder den mythos csu neu beleben. letzteres dürfte der schwerste punkt sein
    grüsse itac (oberbayer)

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