EU-Krisengipfel Viel Lärm um immerhin etwas

Die großen EU-Staaten wollen die Kontrollen der Finanzmärkte und die Banken verschärfen. Jedes Land soll aber weiter selbst über Stützungsaktionen für seine Kreditinstitute entscheiden

Aktion Vertrauen schaffen: Italiens Premierminister Berlusconi, Kanzlerin Merkel, Frankreichs Präsident Sarkozy und der britische Premier Bronw (v.l.) beim Krisengipfel in Paris

Aktion Vertrauen schaffen: Italiens Premierminister Berlusconi, Kanzlerin Merkel, Frankreichs Präsident Sarkozy und der britische Premier Bronw (v.l.) beim Krisengipfel in Paris

Am Samstagabend konnte im Festsaal des Elyséepalastes zwischenzeitlich der Eindruck aufkommen, dass Europa von Sozialrevolutionären regiert werde. Freilich von der Sorte, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitet war, als Sozialisten für das Industrie- und gegen das Kreditkapital kämpften.

Obwohl - nicht alle der Wirtschaftselefanten Europas, die sich am Samstag zum Mini-Krisengipfel in Pars trafen, stießen in dieses Horn. Moderater als Frankreichs Präsdient Nicolas Sarkozy und – vor allem – der nicht enden wollend dröhnende Italiener Silvio Berlusconi, traten Bundeskanzlerin Angela Merkel, der britische Premier Gordon Brown, EU-Kommissionspräsident Barroso, EZB-Chef Trichet und Luxemburgs Regierungschef Juncker auf. Einig geworden war man sich dennoch, und zwar binnen dreier Stunden.

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Die wichtigsten Ergebnisse: Die Schuldigen an der Finanzkrise sollen bestraft, die Kontrollregeln für Finanzprodukte und Rating-Agenturen rigoroser werden. Und Schluss soll sein mit Millionenzahlungen an Manager, die das Finanzwesen durch Spekulation ruinierten.

Alles Forderungen, die Frankreichs Staatspräsident Sarkozy seit Tagen erhoben hatte; und, das muss man schon zugeben, die diesmal ihrer Erfüllung ein großes Stück nähergekommen sind. Die EU-Kommission wurde gebeten, schon bis Ende Oktober umsetzbare Vorschläge für neue Bilanzregeln vorzulegen, und so schnell es geht soll gar eine Weltkonferenz der Meistbetroffenen, wie Sarkozy sich ausdrückte, sich an die von ihm gewünschte „Neugründung des Kapitalismus“ machen. Ein Vorhaben, dem sich immerhin die Teilnehmer des Pariser Treffens nicht grundsätzlich entzogen haben.

Und noch etwas bekam Sarkozy: Man einigte sich darauf, die Regeln des Stabilitätspaktes so anzuwenden, dass dies die „die außergewöhnlichen Umstände widerspiegelt, in denen wir uns heute befinden“. Nicht unwichtig für einen Staatschef, der sich gerade ein zweites Mal anschickt, von den Hütern der Stabilität und der ausgeglichenen Budgets Dispens zu erbitten.

Dass die Einigung auf Formulierungen in der Sache noch nicht Konsens bedeutet, drückte Jean-Claude Juncker aus, der Chef der Eurogroup, indem er sagte, der Stabilitätpakt müsse „in seiner Integrität respektiert“ werden. Barroso stimmte ausdrücklich zu.

Obwohl er viel erreicht hatte, sprach Sarkozy am Ende des Krisentreffens von einem „Kompromiss“. Warum? Weil es dabei bleibt, dass jedes Land über die Stützung seines Kreditwesens selbst entscheidet. Versprochen wurde nur gemeinsam, dass der Finanzbranche geholfen werden soll. Doch es wurden weder Methoden noch Summen vereinbart, was ursprünglich in Paris erwogen, wenn nicht gar gewünscht worden war. Eine europäische Notfallreserve, entweder aus jeweils national verwaltenen Mitteln oder gar als eigener europäischer Rettungsfonds (letzteres heftigst dementiert) – das war die in Paris seit Tagen hin und her gewendete Idee, die –, kaum an die Öffentlichkeit geraten – deutscherseits sofort abgebügelt wurde.

Leser-Kommentare
  1. Oh ja, stimme soweit zu... währe schön wenn man das so regeln würde... Einfach alles, oder möglichst viel, wieder den normalen Bedürfnissen der Menschen, was Handel, Investitionen und Produktion anbelangt, anpassen. Keinesfalls darf dem Kapital nur um des Kapitals willen alles mögliche an Gesellschaftlichen Strukturen unterworfen werden...

    Nur, die Polizei, dein Freund und Helfer, da bin ich mir nicht so sicher... Immerhin wurde einst sowas wie die Polizei gegründet um die habenden vor den Nichthabenden zu schützen... Damals, als die meisten Europäer beinahe noch in Höhlen wohnten... Die Kommandostrukturen dafür waren ebenfalls nicht demokratische abgesichert. Vielmehr war das eher sowas wie eine Privatarmee...

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Helda Camara
    a

    Antwort auf
  2. entwickelt sich zu einem Krieg der Finanzen, den der Steuerzahler finanzieren soll, wie bei jedem Krieg!

  3. Bisher waren es "die Risiko-Banken", bald werden es die "Anständigen" sein, die ihren Tribut zahlen müssen. Nur - wem gehört das Geld und wofür wird es den Banken zur Verfügung gestellt? Wo ist die Institution, die dieser katastrophalen Selbstherrlichkeit Paroli bieten kann? und noch einige ???
    Man muss keine Finanzexperte sein, um zu begreifen, dass nur das Geld, was im dem großen allgemeinen Feld zirkuliert, wo es nicht mehr als nur persönlicher Besitz sein kann, der niemand anderem nützt und der Welt verloren gegangen ist.
    Es klingt nur gut, wenn wir uns auf das Wachsen der Geldmasse beschränken, ohne weiter zu fragen:Qui bono?
    Durch die Gesellschaft zieht sich ein breiter und nur schwer überwindlicher Graben zwischen Wert-Schaffenden und Wert-Verwaltenden, die sich - als wäre es so selbstverständlich - für ihre "große Verantwortung" fürstlich zu belohnen gewohnt sind.
    Wie viele Zusammenbrüche wir noch brauchen, um eine Schiff aufzurichten, das in seiner Schieflage nur im Kreis kurven kann, das wird sich daran entscheiden, wie die Nutzniesseransprüche und der Einsatz des Nutzen-Schaffens in Zukunft verteilt wird.
    Ein Staat der nur in Bilanzen denkt, ein Finanzminister, der bei dem Elend vieler Bürger immer noch strahlen kann, nur weil die Kasse gerade mal wieder "voll gelaufen ist", werden kaum den Drang und den Horizont entwickeln, der für größere und wirklich Zukunft weisende Wege vorauszusetzen sit.

    • MJMS
    • 05.10.2008 um 13:28 Uhr

    Die Bundesregierung wird spaetestens dann bedauern, einmal mehr eine europaeische Initiative zu halbherzig und zu spaet unterstuetzt zu haben, wenn sich herausstellen wird, dass D einen europaeischen Hilfsfond mehr benoetigt haette als andere Regierungen. Fuer die Hypo - und alle ihr in die Pleite folgenden Kreditinstitute (man spricht in auslaendischen Zeitungen ganz offen ueber die Probleme der Kommerzbank) - muss nun allein der dt. Steuerzahler aufkommen. Damit duerfte auch die Einhaltung der Maastricht-Kriterien durch D hinfaellig sein.

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