Finanzkrise Keine Zeit für Wirtschaftstheorie

Zinssenkung in den USA, die Entscheidungen der EU-Finanzminister – wie reagieren die ausländischen Medien auf die Finanzkrise? Eine kommentierte internationale Presseschau

Innerhalb weniger Tage mussten wir uns an Botschaften gewöhnen, die ein normales Gemüt völlig überfordern. So erfahren wir, dass plötzlich ein Staat vor dem Ruin steht, nämlich Island . Oder, wir hören, wie der IWF gestern verkündet, dass die aktuelle Finanzkrise bislang 1400 Milliarden Dollar gekostet hat – das Vierfache des deutschen Staatshaushalts. Eine solche Vernichtung von Reichtum ist seit 1929 einmalig.

Gegen den Furor, der auf den Finanzmärkten tobt, scheinen bislang alle Maßnahme fehlzuschlagen. Die Bank of Japan hat am Mittwoch abermals etwa 10 Milliarden Euro in den Markt geschleust, die EU-Finanzminister gaben am Dienstag ihren größten Banken eine klare Überlebensgarantie – doch, sowohl in Tokio als auch in den europäischen Hauptstädten sinken die Aktienkurse weiter. Der Nikkei ist am Mittwoch um mehr als neun Prozent auf den tiefsten Stand seit mehr als fünf Jahren gestürzt.

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Selbst die Kehrtwende von Ben Bernanke blieb an der Wall Street wirkungslos. Der Chef der US-Notenbank Federal Reserve sagte, die Fed müsse angesichts der Krise von "historischen Ausmaßen" prüfen, ob ihre gegenwärtige Geldpolitik noch angemessen sei. Analysten rechnen inzwischen fest damit, dass auch die Bank von England , zusätzlich zu ihrem Rettungspaket, an der Zinsschraube drehen wird. Ein Schritt, der von der Londoner Times begrüßt wird: "Dem Land steht potenziell eine schwere Rezession bevor. Eine zaghafte Zinssenkung um einen Viertelpunkt wäre fehl am Platz. Ein mutiger Schritt ist nötig, um zu verhindern, dass die Menschen von der Angst in die Verzweiflung versinken. Die Welt hat schon andere finanzielle Stürme überstanden. Die Entscheidungsträger haben die Instrumente zum Handeln – sie müssen sie einsetzen."

Verkehrte Welt. Großbritannien ist bereit, Kreditinstitute zu verstaatlichen, um neue Pleiten zu vermeiden, die Fed kündigt eine Zinssenkung an und beginnt, Firmen direkt Geld zu leihen. Da staunt die römische Repubblica : "So etwas hatte es noch nicht gegeben, die Notenbank ersetzt die normalen Banken, die vor lauter Angst gelähmt sind. In den beiden Ländern, die die Hochburgen der Marktwirtschaft waren, arbeiten die Regierungen und die Zentralbanken jetzt mit völlig unorthodoxen Heilmitteln, sie probieren extreme Therapien aus und weiten die öffentlichen Eingriffe übermäßig aus."

Aber haben wir überhaupt noch Zeit, uns über Wirtschaftstheorie zu streiten? Die Interventionen der Staaten sind absolut notwendig, da sind sich alle Kommentatoren und Experten einig. Für die spanische Zeitung El Periódico de Catalunya aus Barcelona hat die EU richtig gehandelt: "Die Europäische Union hat Vernunft bewiesen. Die Finanzminister der 27 EU-Staaten waren in der Lage, eine Linie zu entwerfen, die einer gemeinsamen Reaktion auf die Finanzkrise sehr nahe kommt. Ihre Beschlüsse erlauben den einzelnen Ländern zugleich eine gewisse Flexibilität."

Leser-Kommentare
    • suraf
    • 08.10.2008 um 17:59 Uhr

    Es scheint nun der Zeitpunkt gekommen, bei dem aus einer tatsächlichen Krise am Hypothekenmarkt eine psychologische Krise der realen Wirtschaft wird. Nicht einmal die Industrieverbände sind sich einig ob ihre Mitglieder noch von den Banken mit Kredit versorgt werden. Entscheidend für die weitere Entwicklung scheint nicht mehr die tatsächliche Versorgung der Wirtschaft mit Geld zu sein, sondern die Erwartungen einer Geldknappheit bei Unternehmen und Verbrauchern. In dieser Situation wird eine Zinssenkung nicht ausreichen, denn verängstigte Pferde kann mann zur Tränke führen - sie auch zum Trinken bewegen ist schwieriger; daher ist es wohl keine schlechte Idee besonders die KfW als Kreditgarant für die Unternehmen einzusetzen, bevor aufgrund des geschwundenen Verbrauchervertrauens überhaupt kein Kredit mehr nachgefragt wird. Wenn dies nicht mehr helfen sollte der Staat wohl selbst an der Börse aktiv werden um gewichtet Aktien zu kaufen, damit die irrationale Kapitalvernichtung an den Märkten gestoppt werden kann; der private Sparer, dessen Einlagen garantiert sind, verhält sich zur Zeit rational, wenn den Unternehmen der Kredit sicher ist, verhalten sie sich hoffentlich auch rational.

  1. "Eine solche Vernichtung von Reichtum ist seit 1929 einmalig." Mag ja sein, dass ich nicht viel Ahnung habe, aber diese Vernichtung von Reichtum bedeutet doch eh nur, dass ein paar Nullen verschwinden. Denn dieser angebliche "Reichtum" ist doch wohl niemals direkt bei denjenigen gelandet, denen ein paar Dollars einen fundamentalen Wandel in ihrem Leben bedeutet hätten; also einen Reichtum im Sinne von endlich mal einen Nachmittag Pause machen und ein Buch lesen können. Was brachte es denn dem Banker, wenn er noch ein Milliönchen mehr im Depot hatte? Sein Lebensstandard konnte doch seit Langem nicht mehr besser werden, in materieller Hinsicht mein ich.
    Jetzt kommt natürlich das Argument, dass letztendlich doch der Kleine der Gelackmeierte sein wird, weil er beispielsweise seinen Job verliert. Das ist ebenfalls wieder nur ein Problem der Verteilung, denn der Kampf um den Platz an der Sonne unter den Reichtumsbesitzern geht unvermindert fort. Wahrscheinlich nutzen jetzt die Skrupellosen sogar die Gunst der Stunde, um sich endlich aus "betrieblichen Gründen" von den alten Knackern verabschieden zu können. Das ist leider das Traurige an der Sache, ansonsten könnte es einem schnurzpiepenegal sein, wieviel Reichtum angeblich vernichtet wurde.

  2. "Man will nicht für die Europäer bezahlen und betont die Subsidiarität. Als ob nicht alle von der schwersten Finanzkrise seit 80 Jahren betroffen wären", schrieb am Dienstag die französische liberale Zeitung Le Monde":

    Ist richtig bemerkt. Nur, dass dabei EU-Banken mit Fluchtkapital vom deutschen Steuerzahler auch noch honoriert werden könnten, hat Le Monde übersehen.

    Wir können unsrer Regierung aus Großer Koalition dankbar sein, die sich so schnell richtig entschieden hat. Egal welchen Weg sie gewählt hätte, Kritik am größten EU-Nettozahler macht sich immer gut... Am Ende zahlen doch alle Bürger - entweder als Kunde, als Anleger oder als Steuerzahler,

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    • drelux
    • 09.10.2008 um 21:22 Uhr

    Der Wunsch, die Rechnung für ein gemeinsames, opulentes Mahl in einem Nobelrestaurant auf alle umzulegen, wird natürlich von denen, die am meisten verzehrt haben, besonders gerne geäußert.

    Wenn jedes Land die Probleme in seinem Verantwortungsbereich nachhaltig löst, ist die Krise überwunden.

    • drelux
    • 09.10.2008 um 21:22 Uhr

    Der Wunsch, die Rechnung für ein gemeinsames, opulentes Mahl in einem Nobelrestaurant auf alle umzulegen, wird natürlich von denen, die am meisten verzehrt haben, besonders gerne geäußert.

    Wenn jedes Land die Probleme in seinem Verantwortungsbereich nachhaltig löst, ist die Krise überwunden.

    • drelux
    • 09.10.2008 um 21:22 Uhr

    Der Wunsch, die Rechnung für ein gemeinsames, opulentes Mahl in einem Nobelrestaurant auf alle umzulegen, wird natürlich von denen, die am meisten verzehrt haben, besonders gerne geäußert.

    Wenn jedes Land die Probleme in seinem Verantwortungsbereich nachhaltig löst, ist die Krise überwunden.

    Antwort auf "Haltet den Dieb... "

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