Jugendbewegung Jung stirbt, wen die Götter lieben

Der Teenager ist ein Kind des Rock'n'Roll? In seinem neuen Buch räumt Jon Savage mit diesem Klischee auf und schreibt die Kulturgeschichte der Jugend ganz anders

Dieses Buch funktioniert so: Jon Savage erzählt wahre Geschichten aus unvordenklichen Zeiten, besonders aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Der Leser stellt fest, dass es matrixartige Konstellationen zwischen Jung und Alt schon vor seiner eigenen Lebenszeit gab. Dass der Teenager keine Erfindung des Rock'n'Roll ist.

"Ich will nicht leben, bis ich ein alter Mann geworden bin. Ich würde lieber machen, wozu ich Lust habe und früher sterben." So zitiert Savage einen gewissen Booth Tarkington. Seventeen heißt sein Roman von 1916. Seventeen wie später die Protagonistin in I saw her standing there von den Beatles, Seventeen wie in Seventeen von den Sex Pistols.

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Pete Townshend ist also nicht der Erste, der sterben will, bevor er alt ist: Hope I die before I get old verkünden The Who 1965, der Sänger Roger Daltrey spricht für My Generation. Beide leben noch. 1980, mehrere Popgenerationen später, variiert Blondies Debbie Harry das Motiv. Die young, stay pretty. Jung stirbt, wen die Götter lieben – mit dieser Parole auf den Lippen starb es sich leichter im Ersten Weltkrieg.

Bereits 1916 also fixiert Booth Tarkington ein Thema, das, so schreibt es Savage, "die Jugendkultur bis heute bestimmen sollte: Siebzehn kennzeichnet den Moment, in dem Heranwachsende die Bande elterlicher Kontrolle abwerfen und sich in der Welt Gleichaltriger einen eigenen Weg zu bahnen versuchen."

Vorboten der neuen Teenage-Kultur findet Jon Savage im späten 19. Jahrhundert. Jugendbewegungen wie die Apachen und die Hooligans, später Boyscouts und Freshmen, Wandervögel und Neuheiden aber auch vergessene Tribes wie Flappers oder Slicker. "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" – vor Tocotronic waren viele andere.

Häufig lösen (massen-)kulturelle Erzeugnisse neue Bewegungen aus. Bücher wie The Wizard of Oz oder Peter Pan verändern nachhaltig die Psyche und das Selbstdesign von Jugendlichen. Musik stellt mit jungen Körpern Dinge an, die Autoritäten missbilligen – schon bevor Elvis kam. Den frühen Jazz bezichtigen sie des "Mordes an den Melodien", 80 Jahre vor Techno. Damals hieß er noch Jass, nach einem afrikanischen Wort für Geschlechtsverkehr. Nichts anderes bedeutet ja Rock and Roll.

"Unsere Welt ist eine sehr schnelle, und sie sind alt." So zitiert die Study in American Culture 1929 einen amerikanischen Jugendlichen. "Geht's dir zu schnell, bist du zu alt" – mit solchen Slogans werben 70 Jahre später Pop-Radios für ihr schnelles und also jugendliches Programm.

Die Lebenszeit Gustave Le Bons erstreckt sich von 1841 bis 1931, da ist einiges passiert. 1895 veröffentlicht er Psychologie der Massen. Das Buch wird zum Standardwerk. Also wird Le Bon gehört, als er in den zwanziger Jahren vor einem neuen destruktiven Phänomen warnt: Die Masse denkt nur noch "in Bildern"!

Es vergeht mehr als ein halbes Jahrhundert, bis MTV auf Sendung geht, mit den Buggles: Video killed the radio star. Prompt diagnostizieren kulturpessimistische Alarmisten den pictorial turn. Die Jungen denken nur in Bildern! Bei MTV gern in Bildern von Duran Duran, einer Band, die ohne das Denken in Bildern gar nicht existiert hätte. Ihr Sänger heißt Le Bon, Simon Le Bon, aber das ist sicher nur ein Zufall.

Nicht jeder Heranwachsende hat "die Möglichkeit nach Yale zu gehen, Banker oder Börsenmakler zu werden. Es gab allerdings eine relativ leichte Möglichkeit, an die Waren zu gelangen, ohne die er sich nicht als vollwertiger amerikanischer Bürger fühlen durfte. Er konnte Gangster werden." Diese Berufsempfehlung des Soziologen Steve Lerner stammt aus den Zwanzigern. Ein Dreivierteljahrhundert später erleben wir die Erweiterung der gangster-ökonomischen Produktpalette um die Sparte Gangsta-Rap inklusive ihrer Sekundärverwertung in Kino, Videospielen, Porno, Mode.

1931 begeistert sich die amerikanische Jugend für Tom Powers. "Nach einer wahren Geschichte" wird im Kino das Leben eines irischen Gangsters erzählt, der zum Unterweltdespoten aufsteigt und durch bilderstarken Sadismus auffällt. Markant ist die Szene, als er seiner Freundin "eine halbe Grapefruit ins Gesicht presst." Der Film heißt The Public Enemy, den zutiefst amoralischen Gangster spielt James Cagney. Die Moral des Films aber, so finden Forscher heraus, wird von jungen Kinobesuchern glatt ignoriert, sie identifizieren sich völlig mit dem Public Enemy.

52 Jahre später kommt Scarface in die Kinos und auffällig viele schwarze Jugendliche wählen sich den von Al Pacino gespielten kubanischen Einwanderer Tony Montana zum Vorbild. Der Gangsterboss löffelt Koks mit der Suppenkelle und presst seiner Freundin ganz andere Dinge ins Gesicht als halbe Pampelmusen. Scarface wird zum Original Media Gangster – und zum Namen eines erfolgreichen schwarzen Rappers. Ach ja, Brian De Palmas 1983er Scarface ist ein Remake des gleichnamigen Films von 1932. Der Regisseur war damals Howard Hawks.

So könnte man das ewig weiterdrehen. Immer neue Déjà-vus, Savage erzählt von einst, und der Leser sieht Bilder, hört Klänge aus dem Jetzt. Und er versteht gründlich, dass jede neue Technologie, jedes neue Medium und jeder neue Krieg den Aggregatzustand, die Beschaffenheit, die Dynamik, die Bedeutung, die Körperlichkeit, die Mode der Jugend neu definiert. Und: Dass die Jugend jede neue Technologie, jedes neue Medium und jeden neuen Krieg nutzt, um Aggregatzustand, Beschaffenheit, Dynamik, Bedeutung, Körperlichkeit, Mode ihrer selbst zu bestimmen. It's only teenage wasteland

Jon Savages "Teenage – Die Erfindung der Jugend (1875-1945)", übersetzt von Conny Lösch, ist im Campus Verlag erschienen. Es hat 525 Seiten und kostet 29,90 Euro.

Jon Savage ist zu Gast beim Netzradio ByteFM in Klaus Walters Sendung "Was ist Musik". Am Sonntag, den 5. Oktober, von 20 bis 23 Uhr. Die Sendung wird wiederholt am 7. Oktober von 13 bis 16 Uhr und am 8. Oktober von 8 bis 11 Uhr. Klicken Sie hier, um den Livestream zu öffnen!

 
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