Sie verbringen das Wochenende in Hamburg. Nicht, um dem Traumschiff Aida zuzuwinken, sondern um auf die Wiedervereinigung anzustoßen. Merkel und Köhler machen mit, auch Sie sind eingeladen zum Empfang in gehobener, bundesdeutscher Abendgesellschaft.

18 Jahre alt ist die Republik. Worüber redet man da? Sie macht weder den Führerschein, noch wird sie strafmündig. Ach, ja: Sie darf enthemmt feiern. Stürzen Sie ein Glas Sekt und sich selbst ins Getümmel.

Die Party-Gäste sind belesen, also los! Ihnen ist aufgefallen, dass in den vergangenen zwei Dekaden in Deutschland kaum Bücher geschrieben wurden, die den Namen "Wenderoman" verdienen. "Grass hat es versucht. Aber sein Weites Feld zeigt leider nicht mehr als des Autors Fontanefimmel." Resümieren Sie ein paar andere Schriftsteller. Thomas Brussig: zu unernst. Ingo Schulze: ein bisschen schulmeisterlich. Reinhard Jirgl: toll, aber kein richtiger Wendeautor. Hingegen: Clemens Meyer! Sein Debütroman Als wir träumten sei ein Buch wie eine Faust.

Sagen Sie abschließend, das ewige Warten auf den Wenderoman erinnere Sie manchmal an – nein, nicht an Becketts Godot! – die Stücke von Eugéne Ionesco: "Immer klingelt jemand an der Tür, wird im Voraus bejubelt, aber letztlich steht niemand da."

"Die Amerikaner hingegen", jetzt setzen Sie Ihren Kennerblick auf und legen den Zeigefinger ans Kinn, "die Amerikaner wissen wohl, wie politische Großereignisse verarbeitet werden können. "Wer da alles schon kurz nach dem 11. September drüber geschrieben hat." Sie schnalzen mit der Zunge. "Don DeLillo, Jonathan Safran Foer, Philip Roth, Jay McInerney." Nur Paul Auster habe sich dem Thema verweigert. "In seinem neuen Buch hat es 9/11 gar nicht gegeben!"