Ramsch-Auktion Pleitegeier
Bei eBay versteigern Nutzer Hunderte Werbegeschenke bankrotter Banken. Die Kurse sind prächtig, den Käufer umweht ein Hauch von Weltgeschichte
Noch vor wenigen Wochen wäre kein Anleger auf die Idee gekommen, dass eine Tasse mit dem Logo von "Lehman Brothers" mehr wert sein könnte als die Aktie des Unternehmens selbst. Jetzt aber ist die Bank Pleite - und deren Überreste eine Menge Geld wert. Auf dem Auktionsportal eBay gehen seit Wochen die Devotionalien bankrotter Banken über die Ladentheke. Über 200 Angebote gibt es bereits, die Preisspanne reicht vom Kugelschreiber für 2 Euro oder dem Golfschläger mit dem Lehman-Namenszug für 99 Dollar.
Dabei umweht den Kunden beim virtueller Einkaufsbummel ein historischer Hauch. "Seien Sie ein Teil der Geschichte, ein Teil des größten Banken-Bankrotts aller Zeiten", appelliert der Anbieter einer „Lehman-Tragetasche“ an mögliche Interessenten. Und der Käufer muss sich nicht nur auf Lehman-Produkte beschränken, er kann seinen Kaffee wahlweise auch aus der Tasse des bankrotten Konkurrenten Bear Stearns schlürfen. Für nur 20 Dollar. "Kaufen Sie, bevor die Tassen weg sind – so wie die Bank", wirbt ein gewiefter Verkäufer.
Einige der Anbieter sollen Gerüchten zu folge aus den Reihen der Bank-Angestellten stammen. Bei manchem klingt gar Abschiedsschmerz durch: "Behandeln Sie sie gut", bittet der Anbieter einer "Originalmütze der hauseigenen Lehman Brothers Feuerwehr" den künftigen Besitzer. Der Verkaufspreis von 40 Dollar dürfte ihn über den Verlust hinwegtrösten.
Andere ehemalige Angestellte sind da schmerzfreier. Der Besitzer einer Plakette zum 150. Geburtstag der Lehman-Bank wirbt mit dem Spruch „Aus dem Büro der obersten Führung“. Wer ihm nicht traut, soll eine E-Mail mit Rückfragen schicken. Vielleicht steckt also hinter "greg8740" ein waschechter Vorstand? Kann sein, muss aber nicht. Denn traut man Medienberichten, soll es in den Tagen nach der Pleite einen derartigen Ansturm auf die Lehman-Büros und Materialien gegeben haben, dass sich die Menschen auf den Fluren prügelten.
Mit Werbegeschenken aus dem deutschen Banksektor ist bei eBay bisher kein Geld zu machen. Das könnte daran liegen, dass hier (noch) keine Bank eine Pleite hingelegt hat. Vielleicht also wurde dieser Tage ein neuer Messindex für die Stabilität von Finanzkonzernen eingeführt: Beginnen die Angestellten meiner Bank, Kugelschreiber zu sammeln?
- Datum 01.10.2008 - 15:05 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Eine Freundin von mir (in den USA) hat in Ihrem Esszimmer 6 elegante Tonetstuehle aus der Enron Kantine, erstanden durch Ebay.
Pleitegeier?
- In jiddischer Aussprache derselbe Vogel wie ein „Pleitegeher“..
Diese zoologische unbekannte Art erscheint in deutschem Schrifttum „wilhelminisch-II-befrackt“ bei Julius (Ernst Wilhelm) Stinde
(auch unter Pseudonymen tätig wie: Theophil Ballheim, Dr. Böhm, Wilhelmine Buchholz, Julius Ernst, David Hersch, Julius Neuland, D. Quidam, J. Steinmann).
Der Autor wusste bürgerlich&real Bescheid, dass er humorvoll bis satirisch auf die Verhältnisse im Wilhelminismus und im bürgerlichen Arroganzismus reagieren konnte.
In „Die Familie Buchholz“ (1884-86; in drei Teile) charakterisierte er eine Nachbarsfamilie 'Weigelt':
„Wie es bei den Weigelts zustand, konnte ich von ihr nicht erfahren: ob sie schon einen Scheffel Zwanzigmarkstücke von der Millionenschwägerin bekommen hatten, oder ob ihnen bereits der Pleitegeier auf dem Dache saß, wie Onkel Fritz zu sagen pflegt, wenn die Rechnungen für das gute Leben bezahlt werden sollen und bloß der gute Wille dazu vorhanden ist.“
Wie die BRD-Aktiengeselligkeit „Alles Schröder oder Merkel oder Münte was…?“ hierzulande um sich greift und geiert, kann man wöchentlich in glänzenden Kabarettnummern sehen.
Aber die Aktioneure (Aktienspekulanten und Bankrotteure) sitzen Tag und Nacht an den Rechnern und Strippen und dirigieren die „Filiale des Kapitals“ die von den gutgläubigen Wählern als „unsere Regierung“ bezeichnet wird.
Der Pleitegeier flog aber auch früh in höheren literarischen Sphären:
“Sehr einfach: Proletarier, Kleinbürger und Feudaler - drei der Börsendemokratie gleich verhasste Machtfactoren - lassen ihre papiernen Drachen (Parteienpresse) steigen, über ihnen aber schwebt stolz der Aar, der die ‚Zeit' bedeutet. Ein Witzbold meinte freilich, es sei der sogenannte » Pleitegeier - «. Dies würde, hätte er' s so gedacht, den genialen Münchener Zeichner vollauf rehabilitieren. Aber wahrlich, er hatte gar nicht die Absicht gehabt, Socialdemokraten, Christlichsociale und Großgrundbesitzer zur höheren Ehre der Singer Comp. (…)
Wer das schrieb?
Karl Kraus, in: " Passant" (Die Fackel 9. 1903. Nr. 135, S. 29)
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Es gibt nichts, was nicht "fliegen" will, wenn es an die Arbeitskraft oder ans Geld anderer fassen will.
Bis es im Schwindel endet.
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