Tropenmedizin Die Fratzen eines Massenmörders

Forscher haben das Erbgut zweier Malaria-Erreger entziffert - und sind erstaunt darüber, wie wenig sie bislang über den tropischen Killer wussten

Der Tod kommt summend, nachts wenn die Menschen in den tropischen Regionen der Erde, vor allem in Afrika, schlafen. Der Stich einer weiblichen Anopheles-Mücke genügt, um winzige Parasiten, die sogenannten Plasmodien, in die menschliche Blutbahn zu katapultieren. Haben die Einzeller erst einmal Menschenblut geleckt, beginnen sie einen zerstörerischen Vermehrungszyklus und vernichten die roten Blutkörperchen ihrer Opfer. Wird die Krankheit nicht rechtzeitig erkannt, verläuft sie oft tödlich. Und oft heißt in diesem Fall: millionenfach. Entsprechend groß sind seit jeher die Bemühungen, das Treiben der Parasiten zu erforschen und wirksam zu unterbinden. Der Erfolg indes lässt zu wünschen übrig. Noch immer steckt sich jährlich fast eine Viertelmilliarde Menschen mit Malaria an, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO, doch ein wirksames Medikament ist nach wie vor nicht in Sicht.

Umso wertvoller dürften daher die Ergebnisse zweier Studien sein, die jetzt in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature erscheinen. Zwei internationalen Forschungsteams ist es gelungen, den genetischen Code von zwei Malaria-Erregern zu entziffern. Gemeinsam mit dem vor sechs Jahren vorgelegten Genom des Plasmodiums P. falciparum stehen der Wissenschaft nun drei vollständige Erbgutsequenzen verschiedener Malariaerreger zur Verfügung. Im Zuge ihrer Arbeit fand das Team des englischen Wellcome Trust Sanger Institute sogar eine fünfte, für den Menschen gefährliche Spezies des Parasiten.

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Sie ist das Transportmittel der Tropenkrankheit. Die weibliche  Anopheles-Mücke überträgt die Erreger der Malaria.

Sie ist das Transportmittel der Tropenkrankheit. Die weibliche Anopheles-Mücke überträgt die Erreger der Malaria.

Bislang galten nämlich nur vier Plasmodienarten als humanpathogen – P. falciparum, P. vivax, P. ovale und P. malariae. Plasmodium knowlesi dagegen kannte man nur von infizierten Affen, obwohl es vereinzelt auch Berichte über Ansteckungen von Menschen gab. Eigentlich hatten die Forscher das Genom sequenziert, um es mit menschlichen Erregern vergleichen zu können. Neueren Erkenntnissen zufolge könnte das Genom aber weitaus bedeutender sein. "In Südostasien scheint Plasmodium knowlesi und nicht der bekannte Erreger Plasmodium malariae für Tausende von Malariafällen verantwortlich zu sein", sagt der Parasitologe Arnab Pain vom Sanger-Team.

Doch nicht nur die unterschätzte Verbreitung des Erregers lässt die Forscher jetzt erschauern: Wie die Analyse seines Erbguts zeigt, ähneln zahlreiche Gene des Erregers dem genetischen Code der menschlichen Immunabwehr auf ganz verblüffende Weise. "Das ist wie eine Art von molekularer Tarnung", sagt Pain. Sie ermöglicht P. knowlesi, sich regelrecht an den Zellen des Immunsystems vorbeizuschummeln. Diese Art der Verkleidung ist den Forschern im Fall der Malaria komplett neu - und sie zeigt, wie wenig man über die Tricks der Parasiten weiß.

Mit Hilfe der Plasmodiengenome hoffen die Forscher außerdem, Impfstoffe gegen das Tropenfieber entwickeln zu können - keine neue Hoffnung zwar, doch eine, die durch die neuen Arbeiten weitere Nahrung erhält. Bislang gibt es nur sehr wenige Medikamente, die je nach Art und Schwere der Erkrankung eingesetzt werden, allerdings sind die Erreger besonders in Afrika gegen diese Arzneien schon fast durchweg resistent. Dazu gehören etwa die Präparate Chloroquin und das sogenannte Pyrimethan-Sulfadoxin. Andere Pillen mit dem Pflanzenextrakt Artemesin sind nur in Kombination mit weiteren Mitteln wirksam und für viele Menschen in Afrika und Asien nicht bezahlbar.

Deswegen setzen die Forscher auf die Gene der Parasiten. Bereits 2002 konnte das Genom von P. falciparum ausbuchstabiert werden, dem häufigsten Erreger der Krankheit in Afrika - und zugleich auch dem Auslöser der gefährlichsten Form, Malaria tropica. Zwar konnten die Forscher Einblicke in den Lebenszyklus des Parasiten gewinnen, doch gibt es noch offene Fragen – zum Beispiel, warum manche Erreger erst nach Monaten aktiv werden und immer wieder neue Fieberkrämpfe auslösen.

Leser-Kommentare
    • rorro
    • 10.10.2008 um 8:03 Uhr

    Sehr geehrter Herr Stockrahm!

    Artemisinin ist auch alleine wirksam gegen die M. tropica und vor allem beruht es auf einem komplett anderen Wirkmechanismus als die anderen handelsüblichen Präparate - doch um Resistenzentwicklungen zu vermeiden, empfiehlt die WHO nur den Einsatz in Kombinationen.

    Nichtsdestoweniger gibt es in afrik. und lateinamerik. Ländern ganze Felder mit Artemisia annua, dem Einjährigen Beifuß, einem ganz unscheinbaren Kraut, welches den Wirkstoff enthält.

    MfG,
    rorro

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