Die deutsche Fußballpresse hat sich am Montag zu einer euphorischen These hinreißen lassen: Beim 5:4 zwischen Bremen und Hoffenheim sei "die Geschichte des Offensivfußballs neu geschrieben worden". Doch was sich der Aufsteiger an Sympathien auf dem Feld erspielt, verschenkt er auf andere Weise. Als Antwort auf einen Kommentar des Tagesspiegel-Chefredakteurs Lorenz Maroldt hat ihm Hoffenheims Pressesprecher Markus Sieger eine lange Beschwerde gesendet: "Ich möchte überhaupt nicht den Eindruck entstehen lassen", schickt er vorweg, "dass wir unter Umständen dünnhäutig wären." Siegers Ausführungen, die nicht gerade ein Übermaß an Bescheidenheit verraten, enden mit einer Boykott-Ankündigung: "Ich gehe von Ihrem Verständnis aus, dass Anfragen des Tagesspiegels bei uns nicht mehr berücksichtigt werden."

Die ganze Sache ist natürlich ein Angriff aufs eigene Tor, viele Medien berichten nun über Siegers Zensurversuch, und für Maroldt ist es eine Gelegenheit zum Konter: "Wenn Sie doch überhaupt nicht den Eindruck entstehen lassen wollen, dass Sie unter Umständen dünnhäutig wären", schreibt er entgegnend, "warum tun Sie es dann? Und wie kommen Sie auf die Idee, dass ich dafür Verständnis hätte?" Die Debatte ist nachzulesen auf tagesspiegel.de.

Worum geht’s inhaltlich? Maroldt wirft dem Klub "Kungelei" mit dem DFB vor, denn der DFB hat in großen Worten mitgeteilt, Fans von gegnerischen Klubs, die TSG-Mäzen Dietmar Hopp weiter schmähen und verunglimpfen, "unnachgiebig zu verfolgen". Eine unübliche Haltung, "lässt der DFB", schreibt Maroldt, "es doch seit Jahren zu, dass Spieler, Trainer, Präsidenten, Ordner und Zuschauer übel beleidigt werden". Nachzufragen zum Beispiel bei Oliver Kahn.

Die Rede von der "Lex Hopp" macht die Runde, und Maroldt führt die juristische Gunsterbietung darauf zurück, dass Ralf Zwanziger, der Sohn des DFB-Präsidenten Theo, für die TSG Hoffenheim arbeitet und den Frauen- und Mädchenfußball verantwortlich ist. "Das ist eine ziemliche Unverschämtheit, Hoffenheim gehört bei den Zwanzigers gewissermaßen zur Familie", rügt Maroldt. Sieger hingegen glaubt, diesen Verdacht mit einer rhetorischen Frage entkräften zu können: "Denken Sie in der Tat, dass die Herren Hopp und Zwanziger es nötig haben, sich auf dieses Niveau zu begeben?"

Maroldts "Schutzengel Theo"-These kann man weder beweisen noch widerlegen. An den Haaren herbeigezogen ist sie natürlich nicht. Schon eher ist zu bezweifeln, ob Maroldt das richtige Beispiel gewählt hat, um die mutmaßliche Vetternwirtschaft des DFB zu bezeugen. Ob der DFB nun gegen Vereine Geldstrafen verhängt oder nicht – aus dieser Maßnahme wird Hopp keinen Vorteil davontragen.

Doch siehe da: Sinsheim, das hat der DFB diese Woche entscheiden, wird Austragungsstätte während der Frauen-WM 2011. Ein Stadion also, in dem noch kein einziges Fußballspiel stattgefunden hat, wird es doch gerade erst gebaut. Der Bauherr heißt: Dietmar Hopp. Ist das schon Vetternwirtschaft? Geschadet hat der Familie Hopp die Verbindung zum DFB sicher nicht.

Im Fach Souveränität jedenfalls brauchen die schnell beleidigten Hoffenheimer offensichtlich Nachhilfe. Denn Siegers Brief an den Tagesspiegel reiht sich ein in eine Serie von dünnhäutigen Hoffenheimer Reaktionen: Im vergangenen Jahr schickte Hopp dem Mainzer Manager Christian Heidel ein verbittertes Fax – und zur Kenntnisnahme auch dem DFB und der DFL. Heidel hatte ihm vorgeworfen, mit seinen SAP-Milliarden den Wettbewerb in der Zweiten Bundesliga zu verfälschen.

Den 19-jährigen Dortmunder Fan, der jüngst ein Transparent hochhielt, das Hopp im Fadenkreuz abbildet, hat er angezeigt. Auf Online-Plattformen kursiert der Vorwurf, Hopp wolle sein Image schönen, indem er seine Anwälte Internet-Foren auf unliebsame Äußerungen durchforsten lasse, und das Gerücht geht um, dass sein Wikipedia-Eintrag geschönt werde. Im August beschwerte sich TSG-Trainer Ralf Rangnick, direkt nach dem ersten Bundesliga-Sieg der TSG, über eine ostdeutsche Lokalzeitung wegen ungerechter Behandlung.

Ach, würden sie sich doch aufs Fußballspielen beschränken! Man könnte angesichts ihres Sturmdrangs kaum anders, als sie zu mögen, doch so fällt es selbst Hoffenheim-Verstehern schwer. Wer weiß, welche Schutzmaßnahmen sie sich noch einfallen lassen? Ein Tagesspiegel-User kann nicht ausschließen, dass Hopp irgendwann das Lied "Hoppe, Hoppe, Reiter!" im Stadion verbieten lassen wolle.