Nobelpreise 2008 Höchste Ehrung für deutschen Krebsforscher

Harald zur Hausen erhält für die Entdeckung des krebsauslösenden humanen Papillomvirus HPV den Medizinnobelpreis. Zur Hausen teilt sich den Preis mit den Entdeckern des AIDS-Erregers HIV

Der 72-jährige Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg befasst sich seit Beginn der siebziger Jahre mit dem humanen Papillomvirus. Bestimmte Typen dieser Warzenviren lösen Gebärmutterhalskrebs aus, die zweithäufigste Krebsart bei Frauen. Zur Hausen war der Erste, der diesen Zusammenhang aufdeckte. Er legte damit den Grundstein für eine Impfung gegen die verbreitete Krebsform. Seit 2006 in den USA und seit vergangenem Jahr auch in Deutschland können sich Millionen junger Mädchen vor einer Infektion mit dem Virus, und damit auch vor Gebärmutterhalskrebs, schützen.

Die Jury verlieh zur Hausen eine Hälfte des Preises. Die andere Hälfte teilen sich die  Franzosen Françoise Barré-Sinoussi and Luc Montagnier für die Entdeckung und Erforschung des Human Immunodeficiency Virus HIV, des Erregers der Krankheit Aids. Damit ehrt das Nobelkomitee in diesem Jahr die Entdeckung der zwei schlimmsten Virusarten, die Auslöser für Krebsleiden und Millionen von Aids-Erkrankungen weltweit sind. Der Nobelpreis ist mit gut 1 Million Euro dotiert und gilt unter Medizinern als die angesehenste Auszeichnung überhaupt. Der schwedische König Karl Gustav verleiht die berühmte Medaille am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, an die Wissenschaftler.

Anzeige

Mit dem Preis wird auch zur Hausens jahrzehntelange Beharrlichkeit belohnt. Seit Beginn der siebziger Jahre ist er überzeugt, dass neben anderen Faktoren, wie radioaktiver Strahlung oder karzinogenen Stoffen auch bestimmte Virusinfektionen Krebs auslösen. Der kausale Zusammenhang zwischen den Krankheitserregern und der Entstehung von Tumoren war seit Anfang des Jahrhunderts umstritten. Zur Hausen war maßgeblich daran beteiligt, den Verdacht wissenschaftlich zu belegen. Neben Warzenviren wie HPV können auch bestimmte Herpesviren, wie der Epstein-Barr-Erreger, Zellen entarten lassen.

Nicht jedes Virus indes lässt Tumore wachsen: Herkömmliche Viren verursachen in der Regel akute fiebrige oder chronische Infektionen, die das menschliche Immunsystem mal mehr, mal weniger erfolgreich bekämpft. Auch die meisten Papillom- und Herpesviren, wie auch der verbreitete Erreger des Lippenherpes, sind nicht  krebsauslösend. Dagegen fand man in 70 Prozent der Gebärmutterhalstumore humane Papillomviren der Typen HPV 16 und HPV 18. Ein starkes Indiz für ihre Rolle bei der Krebsentstehung, den zur Hausen Anfang der achtziger Jahre belegen konnte.

Gebärmutterhalskrebs ist mit weltweit rund einer halben Million Fällen pro Jahr der zweithäufigste Krebs bei Frauen, mit rund 6500 Neuerkrankungen jedes Jahr in Deutschland. Zur Hausens Forschungen schaffte die Grundlage für die Entwicklung eines Impfstoffs gegen HPV 16 und 18. Da Warzenviren fast ausschließlich während des Geschlechtsverkehrs übertragen werden, empfahl die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut im vergangenen Jahr die Impfung aller Mädchen im Alter von 12 bis 17 Jahren, damit eine Infektion noch vor dem ersten Sex verhindert werden kann. Allein dieser Erfolg in der Krebsprävention machte zur Hausen bereits in den vergangenen Jahren zu einem der aussichtsreichen Kandidaten für den Nobelpreis.

Etwas anders verhält es sich mit  jenen Preisträgern, die sich die zweite Hälfte des diesjährigen Nobelpreises teilen: Die nun ausgezeichneten französischen Virologen Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier galten nicht immer als die unzweifelhaften Entdecker des HI-Viruses. Fast zeitgleich mit den Franzosen beanspruchte Ende 1983 auch der US-Forscher Robert C. Gallo für sich, das Virus erstmals isoliert und beschrieben zu haben.

Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit um die Verdienste der Kontrahenten, bei dem es vor allem um millionenschwere Patente für HIV-Tests ging. Die Auseinandersetzung musste schließlich auf höchster politischer Ebene beigelegt werde: 1987 einigten sich  der damalige Premierminister Chirac und US-Präsident Reagan darauf, den größten Teil der Patenterlöse einer Stiftung für Aidsforschung zukommen zu lassen. Auf wissenschaftlicher Ebene hatte indes Gallo das Nachsehen: In seiner Veröffentlichung zur Entdeckung des HI-Virus blieb der Anteil der französischen Konkurrenten an seinen Ergebnissen unerwähnt, obwohl diese ihm wertvolle Proben geschickt hatten.

Ein folgenreicher Fehler, für den Robert Gallo nun nochmals bestraft wird, indem ihn das Nobelpreiskomitee in Stockholm unberücksichtigt lässt. Die beiden französischen Preisträger hätten eine rasche Vermehrung des HI-Virus zu Forschungszwecken ermöglicht, teilte die Jury anlässlich ihrer Entscheidung mit. Erst die Verfügbarkeit des Erregers verhalf der AIDS-Forschung zu einem besseren Verständnis der Krankheit. Derzeit leiden rund 40 Millionen Menschen an der Immunschwäche. Zwar gibt es bislang keine Heilung, in den westlichen Industrieländern haben viele Infizierte dank der modernen Medikamente inzwischen eine Lebenserwartung, die denen von Gesunden immer näher kommt.

Im vergangenen Jahr war der Nobelpreis für Medizin an die drei Genforscher Martin Evans, Mario Capecchi und Oliver Smithies verliehen worden, für ihre Entdeckungen im Bereich der embryonalen Stammzellen in Säugetieren. Ihre Arbeiten bilden die Grundlage für das Züchten von Mäusen mit gezielten Genmutationen. Mit der sogenannten Gene-Targeting-Technik ist es möglich, Rückschlüsse auf Krankheiten beim Menschen zu ziehen, wie etwa Diabetes oder Krebs.

Im Laufe dieser Woche und Anfang nächster Woche werden die Preisträger in den Kategorien Physik, Chemie, Frieden und Literatur bekanntgegeben. Der Nobelpreis für Wirtschaft, der 1968 von der schwedischen Reichsbank ins Leben gerufen wurde, wird am kommenden Montag bekanntgegeben.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service