Nach drei verheerenden Interviews hatte die forsche Gouverneurin aus Alaska den schwersten Stand, die Latte für ihren Auftritt am Donnerstagabend lag niedrig – und sie übersprang diese glatt. Palin, die politische Novizin, verhaspelte sich nicht und legte keine peinlichen Pausen ein, weil sie die Antwort nicht wusste. Sie war fröhlich, reaktionsschnell, angriffslustig und unbekümmert, eben ganz die Sarah Palin. Sie hat gewonnen, weil sie besser war als erwartet. Das sagen auch die ersten Umfragen. Präsidentschaftskandidat John McCain und die republikanische Partei können erleichtert aufatmen.

Joe Biden vermied sorgsam, auf der außen- und innenpolitischen Unerfahrenheit der Gouverneurin aus Alaska herumzutrampeln. Es mag ihm schwergefallen sein, aber er blieb höflich, respektvoll und korrigierte seine Widersacherin nicht einmal, als sie den Namen eines US-Generals in Afghanistan wiederholt falsch aussprach. Stattdessen stürzte er sich auf John McCain, zerlegte ihn und dessen Politik und legte dar, was ein Präsident Obama anders machen würde. Biden nannte Zahlen und Fakten, die Palin nicht kannte. Als sie zum wiederholten Mal sich und McCain als Maverick, als Querköpfe rühmte, widerlegte Biden Punkt für Punkt, warum der Republikaner vom Irakkrieg bis zur Finanzkrise kein Maverick ist, sondern ein treuer Gefolgsmann des amtierenden Präsidenten Bush. Joe Biden hat gewonnen, weil er einfach besser und beschlagener ist als seine Kontrahentin. Das sagen die Umfragen ebenso.

Vizepräsident zu sein, ist eine ernsthafte Sache, die man nicht im Vorbeigehen lernt. Bei aller Palin-Begeisterung scheint es doch eine ausgleichende Gerechtigkeit zu geben. Egal welcher Partei man zuneigt, aber bisweilen muss man sich schon die Haare raufen über diese zwar schlagfertige und sympatische, aber politisch unbedarfte Stellvertreterin McCains, die völlig frei von Selbstzweifeln zu sein scheint. 90 Minuten lang grinste sie sich durch die Debatte und überging augenzwinkernd alle Fragen, zu denen sie keine Antwort wusste. Wo würde sie im Haushalt einsparen, wie wolle sie die Finanzkrise bewältigen, was halte sie von McCains Steuersenkung für Reiche und wie würde ihr Plan für eine Beendigung des Irakkriegs aussehen?

Hahaha, lächelte Palin, ich bin doch erst seit fünf Wochen dabei, da kann ich doch noch kein Programm haben. Wir da oben in Alaska sehen die Dinge sowieso etwas anders und unverstellter als ihr an der elitären Ostküste. Ach, was bin ich heilfroh, dass ich eine Außenseiterin und ein ganz gewöhnlicher Mensch bin. Ich spreche nicht die Sprache von Washington, ich denke und antworte nicht so, wie ihr das in Washington gerne wollt. Ich bin die junge Frau aus dem Städtchen Wasilla und bringe frischen Wind und Öl! Meine Antwort auf alle drängenden Fragen dieser Welt lautet: Energiesicherheit, Energiesicherheit – und noch einmal Energiesicherheit. Davon verstehe ich etwas. Mit mir singen die Leute landauf landab: Drill, baby, drill – bohre, Baby, bohre! Und übrigens: Ich bin so verdammt stolz darauf, Amerikanerin zu sein.

Dieses Trommelfeuer einer Ich-bin-eine-von-Euch-und-spreche-so-wie-ihr Politikerin lässt sich schwer stoppen. Joe Biden versuchte es auch gar nicht. Nach anderthalb Stunden hatte er das letzte Wort – und sein Schlusssatz blieb haften: "Gott segne unsere Truppen," sagte der Vater eines Soldaten, der an diesem Freitag in den Irakkrieg zieht. Palin, die Mutter eines Iraksoldaten, beendete ihren Vortrag hingegen in der üblichen Wahlkampf-Politikersprache. So fern ist Washington also doch nicht.