Noch vor Kurzem starrte ganz Amerika gebannt auf diesen Donnerstagabend, auf den Augenblick, wenn Sarah Palin und Joe Biden, die beiden Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten, erstmals direkt aufeinandertreffen. Die junge Gouverneurin gegen den alternden Senator, die Außenseiterin aus Alaska gegen den Insider aus Washington - viele meinten sogar, dies sei die wichtigste Debatte überhaupt, wichtiger als jene zwischen Barack Obama und John McCain. Erstmals in der Geschichte, sagten Meinungsforscher, könnte ein Vize die Präsidentschaftswahl mitentscheiden. Nie zuvor habe ein Stellvertreter den Wahlkampf derart aufgemischt, so große Begeisterung entfacht und Voraussagen dermaßen auf den Kopf gestellt. Der Palin-Faktor, hieß es, sei das Zünglein an der Waage.

Ein Erdbeben an der Wall Street, ein Debakel im Parlament und drei Palin-Interviews später schaut die Lage ein wenig anders aus. Sorge Nummer eins ist die gigantische Wirtschaftskrise, zu deren Bewältigung die Gouverneurin aus Alaska wenig beizutragen hat. In drei Fernsehgesprächen hat sie sich fast um Kopf und Kragen geredet. Ob Außenpolitik oder nationaler Rettungsplan für die bankrotten Finanzinstitute – egal, welches brennende Thema, sie stottert herum, weicht aus, weiß wenig und versucht, sich mit einem entwaffnenden Lächeln und flotten Sprüchen über die Runden zu retten. In Sachen Umweltschutz, Erderwärmung und Anti-Terrorkampf in Afghanistan und Pakistan vertritt sie Auffassungen, die jenen McCains widersprechen. Mancher witzelt deshalb bereits, ob sie heute Abend nicht besser mit McCain statt mit Biden streiten sollte. Inzwischen verlieren sogar wohlmeinende konservative Kommentatoren die Geduld mit ihr. Kathleen Parker schreibt in der Internetausgabe des National Review : Nur indem Palin zurücktrete, könne sie McCain, ihre Partei und das Land noch retten.

Laut Umfragen zweifeln immer mehr Menschen, ob Sarah Palin tatsächlich das Zeug zur Stellvertreterin und im Notfall gar zur Präsidentin habe. Auch und gerade unter Frauen hat sie an Unterstützung verloren. Nur einen Herzschlag vom Oval Office entfernt – das erscheint einer wachsenden Schar doch ein zu großes Wagnis, zumal John McCain 72 Jahre alt ist und an Krebs leidet. Und manche fragen: Hat der erfahrene Republikaner und hoch dekorierte Kriegsheld die Dame aus dem hohen Norden nur aus wahltaktischem Kalkül gewählt, also aus ganz und gar unpatriotischen Gründen? Überdies haben zahlreiche Enthüllungen die Palin-Euphorie gedämpft: So rabiat aufgeräumt, wie behauptet, hat sie in der rauen politischen Männerwelt Alaskas nicht. Es scheint, dass auch sie Amtsgeschäfte und persönliche Interessen gerne miteinander vermengt. Und mit einem 500.000-Dollar-Haus am See, einem Wasserflugzeug und mehreren Motorbooten ist sie nicht unbedingt "eine von uns".

Und trotzdem bleibt das Fernseh-Duell heute Abend spannend. Niemand sollte Sarah Palin unterschätzen, auch wenn sie sich in den vergangenen Tagen mehrmals politisch verstolpert hat und sich Satiresendungen das Maul über sie zerreißen. Drei Tage lang hat sie sich in Arizona zur Klausur zurückgezogen, um gut vorbereitet zu sein. Aufzeichnungen früherer TV-Debatten in Alaska zeigen, dass sie sich in der direkten Konfrontation nicht nur wacker, sondern äußerst erfolgreich schlagen kann. Mit sicherem Jagdinstinkt wartet sie freundlich ab und schlägt hart zu, wenn ihr Gegner nicht damit rechnet.