Lange vor dem Aufeinandertreffen an der Washington University in St. Louis hatte die Vizepräsidentschaftsdebatte zwischen Sarah Palin und Joe Biden weite Kreise im Internet gezogen – neben den Nachrichten-Websites vor allem auch bei Youtube und in TV-Unterhaltungsformaten . Nach einer als ernsthaft und höflich wahrgenommenen Diskussion dominiert nun die Frage nach der richtigen Bewertung der Kandidaten-Performance.

Im Blickpunkt steht nach zuletzt zweifelhaften Medienauftritten vor allem Sarah Palin, deren Auftreten den meisten Beobachtern lobende Erwähnungen wert war – die reißerische Schlagzeile des Kampagnen-Fachblattes "Campaigns and Elections" ist allerdings nur als Karikatur der Vorberichterstattung verständlich: "Palin hat ihren größten Test überlebt" schreibt Shane D'Aprile.

Für die Gouverneurin aus Alaska zahlte sich ein im Vorfeld konsequent vorgetragenes expectation game aus – durch das dauerhafte Senken der Erwartungen an ihre Debattierkunst genügte Palin eine solide Leistung und das Vermeiden allzu großer Patzer: "Palin antwortete mehrmals nur mit einem knappen Satz auf eine Frage, um danach mit einem längeren Diskurs zu einem Thema ihrer Wahl aufzuwarten, Energiepolitik zum Beispiel. Dennoch begang sie keinen offensichtlichen Fehler" notiert James F. Smith für den Boston Globe .

Palins Rhetorik und das "kumpelhafte", volkstümliche Auftreten finden häufig Eingang in die Debatte nach der Debatte: "Die Zuschauer bekamen eine volle Dosis der über-bescheidenen, auf Durchschnitt getrimmten Sarah Palin, die nichts daran setzte, dies zu ändern," bemerkt Gerald F. Seib leicht erstaunt im Wall Street Journal . "In nur wenigen Minuten sagte sie 'Teufel nochmal' und 'verflixt', oder bezog sich auf 'Otto Normalverbraucher'". Thomas Schaller legt im Online-Magazin Salon dagegen die Verwendung solch "volkstümelnder Begriffe" als einen gezielten, und nicht einmal schlecht gelungenen Versuch zur Personalisierung aus.

Die flächendeckende Beschäftigung mit der Debattenleistung von Sarah Palin kann bereits als Erfolg für das republikanische Lager gewertet werden – denn dadurch blieb weniger Platz für eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem zweiten Debattenteilnehmer. Palins Gegenüber Joe Biden erhält zwar recht gute Kritiken, ein besonderer Schlag gegen das republikanische Lager wird ihm jedoch nicht zugestanden: "Biden bot eine flüssige, selbstbewusste Performance, die ihm nicht besonders schwer gefallen sein dürfte – nach zwei Präsidentschaftskampagnen, 35 Jahren im Senat und zahllosen Auftritten an prominenter Stelle im Sonntagsfernsehen" urteilen John F. Harris und Mike Allen nicht ohne Süffisanz für das Online-Magazin Politico .

Da auch Biden im Vorfeld als unsicherer Kantonist in Debattenfragen galt, gesteht ihm nicht nur Carla Marinucci im San Francisco Chronicle immerhin eine fehlerfreie Leistung zu: "Auch Biden hat die Erwartungen vieler Kritiker übertroffen – es hieß vorab, er rede zu ungenau, langatmig und sei anfällig für Patzer. Der Senator machte seine Punkte und verlor seine Coolness nicht – er blieb freundlich und lächelnd, auch als er angegriffen wurde."