Finanzkrise "Die Täter richten sich selbst"

Ein Palästinenser, ein Saudi: Wie meine arabischen Freunde die amerikanische Finanzkrise sehen

Ein arabischer Trader in Dubai, 16. September 2008

Ein arabischer Trader in Dubai, 16. September 2008

Als ich diese Woche zwei arabischen Freunden am Telefon zum Eid al-Fitr, dem Fest zum Ende des Ramadans, gratulierte, kamen wir nach den obligatorischen Freundlichkeiten gleich auf Amerika zu sprechen. Die Krise der Supermacht, der Finanz-GAU, die Implosion eines Vorbilds. Meine beiden Freunde haben die Spannweite der arabischen Meinungen wiedergegeben, und gerade deshalb lohnt sich hier die kurze Wiedergabe.

Der Erste ist ein Palästinenser, der aus verschiedenen Gründen, die – wie er sagt – alle in israelischer Politik liegen, nicht in seine Heimat Gaza zurückkehren kann. Er lebt seit Jahren auf der Flucht und verzweifelt an der Gleichgültigkeit der Welt gegenüber seinem Schicksal und dem seines Volks.

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Das gefährliche Wanken der Wall Street beunruhigt ihn nicht. Sein ständig geplünderter Geldbeutel machte ihn nicht zum natürlichen Kunden von Lehman Brothers oder Merrill Lynch, auch interessierte er sich nicht für Derivate, Zertifikate und was die Bankenwelt ihren Klienten noch so feilbietet. Mein Freund freut sich. Er lacht, er witzelt, er höhnt. Nach all den Jahren der Hybris, der Erniedrigungen durch das Bush-Regime, sagt er, kommt nun die gerechte Rache. Haben die Amerikaner nicht seit 2000 keinen Cent mehr auf die Palästinenser gegeben, haben sie sie nicht weiter gespalten, im Irak bombardiert, durch ihre "israelischen Komplizen" beschossen, gequält, eingekesselt, ausgehungert? So spricht er, mein Freund.

Und nun käme das göttliche Urteil, die Finanzkrise treffe Amerika ins Mark. Es sei sinnlos gewesen, sagt er, wehrlose Menschen 2001 in den Türmen des World Trade Centers umzubringen. Al-Qaida sei nicht die Rache Gottes. Nein, diese Rache sei subtiler und vernichtender zugleich. Die Täter richteten sich selbst. Und er freut sich.

Natürlich hat mein Freund seine sehr persönliche Perspektive auf die Dinge, und weil ich diese nun schon seit Jahren in vielen Gesprächen gehört und begleitet habe, fällt es mir nicht ein, wegen Details mit ihm herumzustreiten. Ich habe ihm nur erzählt, war mir mein anderer arabischer Bekannter sagte.

Mein saudischer Freund lebt, wenn man so will, auch ständig in Bewegung. Er hat in Großbritannien studiert, er wird auf Konferenzen nach Ägypten, Deutschland, Amerika eingeladen. Aber er flieht nicht, sondern kommt freiwillig. Er schätzt die individuellen Freiheiten im Westen. Mein Freund ist nicht reich, aber ein Sparkonto hat er schon, wie es sich für einen saudischen Bürger gehört. Mit Lehman Brothers hat er auch nie verkehrt, aber weiß man dieser Tage als Kleinsparer noch, welche Kreditverpflichtungen die Hausbank wo und mit wem noch so alles hat?

Leser-Kommentare
  1. Da sich Muslime ja gerne auf Allahs Wille berufen, egal ob es der Selbstmordattentäter ist oder Bauer auf dem Felde, solten sie einmal darüber nachdenken, ob der Irakkrieg, Guantanamo, die angebliche Unterdrückung der arabischen Welt, die Vertreibung der Palestinänser, usw. usf. nicht auch Allahs Wille ist. Die Bestrafung der Sünden der Muslime. Sie könnten sich da ein hervorragendes Beispiel an Katholiken nehmen. Die kennen sich damit ganz gut aus.
    (Anmerkung: Bitte versuchen Sie, auf Zynismus zu verzichten. Die Redaktion/jk)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Irakkrieg denn mit dem Glauben zu tun? Sehen Sie sich doch mal an, wie sich die ÖL-Multis die Ölfelder aufteilen. Amerikanische Ölmultis. Es geht immer nur ums Geld egal welchem Glauben man wohl angehört. Und man muß die Macht haben um an die Gelquellen zu Kommen!

    • lef
    • 02.10.2008 um 15:57 Uhr

    Spätestens jetzt - u.A. im freien Fall der Ölweltmarktpreise - zeigt sich, wer mit wem wedelt, wer Hund, wer Schwanz ist.

    Bislang war es immer so, dass steigende Ölpreise die Gier der Superreichen in ölproduzierenden Staaten zwar soweit befriedigen konnten, dass sie auch zu Spenden für Ärmere bereit waren,
    aber es war auch immer zu beobachten, dass sinkende Ölpreise dem dann schnell ein Ende machten.

    Palästina hängt schon lange nur noch an diversen Spendenhähnen, und wenn die USA+Europa die Spenden verringern, dann u.A. deswegen, weil steigende Ölpreise das nicht mehr erlaubten.
    Gleichzeitig erlaubten dann aber höhere Ölpreise den Ölverkäufern, ein paar Prozent vom Gewinn als Spende für Palästina zu verteilen.

    Es ist abzusehen, dass die Ölpreise sinken, aber erstmalig auch abzusehen, dass 1.die Industriestaaten davon wenig profitieren.
    2. auch die Anlagen der Ölverkäufer (speziell Arabien/Iran) drastisch an Wert verlieren.

    Was dann für Palästinenser noch aus den arabisch/iranischen Spendenhähnen tröpfeln wird, bleibt abzuwarten.

    Und ob die Touristikangebote für Superreiche, die als Alternative in Dubai, Bahrein ff
    aufgebaut wurden, dann immer noch auf genug Superreiche treffen, wird ebenso spannend werden.
    Auch die Immobilienpreise auf Dubais Sandinseln fallen derzeit ins Bodenlose......

    Die Häme des Palästinensers im Artikel ist jeden Falls nicht sehr intelligent untermauert, und die Sorge des Saudis durchaus berechtigt..

    (Die Frage ist an die Redaktion gerichtet)

    Zynismus ist doch eigentlich immer und unter den gegenwärtigen Umständen ganz besonders die einzig angemessene Geisteshaltung.

    Außerdem hat DerOley einfach recht.

    Würde mich ja interessieren, ob und wieviel seines Reichtums der Vatikan wohl verloren haben mag in dieser Finanzkrise? - Mein Tip: wenig, wenn überhaupt.
    Und das ist auch gut so - der Katholik denkt ja menschlich genug, lieber zu verzeihen als allzu große Schmerzen ertragen zu wollen...
    Bereitschaft und Wille zum Leiden, gottgefälliger Masochismus also, scheint mir wesentlich häufiger im reformierten Christentum anzutreffen.
    Bis auf diese inhaltliche Anmerkung finde ich den Kommentar 1. ganz hervorragend ironisch formuliert, somit den redaktionellen Vorhalt des Zynismus keineswegs angebracht.

    Irakkrieg denn mit dem Glauben zu tun? Sehen Sie sich doch mal an, wie sich die ÖL-Multis die Ölfelder aufteilen. Amerikanische Ölmultis. Es geht immer nur ums Geld egal welchem Glauben man wohl angehört. Und man muß die Macht haben um an die Gelquellen zu Kommen!

    • lef
    • 02.10.2008 um 15:57 Uhr

    Spätestens jetzt - u.A. im freien Fall der Ölweltmarktpreise - zeigt sich, wer mit wem wedelt, wer Hund, wer Schwanz ist.

    Bislang war es immer so, dass steigende Ölpreise die Gier der Superreichen in ölproduzierenden Staaten zwar soweit befriedigen konnten, dass sie auch zu Spenden für Ärmere bereit waren,
    aber es war auch immer zu beobachten, dass sinkende Ölpreise dem dann schnell ein Ende machten.

    Palästina hängt schon lange nur noch an diversen Spendenhähnen, und wenn die USA+Europa die Spenden verringern, dann u.A. deswegen, weil steigende Ölpreise das nicht mehr erlaubten.
    Gleichzeitig erlaubten dann aber höhere Ölpreise den Ölverkäufern, ein paar Prozent vom Gewinn als Spende für Palästina zu verteilen.

    Es ist abzusehen, dass die Ölpreise sinken, aber erstmalig auch abzusehen, dass 1.die Industriestaaten davon wenig profitieren.
    2. auch die Anlagen der Ölverkäufer (speziell Arabien/Iran) drastisch an Wert verlieren.

    Was dann für Palästinenser noch aus den arabisch/iranischen Spendenhähnen tröpfeln wird, bleibt abzuwarten.

    Und ob die Touristikangebote für Superreiche, die als Alternative in Dubai, Bahrein ff
    aufgebaut wurden, dann immer noch auf genug Superreiche treffen, wird ebenso spannend werden.
    Auch die Immobilienpreise auf Dubais Sandinseln fallen derzeit ins Bodenlose......

    Die Häme des Palästinensers im Artikel ist jeden Falls nicht sehr intelligent untermauert, und die Sorge des Saudis durchaus berechtigt..

    (Die Frage ist an die Redaktion gerichtet)

    Zynismus ist doch eigentlich immer und unter den gegenwärtigen Umständen ganz besonders die einzig angemessene Geisteshaltung.

    Außerdem hat DerOley einfach recht.

    Würde mich ja interessieren, ob und wieviel seines Reichtums der Vatikan wohl verloren haben mag in dieser Finanzkrise? - Mein Tip: wenig, wenn überhaupt.
    Und das ist auch gut so - der Katholik denkt ja menschlich genug, lieber zu verzeihen als allzu große Schmerzen ertragen zu wollen...
    Bereitschaft und Wille zum Leiden, gottgefälliger Masochismus also, scheint mir wesentlich häufiger im reformierten Christentum anzutreffen.
    Bis auf diese inhaltliche Anmerkung finde ich den Kommentar 1. ganz hervorragend ironisch formuliert, somit den redaktionellen Vorhalt des Zynismus keineswegs angebracht.

  2. Irakkrieg denn mit dem Glauben zu tun? Sehen Sie sich doch mal an, wie sich die ÖL-Multis die Ölfelder aufteilen. Amerikanische Ölmultis. Es geht immer nur ums Geld egal welchem Glauben man wohl angehört. Und man muß die Macht haben um an die Gelquellen zu Kommen!

    Antwort auf "Die Rache Allahs?"
    • lef
    • 02.10.2008 um 15:57 Uhr

    Spätestens jetzt - u.A. im freien Fall der Ölweltmarktpreise - zeigt sich, wer mit wem wedelt, wer Hund, wer Schwanz ist.

    Bislang war es immer so, dass steigende Ölpreise die Gier der Superreichen in ölproduzierenden Staaten zwar soweit befriedigen konnten, dass sie auch zu Spenden für Ärmere bereit waren,
    aber es war auch immer zu beobachten, dass sinkende Ölpreise dem dann schnell ein Ende machten.

    Palästina hängt schon lange nur noch an diversen Spendenhähnen, und wenn die USA+Europa die Spenden verringern, dann u.A. deswegen, weil steigende Ölpreise das nicht mehr erlaubten.
    Gleichzeitig erlaubten dann aber höhere Ölpreise den Ölverkäufern, ein paar Prozent vom Gewinn als Spende für Palästina zu verteilen.

    Es ist abzusehen, dass die Ölpreise sinken, aber erstmalig auch abzusehen, dass 1.die Industriestaaten davon wenig profitieren.
    2. auch die Anlagen der Ölverkäufer (speziell Arabien/Iran) drastisch an Wert verlieren.

    Was dann für Palästinenser noch aus den arabisch/iranischen Spendenhähnen tröpfeln wird, bleibt abzuwarten.

    Und ob die Touristikangebote für Superreiche, die als Alternative in Dubai, Bahrein ff
    aufgebaut wurden, dann immer noch auf genug Superreiche treffen, wird ebenso spannend werden.
    Auch die Immobilienpreise auf Dubais Sandinseln fallen derzeit ins Bodenlose......

    Die Häme des Palästinensers im Artikel ist jeden Falls nicht sehr intelligent untermauert, und die Sorge des Saudis durchaus berechtigt..

    Antwort auf "Die Rache Allahs?"
    • Anonym
    • 02.10.2008 um 17:20 Uhr

    braucht keine Feinde mehr haben.

    P.S. Die gierig-korrupten Golfmonarchen und Submonarchen hängen voll drin, mit ihren Petro$. Ebenso total verspekuliert. Die Emiratniks müssen krass aufpassen, dass aus nicht islamischer Welt noch jemand dort bei ihnen, den Urlaub machen möchte.

    [Gekürzt, bitte vermeiden Sie Provokationen. Danke. /Die Redaktion pt.]

    • sjdv
    • 02.10.2008 um 17:21 Uhr

    "Er lebt seit Jahren auf der Flucht und verzweifelt an der Gleichgültigkeit der Welt gegenüber seinem Schicksal und dem seines Volks."

    Es gibt wohl kein Volk auf der Welt, das mehr im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit steht und mehr Symphathien und Hilfsmittel auf sich zieht als die Palestineser.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Anonym
    • 02.10.2008 um 17:35 Uhr

    wahrer kann ein Fakt nicht sein.

    • cs
    • 05.10.2008 um 9:48 Uhr

    Weiterhin werden Sie von der Israelischen Regierung peu á peu aus ihrer Heimat vertrieben, misshandelt und gedemütigt, oder nicht? So schwierig und bedroht die Lage Israels auch sein mag, das ist durch nichts gerechtfertigt!

    • Anonym
    • 02.10.2008 um 17:35 Uhr

    wahrer kann ein Fakt nicht sein.

    • cs
    • 05.10.2008 um 9:48 Uhr

    Weiterhin werden Sie von der Israelischen Regierung peu á peu aus ihrer Heimat vertrieben, misshandelt und gedemütigt, oder nicht? So schwierig und bedroht die Lage Israels auch sein mag, das ist durch nichts gerechtfertigt!

  3. Ich pflichte Oleys Ansicht bei, dass diese göttliche Verursachung doch äußerst selektiv ist ... alles, was gegen meine Feinde geht, ist göttlich gewollt, und den Rest blende ich aus - feinstes Äquivalent zum Verschwörungsglauben!

    • Anonym
    • 02.10.2008 um 17:35 Uhr
    7. @sjdv

    wahrer kann ein Fakt nicht sein.

    Antwort auf "Gleichgültigkeit"
  4. (Die Frage ist an die Redaktion gerichtet)

    Zynismus ist doch eigentlich immer und unter den gegenwärtigen Umständen ganz besonders die einzig angemessene Geisteshaltung.

    Außerdem hat DerOley einfach recht.

    Antwort auf "Die Rache Allahs?"

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