Nun wissen wir also, welcher Roman sich fürderhin auf Buchhandlungstischen stapeln wird. Wer in der Ehrenloge der Buchmesse steht. Welcher Autor sich auf jedes Messesofa setzen, in jedes Mikrofon sprechen muss und signieren wird, bis zur Sehnenscheidenentzündung. Es ist Uwe Tellkamp, auf dessen Der Turm von heute an der Aufkleber pappt: "Deutscher Buchpreis 2008".

Das Großerinnerungsprojekt, die DDR-Bestandaufnahme, der Wenderoman, ein Dresden in – so war es überall zu lesen – buddenbrookschem Ausmaß! Kaum eine Kritik, die es schmähte. Bejubelt wurde es, "meisterlich" genannt, ungeheuer wichtig, großartig – den Rezensenten gingen die Adjektive aus, weißgott nicht wegen der teufelnochmal vielen Seiten, die sie zu lesen hatten. Knapp 1000 sind es. Hugendubel, Thalia, Dussmann: Verstärkt die Büchertische mit Stahl. Die Masse will kaufen!

Denn das ist Sinn dieses Preises. So schön das Preisgeld, die 25.000 Euro, dem Autor auch sein mögen. Der Verein des Deutschen Buchhandels erhofft sich einen neuen Bestseller. So wurde ein Buch ausgesucht, das zwar schwierig ist, aber dennoch zugänglich genug, um im Vorweihnachtsgeschäft nicht auf den Gabentischen der Buchhändler zu versauern.

Mit der Entscheidung für Uwe Tellkamp versucht die Jury den Spagat zwischen Kunst und Kommerzialisierbarkeit. In diesem Sinn ist es eine gute Wahl. Der Turm ist ein Roman, den selbst weniger ambitionierte Buchkäufer frohgemut zur Kasse tragen und den Buchhändlerinnen sofort empfehlen können. Freunde dicker Historienschmöker, professorale Liebhaber oder Literaturinteressierte mit mittelgroßem Über-Ich: Dieses Buch kann fast jeden glücklich machen – und sieht nach etwas aus.

Das hätte mit einem Dietmar Dath, der den Preis ebenso verdient hätte, und seiner sperrigen Fabel Die Abschaffung der Arten niemals funktioniert. Es ist wohl das mutigste Buch der Shortlist, doch dem Kunden am schwersten vermittelbar. Allein ein Großteil des Verkaufspersonals wäre überfordert, eine kurze Zusammenfassung zu geben, die über "ziemlich abgefahren" hinausgeht.

Man kann vom Deutschen Buchpreis halten, was man will. Wie Daniel Kehlmann oder Deutschlands Lesemama Elke Heidenreich seine Abschaffung fordern oder ihn wie Stephan Füssel von der Universität Mainz beklatschen. Man muss sich aber eingestehen: Seine Prozedur ist wenigstens ehrlich. Erst seine Longlist, dann seine Shortlist, dann der Gewinner. Jede Etappe sauber etikettiert, immer ein Verkaufsargument, eine neue Kaufaufforderung mehr.