MedizinCannabis auf Rezept?

Vielen schwer kranken Menschen könnten Cannabisprodukte als Medizin helfen. Dazu müssten finanzielle und bürokratische Hürden beseitigt werden. von Franziska Günther

Vor zehn Jahren haben Mediziner, Selbshilfegruppen und Politker in der "Frankfurter Resolution" gefordert, die medizinische Nutzung von Cannabis zu erlauben. Das war ein Vorstoß. Was von der Wissenschaft jahrelang als Kifferkraut verteufelt wurde, sollte nun der therapeutischen Versorgung schwer kranker Patienten dienen.

Mittlerweile existiert ein medizinisch vollwertiges und legal verschreibbares Cannabispräparat: das aus Faserhanf synthetisierte Dronabinol (THC). Von einer problemlosen medizinischen Verwendung ist man in Deutschland allerdings noch weit entfernt, finden die Grünen- und Linksfraktion. Mit ihren Anträgen befasste sich am Mittwoch in einer öffentlichen Anhörung der Ausschuss für Gesundheit.

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Die Grünen wollen die medizinische Verwendung von Drogenhanf erleichtern. Die Linksfraktion geht sogar einen Schritt weiter: Cannabis solle auch zur medizinischen Selbstbehandlung und zum Eigenanbau straffrei sein. Die Linkspartei fordert das, weil das existierende wirksame Dronabinol nicht von den Krankenkassen finanziert wird. Für viele Patienten werde so die einzige Therapiemöglichkeit unbezahlbar; Selbstversorgung sei die momentan einzig gangbare Therapie.

Heute ist der medizinische Nutzen des zentralen Canabiswirksttoffes Dronabinol bei bestimmten Erkrankungen unbestritten. So ist erwiesen, dass er Übelkeit bei Chemo-Patienten lindert. Mittlerweile ist auch eine entkrampfende Wirkung bei Patienten mit Multipler Sklerose belegt. Studien zeigen außerdem, dass Dronabinol den Appetit bei Aids-Kranken steigert. Im fortgeschrittenen Stadium der HIV-Infektion führt das so genannte Wasting-Syndrom zu starkem Gewichtsverlust, das wiederum die Sterblichkeit erhöht. "Ernst zu nehmende therapeutische Alternativen zu Dronabinol gibt es hier nicht", so der Berliner Arzt Jörg Gölz in einer Stellungnahme an den Bundestag.

Laut Betäubungsmittelgesetz dürfen Ärzte Dronabinol verschreiben. Das Problem: In den allermeisten Fällen übernehmen die Krankenkassen nicht die Behandlungskosten, weil das Medikament nicht als Fertigarzneimittel zugelassen ist. Viele ärmere Patienten besorgen sich Cannabis auf dem Schwarzmarkt. Damit sind sie der Strafverfolgung ausgesetzt. Zudem wissen sie nicht, welche Zusammensetzungen und Wirkstoffe sie in den zum Teil verunreinigten Pflanzenteilen erwarten.

Leserkommentare
    • yato
    • 16. Oktober 2008 2:59 Uhr

    Aber es gibt allein in Deutschland jährlich 40 000 Menschen die an den Folgen des Alkoholkonsums sterben, 110 000 die an den Folgen des Nikotinkonsums sterben (und 250000 an Medikamentennebenwirkungen sterben).
    DAS UNGEFÄHRLICHERE IST VERBOTEN UND DAS GEFÄHRLICHERE IST ERLAUBT!

    Das Verbot, der dadurch sichtlich im Vergleich zu Nikotin und Alkohol ungefährlicheren Droge Haschisch/Cannabis/THC, kommt durch die Unfähigkeit die eigene Perspektive zu hinterfragen bzw. zu erweitern, zusammen mit einer gewaltigen Portion Sturheit, wie man dies aus diktatorischen Mental-Strukturen her kennt. Die Logik wird hier mit dem Hammer der Tradition erschlagen.

    Ein polemischer Kampf der Rechthaberei, der zunehmend von älteren fundamentalen Alkoholanhängern, die gerade an der Macht sind, gegen ihre eigenen Kinder geführt wird, deren Erlebenswelt, wenn sie die Drogen vergleichen und probieren, etwas anderes ergibt, als das Vorurteil derjenigen, die nur ihre bekannte Droge monopolisieren (Wie sagte Beckstein am Oktoberfest: 2 Maß Bier und dann noch mit dem Auto nach Hause fahren...).

    Diese Sturheit der Alkohol- und Nikotin Seilschaft, die letztlich mit einer "Glaubens-Rechtfertigung" den Cannabis Konsument willkürlich kriminalisiert, kostet dem Steuerzahler Milliarden. Diese Sturheit, (die natürlich auch auf anderen Gebieten zu erkennen ist), trägt auch mit dazu bei, dass die Steuern und Lohnnebenkosten so hoch sind. Denn jeder Häftling kostet dem Staat und uns allen ca. 2000 Euro pro Monat.

    Aber Legalisierung ist eine heikle Sache, da man dazu zugeben müsste, dass man sich vorher geirrt hat. Außerdem müsste man hinsehen, wo man nicht hinsehen will, weil nicht sein kann, was nicht sein darf und die Scheuklappen abnehmen. Eine andere Perspektive einnehmen (im NLP heißt das Framing) Das geht schon gleich gar nicht. Bei unvernünftigen Systemen oder Diktaturen geht das immer erst dann, wenn das System richtig gegen die Wand läuft, Pleite geht etc.

    Im übrigem ist es natürlich nicht wünschenswert, sich täglich einen Joint reinzupfeiffen, (sondern man sollte sich seinen Rausch möglichst durch Kunst und Sport holen) Aber es ist ganz sicher viel unschädlicher als den legalen täglichen Kasten Bier, den nicht wenige hier in sich reinschütten und die Zigaretten dazu.

    Weiterhin lässt Canabis/THC sich oral einnehmen, man muss es also nicht mit dem schädlicheren Nikotin in Kombination konsumieren (Joint).
    Richtig ist das THC zu einer psychischen Abhängigkeit führen kann. Aber dies ist eine Binsenweisheit, denn jeder wird psychisch abhängig von Dingen die den Sinnen gut tun, ob das nun Schokolade (steigende Gesundheitsprobleme durch Fettsucht), Schweinebraten oder die Ehefrau ist (bei Alkohol und Nikotin ist die Abhängigkeit bei hoher Menge größer, da auch körperlich).
    Das Argument der Einstiegsdroge zieht nicht, die Einstiegsdrogen Nr 1 sind Alkohol und Nikotin, weil dafür immer noch ganz groß Werbung gemacht wird: „...lalala Barcadi Rum“, was völlig jugendgefährdend ist.

    Übrigens: Das Mittel der Propaganda ist die ständige Wiederholung bis das Wiederholte geglaubt wird, egal ob es wahr oder nicht wahr, logisch oder nicht logisch ist.

    Gesetze leben davon dass sie sinnvoll sind und dieser Sinn muss beweisbar und nachvollziehbar sein. Wir leben im übrigen in einer Demokratie und deshalb ist es gut und richtig, wenn Gesetze in Frage gestellt werden, die dazu führen, dass Verhältnismäßigkeiten überschritten werden, der Sinn von Gesetzten außer acht gerät und Leute willkürlich kriminalisiert werden.
    Wenn die Prüfung hierzu nicht logisch und unabhängig erfolgt, dann besteht sogar die Gefahr, dass unsere erhaltenswerte Demokratie Schaden nimmt.
    Wenn z.B. jeder 2. Jugendliche sieht, dass die Rechtssprechung in Bezug auf Cannabis ungerecht und nicht nachvollziehbar ist, dann sinkt der Respekt jedes 2. Jugendlichen vor unserer Rechtssprechung allgemein und DIES IST KEINE KLEINIGKEIT! DIES IST EINE KATASTROPHE FÜR UNSER JUSTIZSYSTEM!

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    • yato
    • 16. Oktober 2008 3:09 Uhr

    (ohne Werbung zu erlauben, mit Verkauf z. B. in Apotheken an über 18jährige) ist deshalb unumgänglich!

    • Anonym
    • 16. Oktober 2008 4:17 Uhr

    ...positiven Effekten, die durch eine Legalisierung von Cannabis erzielt werden könnten (Zerstörung des Schwarzmarktes, Entlastung der Verfolgungsbehörden, THC als Medikament, Hanf als Papier, Kosmetika, Nahrung, Kleidung, etc.) habe ich bis vor etwa 5 Jahren regelmäßig für eine Entkriminalisierung der Pflanze demonstriert.

    Leider sind die Leute die bei solchen Märschen in Berlin mitlaufen überwiegend nicht solche mit derartigen Interessen, sondern Junggreise, die gerne von Justizia ungehindert ihrer psychischen Abhängigkeit nachgehen würden. Ich würde es mir wünschen, wenn diejenigen Organisationen, die sich für eine Legalisierung stark machen, besser zwischen pragmatischer Verfechtung des gesellschaftlichen Nutzens einer Entkriminalisierung und dem Aufruf zum Konsum trennen könnten.

    MfG

    • yato
    • 16. Oktober 2008 3:09 Uhr

    (ohne Werbung zu erlauben, mit Verkauf z. B. in Apotheken an über 18jährige) ist deshalb unumgänglich!

    • Anonym
    • 16. Oktober 2008 4:17 Uhr

    ...positiven Effekten, die durch eine Legalisierung von Cannabis erzielt werden könnten (Zerstörung des Schwarzmarktes, Entlastung der Verfolgungsbehörden, THC als Medikament, Hanf als Papier, Kosmetika, Nahrung, Kleidung, etc.) habe ich bis vor etwa 5 Jahren regelmäßig für eine Entkriminalisierung der Pflanze demonstriert.

    Leider sind die Leute die bei solchen Märschen in Berlin mitlaufen überwiegend nicht solche mit derartigen Interessen, sondern Junggreise, die gerne von Justizia ungehindert ihrer psychischen Abhängigkeit nachgehen würden. Ich würde es mir wünschen, wenn diejenigen Organisationen, die sich für eine Legalisierung stark machen, besser zwischen pragmatischer Verfechtung des gesellschaftlichen Nutzens einer Entkriminalisierung und dem Aufruf zum Konsum trennen könnten.

    MfG

    • Gnurg
    • 16. Oktober 2008 9:04 Uhr

    Jaja, das alte Lied von der Legalisierung. Aber da koennt ihr lange drauf warten. Wer soll das denn bitte schoen legalisieren? Die Bundesregierung? Das ich nicht lache. Europa? Fuern Arsch! Oder sollen die Amis etwa eingestehen, dass es miess und rassisstisch war das Kraut in den 60ern zu verbieten? No way. Das koennt ihr alles vergessen. Das einzige was man tun kann ist mit seiner Illegalitaet zu leben. Genau wie sich die Generationen des kalten Kriegs an die Atombomben gewoehnen mussten, muessen wir uns eben an unsere staendige Illegalitaet gewoehnen. Nicht nur im Zusammenhang mit Cannabis, sondern ganz allgemein. Kein Mensch ist mehr legal.
    Desswegen ist meine Meinung, dass man einfach seine Pflanze hochziehen soll und wenn sich tatsaechlich jemand die Muehe macht die Polizei fuer eine Pflanze oder zwei zu schicken, dann laesst man sie rein und nimmt die Strafe wortlos hin. Was soll's.
    Man kommt ja fuer eine Pflanze nicht gleich ins Gefaengnis oder so.

    • yato
    • 17. Oktober 2008 1:13 Uhr

    sorry - falsche zahl im letzten artikel: 110000 tote jährlich durch tabak in deutschland und nicht 140000

    der zitierte artikel über juristen von denen mehr als jeder 2. haschisch-erfahrung hat bezieht sich auf deutsche angehende juristen in der heutigen zeit

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Medizin | Grüne | Arzt | Bundestag | Cannabis | Die Linke
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