Philosophie "Ich habe nichts gegen Harry Potter"

László F. Földényi ist einer der bedeutendsten Intellektuellen Ungarns. Im Interview redet er über Nationalismus und die Vergnügungsindustrie

László F. Földényi ist einer der führenden Intellektuellen Ungarns. Auch hierzulande findet er zunehmend Gehör. Neben seinen literatur- und kunsttheoretischen Werken, die sich etwa Kleist, William Blake sowie Caspar David Friedrich und Goya widmen, sind es vor allem die philosophischen Essays über deutsche Befindlichkeiten, die zur Diskussion animieren. Der Höhepunkt seines bisherigen Schaffens ist sicherlich das große „Melancholie“-Buch. Kürzlich ist sein wohl schönster geschichtsphilosophischer Essay im Hosentaschenformat auf Deutsch erschienen: Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus.

ZEIT ONLINE: Herr Földényi, eine Schwarz-Weiß-Aufnahme aus dem Berlin der Vorkriegszeit hat Ihre Leidenschaft für Deutschland entfacht. Finden Sie es nicht merkwürdig, dass Sie sich als Kind nach einer Welt gesehnt haben, die drauf und dran gewesen ist, den eigenen Untergang zu beschließen?

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László F. Földényi: Ich neige dazu, es keinen Zufall zu nennen, dass das prachtvolle Album aus dem Jahr 1936, das den Titel „Deutschland“ trug, in einer ungarischen Kleinstadt landete, die, wegen der Allianz mit Deutschland, von den Amerikanern und Engländern teilweise zerbombt war. Ich bin sicher, dass so ein Album während des Krieges mit viel größerer Wahrscheinlichkeit nach Ungarn kommen konnte als nach England oder Amerika. Ich würde sogar behaupten, dass eine historische und geopolitische Notwendigkeit mich dazu brachte, gerade ein Bild aus der mittlerweile zerbombten deutschen Hauptstadt zu bewundern – die Utopie dort zu entdecken, wo sie längst für immer untergegangen war.

ZEIT ONLINE: Sie haben schon vor Jahren über Themen geschrieben, die man ungestraft wohl nur als Nicht-Deutscher behandeln darf, etwa die „Bedeutung der nationalen Identität“, die „Befreiung der Vergangenheit“. Hat sich das Verhältnis zu diesen Fragen mittlerweile etwas entspannt?

Földényi: Wenn man die Fragen der nationalen Identität oder des Konservativismus ausschließlich misstrauisch behandelt, ist das auch ein Zeichen dafür, dass man den Faschismus auf diesem Gebiet noch nicht bekämpft hat. Anstatt das Kind mit dem Bade auszuschütten, sollte man die Emanzipationskraft dieser Begriffe befreien und sie nicht zur Gänze der politischen Rechten überlassen. In Ungarn war und ist dieser Prozess ebenso aktuell wie in Deutschland. Meine Erfahrung ist, dass die Deutschen diese Aufgabe, nämlich die Enttabuisierung von „gefährlichen“ Begriffen, in den letzten Jahren besser gelöst haben als die Ungarn.

ZEIT ONLINE: Der Schriftsteller und Kulturtheoretiker George Steiner hält den sekundären Diskurs vor allem in Kunst und Literatur für einen „grauen Morast“. Tragen Sie bisweilen ähnliche Bedenken, was Ihren Beruf angeht?

Földényi: Natürlich habe ich ähnliche Empfindungen, wenn ich sekundäre Literatur lese: Statt mich den Kunstwerken näher zu bringen, führen sie mich eher von ihnen fort. Solche Vorwürfe hört man allerdings derart häufig, dass sie schon wieder wie Gemeinplätze klingen. Als Professor und Akademiker leide ich selbst an dem „morbus hermeneuticus“, dem Deutungszwang. Auch ist es sehr schwer, die Grenzlinie zwischen dem „sekundären“ und dem „primären“ Diskurs zu ziehen. George Steiner ist ein gutes Beispiel: Die Art und Weise, in der er über Literatur spricht, macht ihn zu einem primären Diskutanten. Sind Panofsky, Gombrich oder Belting sekundäre Diskutanten? Überhaupt nicht: Trotz Tausender von Fußnoten, die ihre Werke belasten, wirken sie lebendiger und kreativer als so manche Künstler!

ZEIT ONLINE: Die Richtigkeit Ihrer Aussage vorausgesetzt, dass der Geist nicht mehr repräsentativ sei, sondern heute mehr und mehr an den Rand gedrängt werde: Wie konnte es dazu kommen?

Földényi: Die Gefährdung der Metaphysik in der europäischen Kultur hat eine lange Geschichte, die noch nicht abgeschlossen ist: Der Sinn für Metaphysik ist weiterhin lebendig. Man könnte sogar behaupten: Solange der Mensch existiert, wird dieser Sinn nie verschwinden. Er hängt letztlich mit unserer Sterblichkeit zusammen. Solange der Geist in unserer Kultur repräsentativ war, hat man auch diese Last ernst genommen. Unsere heutige Zivilisation versucht uns jedoch mit allen Mitteln davon zu überzeugen, dass wir nur anerkennen, was – mit Antonin Artaud’s Worten – „auf der Linie liegt“. Und was liegt auf der Linie? Dass die Welt reibungslos wie ein Fließband läuft, das auch dann noch perfekt funktioniert, wenn kein Mensch mehr auf der Erde lebt. Unsere Zivilisation verspricht uns eine leicht erwerbbare Unsterblichkeit, und der Geist, der dagegen ein Veto ausspricht, wird immer mehr als störender Faktor gebrandmarkt.

ZEIT ONLINE: Der Psychoanalytiker Wilhelm Stekel hat seine Patienten zunächst immer nach ihren Lektürevorlieben gefragt, um Aufschluss über ihren geistigen Status zu gewinnen. Heute schwärmen Horden Erwachsener für die Kinderbuchreihe Harry Potter. Lässt das Rückschlüsse auf die Gesellschaft zu?

Földényi: Die Vergnügungsindustrie kann sich jedes Mediums annehmen, so auch des Buchs. Ein Buch als solches hat aber mit Literatur nicht unbedingt etwas zu tun und mit Geist schon gar nicht. Das Problem beginnt, wenn Bücher von vornherein als Literatur behandelt werden. Nicht die Leser sind daran schuld, sondern jene „Industrie“, die auch die Literatur nicht schont. Die Masse der geistig verführbaren Menschen war und ist ungefähr immer identisch. Nur brüstete sich diese Masse früher nicht damit, zur geistigen Elite zu gehören. Was Umberto Eco „midcult“ nannte, ist heute zu einem weltweiten Phänomen geworden.

ZEIT ONLINE: Was genau empört Sie so an dieser „Halbkultur“?

Földényi: Alle, die ein Buch in die Hand nehmen, können beteuern, in das Reich der Literatur eingetreten zu sein. Ich habe nichts gegen Harry Potter. Aber mich stört und langweilt einerseits jene falsch verstandene Demokratie, die sich auch in der Literatur ausbreitet, andererseits die Logik des Geldes und des Marktes, die das vorbereitete. Und dieser Logik kann man schwer widerstehen: Die eifrigsten Befürworter des Kapitalismus sind eben jene, die von ihm am offenkundigsten ausgebeutet werden. Unter ihnen auch die Schwärmer für Harry Potter.

Lesen Sie hier den zweiten Teil: László F. Földényi über das Böse, die Literatur und Melancholie

Das Gespräch führte Martin Brinkmann.

 
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