Wer ist Schnurrbart? Ein Aufschneider, ein Altlinker, ein Friseur? Tritt er heute auf? Wann tritt er auf? "Das fragen die ausgerechnet mich, den An-der-Wand-Lehner, aber ich gucke einfach weg und trinke einen Schluck aus meiner Flasche, bis sie weiterziehen."

Noch da?

Gut, Schnurrbart ist eine Figur aus Andreas Stichmanns Erzählband Jackie in Silber. Genau wie Jackie Mesch. Die eine sammelt Brombeeren in Tupperdosen, der andere "sieht sich seinem Orgasmus mit einem Schmetterlingsköcher hinterherstolpern." Verzerrt ist die Welt des Stichmann, sie ist bevölkert mit komischen Gestalten. Wie die Hoppmann-Brüder. Sie tragen Bomberjacken und fahren in Seifenkisten den Berg runter. Der Zivildienstleistende steht derweil an der Straße und guckt, dass keine Autos kommen. Wenn sie nachts nach Hause gehen, wartet die Mutter schon mit dem Teppichklopfer. "Dann prügelt die Mutter, und der Vater sitzt im Sessel."

Würde der Struwwelpeter im proletarischen Milieu spielen, sähe er wohl so aus. Andreas Stichmann lässt Gegensätze aufeinanderprallen, er mischt geläufige Attribute auf. Meist in einem Satz. Wenn ihn das Köpfen eines Huhns anekelt, dann "auf eine sanfte und verwirrende Weise."

Er ist erst knappe 25 Jahre alt. Jackie in Silber versammelt elf Erzählungen und ist seine erste eigene Veröffentlichung. Er studiert noch, am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Zweifelsohne ist er ein Sprachtalent, aber in seinem Fall geht das leider auf Kosten der Didaktik. Während der Lektüre stellt sich immer wieder die Frage, was man denn nun gelesen hat, auf den vergangenen fünfzehn Seiten.

Denn Stichmann hat seine — wenngleich guten — Ideen nicht immer im Griff. Seine Geschichten sind geprägt vom Kontrollverlust. Von den Ideen berauscht flüchtet er sich in Details. Die wiederum verschlucken den Erzählstoff. Selten fügt sich der assoziative Rausch seiner Sprache zu einem Gesamtbild. Schwer ist es dem, der einer Struktur folgen möchte. Wer jedoch den Moment genießt, wird mit grandioser Lakonie belohnt. Einen Satz wie "Der Bademeister hat sich inzwischen in seinem Hochstuhl eingerichtet und die Senioren diffundieren frei durch die Thermalsituation" kann man sich getrost einrahmen und übers Bett hängen.