Sonst wird ihr immer schlecht, wenn sie das Knattern der Maschinengewehre hört, sagt Ute Beck. Sie mag es nicht besonders, wenn sie den Raum betritt und ihr 15-jähriger Sohn Counterstrike spielt. Doch heute drückt die blonde Frau von Anfang 40 selbst den Auslöser. Ein paar Runden hat sie erst im virtuellen Kampfparcours zurückgelegt, ist nach Sekunden ausgeschaltet worden, wusste nicht, wie man mit einem Fadenkreuz zielt. "Sie sind schon tot", hatte ihr Nachbar gesagt, als der Bildschirm schwarz blieb. Doch jetzt schlägt sie selber zu, schießt mit ihrem automatischen Gewehr einen Gegner nach dem nächsten aus dem Spiel.

Ute Beck will an diesem Freitagabend lernen, wie die Spiele funktionieren, mit denen sich die Jugend von heute amüsiert. Sie hat einen Spiralblock neben ihrem Laptop liegen, notiert die wichtigsten Tastatur-Kommandos. Beck ist eine von 16 Teilnehmern, die sich bei einer Eltern-LAN im Kölner Tanzbrunnen eine systematische Einführung in die Welt der Computerspiele geben lassen. Organisiert wird diese Informationsveranstaltung für Eltern, Lehrer und Pädagogen vom Computerspiele-Ligen-Anbieter Turtle Entertainment gemeinsam mit der Bundeszentrale für Politische Bildung. "Die Eltern brauchen erst die Kompetenz, um selbst ihren Kindern Medienkompetenz zu vermitteln", begründet Arne Busse von der Bundeszentrale, warum sich die staatliche Behörde in derlei Aktivitäten einmischt.

Das mediale Interesse an der Eltern-LAN ist gewaltig, Mikrofone und Objektive halten jede Regung der Teilnehmer vor ihren Hochglanz-Bildschirmen fest. Noch immer polarisieren die Ego-Shooter und Online-Rollenspiele, noch immer sorgen Klischees in der Medienöffentlichkeit für mitunter hysterische Diskussionen. Da gelten die Spiele als Teufelszeug, weil sie angeblich Gewalt schüren oder gar süchtig machen. Die Eltern-LAN von Turtle und der Bundeszentrale setzt unaufgeregte Aufklärung dagegen. "Es geht uns um eine Auseinandersetzung auf der praktischen Ebene", sagt Busse.

Die Kölner Eltern-LAN ist ein Pilotprojekt, das öffentlich für Diskusionen sorgen soll. Der nordrhein-westfälische Familien- und Integrationsminister Armin Laschet (CDU) stellte sich als Schirmherr zur Verfügung. Es sei gerade bei einem neuen Medium wie den Games wichtig, argumentiert Laschet, "dass Eltern und auch Lehrer genau erfahren, welche Gefahren, aber auch Möglichkeiten für Kinder mit den Computerspielen verbunden sind."

Die zweifache Mutter Ute Beck erfuhr ebenso wie die anderen Teilnehmer an der Eltern-LAN zunächst einmal, dass Computerspielen heute wahrhaft zur Jugendkultur gehört. 1,5 Millionen Spieler gehen in Deutschland nach einer Studie der Universität Stuttgart dem "elektronischen Sport" nach. Der diplomierte Sozialpädagoge Horst Pohlmann von der Kölner Fachhochschule präsentierte solche Fakten, um zu beweisen, wie sehr die Spiele längst zum Leben der Menschen zwischen 16 und 25 gehören. Die Kölner FH setzt sich mit ihrem Projekt "Spielraum" dafür ein, dass die Kluft zwischen den Generationen beim Thema Videospiele nicht noch weiter aufreißt.

Für die Eltern ist ein Großereignis wie das im Kölner Tanzbrunnen wahrlich überraschend und erhellend. Während der Eltern-LAN steigen hier noch die Vorbereitungen für das "Friday Night Game", bei dem Hunderte von Zuschauern begeistert applaudieren, wenn Profispieler sich im Counterstrike und Warcraft 3 messen. Die ältere Generation lauscht neugierig, als die Zocker erklären, wie professionell und organisiert die vermeintliche Zeitverschwendung bisweilen betrieben wird. Das "Friday Night Game" ist ein Aushängeschild der Szene, hier treten große Sponsoren wie Intel auf den Plan - so etwas macht auch bei den Eltern Eindruck.

Ute Becks Meinung bleibt auch nach der Veranstaltung differenziert. "Ich nehme an, dass die Hemmschwelle für Gewalt sinkt, wenn man lernt, dass man nur klicken muss", sagt sie. Das will sie nicht falsch verstanden wissen: Nichts verbieten wolle sie ihren beiden Kindern, sondern argumentieren können, damit sich die Sache nicht verselbständige. Es müsse auch immer Regeln und Grenzen geben. "Die anderen Kinder dürfen das auch", solche Sätze hört sie häufig, und da kann es nicht schaden, wenn man mal selbst probiert hat, was der Nachwuchs so treibt – oder wenn es klare Angaben für Altersfreigaben auf den Spiele-Packungen gibt.

"Ich will ein Gefühl dafür bekommen, was so faszinierend ist am Ego-Shooter", sagt Beck, die keinen Hehl daraus macht, dass sie eine pazifistische Sozialisierung hinter sich hat. Dazu sagt sie auch: "Ich mag diese Spiele nicht, aber es muss ja auch nicht sein, dass ich mag, was meine Kinder spielen."

Die 16 Eltern, Lehrer und Pädagogen, die bei der Eltern-LAN mitgemacht haben, sind nun zumindest ein paar Eindrücke reicher und haben Tipps bekommen, was den Umgang mit Spielen angeht. Allerdings scheint sich in der Gamer-Szene so mancher vor allzu viel Verständnis der Alten zu fürchten. Von den Veranstaltern hieß es, die Eltern-LAN hätte im Vorfeld bei den jungen Spielern heftige Diskussionen ausgelöst. Nicht, weil man Angst hatte, die Eltern könnten Dinge entdecken, die man lieber nicht zeigen will. Nein, es ging dabei um die Abgrenzungen, die sich jede nachwachsende Generation errichtet. Vor allzu viel Annäherung sei deshalb gewarnt. Schließlich hätten es auch die heutigen Eltern kaum genossen, wenn vor ein paar Jahrzehnten zu Led Zeppelin und Joint auch Mama und Papa mit am Strand gesessen hätten.

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