Literaturnobelpreis Ein Erforscher der Menschlichkeit

Der Franzose Jean-Marie Gustave Le Clézio hat den Nobelpreis für Literatur erhalten. In seinen Romanen spürt er den Geheimnissen zwischen Mensch und Natur nach

In seinem Werk sucht Jean-Marie Gustave Le Clézio das verlorene Paradies und die Spuren seiner persönlichen Geschichte. Der 68 Jahre alte Franzose ist ein rastloser Reisender und unermüdlicher Autor. Seine zivilisationskritischen und auch ökologisch engagierten Romane haben ihn unter anderem nach Afrika, Mexiko, in die USA, nach Zentralamerika und Ozeanien geführt. Auch heute noch bewegt sich der mit einer Marokkanerin verheiratete Autor frei zwischen den Kontinenten - als «Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation», wie ihn die Nobelpreis-Akademie in Stockholm würdigte.

Nach seiner Geburt in Nizza wuchs Le Clézio zweisprachig auf: Seine Mutter war Französin, sein Vater ein englischer Mediziner, der zeitweise in Afrika im Auftrag der britischen Regierung als Arzt arbeitete. Im Alter von acht Jahren zog der Junge mit seiner Familie nach Nigeria. Auf der monatelangen Schiffsreise verfasste er seine ersten beiden kleinen Bücher.

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2004 brachte er den Roman Der Afrikaner heraus (deutsche Übersetzung 2007 im Hanser Verlag). Darin verarbeitet er diese erste große Reise erneut: Er begegnet in dem Buch zum ersten Mal seinem  Vater und wird in eine fremde und exotische Welt gesogen. «Afrika erzählt ihm, wer er in dem Augenblick war, als er als Achtjähriger nach der Trennung durch die Kriegsjahre die Wiedervereinigung der Familie erlebte», beschreibt die Schwedische Akademie dieses Schlüsselwerk.

Wieder zurück in Frankreich studierte er Literaturwissenschaft und arbeitete nach dem Studium als Lektor in Bristol, London und Aix-en- Provence. Als Le Clézio 1963 mit 23 Jahren seinen ersten Roman Das Protokoll veröffentlichte, lobten ihn die Kritiker einstimmig als eines der erstaunlichsten und eigenwilligsten Talente der moderne französischen Literatur. Das von ihm selbst nur als «Spielroman» eingestufte Werk wurde in den Umkreis des «nouveau roman« (Neuer Roman) angesiedelt und mit dem renommierten Literaturpreis Théophraste-Renaudot ausgezeichnet.

Seitdem hat der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller mehr als 30 Bücher geschrieben, darunter Erzählungen, Romane, Essays, Novellen, Kinderbücher und Übersetzungen indischer Mythologie. Le Clézio entwickelte eine eigene dichte und überwältigende Sprache, die den geheimnisvollen Verbindungen zwischen Mensch und Natur nachspürt. Seine Bücher sind oft leidenschaftliche und schmerzliche Auseinandersetzungen mit den kommerzialisierten und industrialisierten Zivilisationen und seinen eigenen persönlichen Wurzeln.

Le Clézios Romane sind stets autobiografisch geprägt. «Ich habe oft das Gefühl gehabt, meine Vorfahren wohnten in mir und ich würde durch ihre Augen sehen», erklärte er seine Motive. Die Vorfahren, von denen er spricht und schreibt, hatten vor gut zweihundert Jahren ihre bretonische Heimat verlassen, um sich auf der Insel Mauritius niederzulassen. Die Trauminsel im Indischen Ozean dient dem Schriftsteller in vielen Werken als Hintergrund wie in Der Goldsucher. In seinem 2006 in Deutschland erschienenen Roman Revolutionen nennt er die Insel einen Ort zentraler Sehnsucht, zu dem es ihn immer wieder hinziehe.

Familiengeschichte rekonstruiert auch sein vor kurzem in Frankreich erschienenes Buch Ritournelle de la faim (etwa: Singsang des Hungers) - ein bewegendes Porträt seiner Mutter Ethel, die in den 30er Jahren ein junges Mädchen war. Ihre Kindheit, geprägt von Angst und Hunger, gleicht einem Alptraum. Frankreichs Presse bezeichnete das Werk als «Kleines Wunder». Zuvor hatte er 2007 «Ballaciner» veröffentlicht, einen tief persönlichen Essay über die Filmkunst und die Bedeutung des Films in seinem eigenen Leben.

Der Nobelpreis für Literatur wird seit 1901 - mit Unterbrechungen vor allem in den Weltkriegen - jedes Jahr vergeben. Nach dem testamentarischen Willen des schwedischen Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896) erhält derjenige den Preis, «der in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat». Es soll von sehr hohem literarischen Rang sein und dem Wohle der Menschheit dienen. Im vergangenen Jahr bekam die britische Schriftstellerin Doris Lessing den Nobelpreis.

Wie am Tag nach der Bekanntgabe des Preises öffentlich wurde, soll es nach Aussagen des Sekretärs der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl, "undichte Stellen" unter den "Eingeweihten" gegeben haben. Einen Tag vor der Zuerkennung des Preises an Le Clézio am
Donnerstag waren die Wetteinsätze beim britischen Buchmacher Ladbrokes plötzlich massiv in die Höhe und die Quote für Gewinne umgekehrt deutlich nach unten gegangen. «Das sieht wirklich nicht gut aus. Wenn hier wirklich krumme Sachen passiert sind, müssen wir unsere Sicherheitsmaßnahmen weiter verschärfen.»

Der von der Schwedischen Akademie vergebene Literaturnobelpreis ist inzwischen mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (eine Million Euro) dotiert. Er wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters, in Stockholm überreicht.

In den Jahren 1914, 1918, 1935 sowie von 1940 bis 1943 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben. Vier Mal - 1904, 1917, 1966 und 1974 - mussten sich zwei Schriftsteller die Auszeichnung teilen. Zwei Autoren lehnten den Nobelpreis ab: 1958 musste der sowjetische Autor Boris Pasternak den Preis auf Druck seiner Regierung hin zurückweisen. Der Franzose Jean-Paul Sartre weigerte sich 1964, die Auszeichnung anzunehmen.

 
Leser-Kommentare
  1. kenne diesen schriftsteller überhaupt nicht, beim berühmten online-buchhändler ist gar kein deutsches buch von Le Clézio erhältlich. das wird sich jetzt ändern :-) ich werde einen neuen schriftsteller kennenlernen, wie schön!! das kann doch auch ein sinn dieses preises sein, dass einer, der "im untergrund" arbeitet, endlich weltgelesen wird.

    • hagego
    • 09.10.2008 um 13:40 Uhr

    Nun gut!

    Wenn Jean-Marie Gustave Le Clézio seinen Namen schreibt, hat er zugleich ja auch schon Kurzlyrik verfasst.

    ;-)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Anonym
    • 09.10.2008 um 17:35 Uhr

    werter hagego. Um den Wohlklang seines Namens braucht Jean-Marie Gustave Le Clézio sich wahrlich keine Sorgen zu machen.

    • Anonym
    • 09.10.2008 um 17:35 Uhr

    werter hagego. Um den Wohlklang seines Namens braucht Jean-Marie Gustave Le Clézio sich wahrlich keine Sorgen zu machen.

  2. direkten Kontakt finde..http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,583105,00.html
    Heist mit Seehofer zurüch in die Steinzeit . Was für ein Weichei. Der weg des geringsten Widerstandes. Da kommt auf uns was zu.

  3. Man sollte dringend eine andere Methode finden um die großen und wichtigen unserer Zivilisation zu ehren. Dieser Kreis von Pseudo-Intellektuellen in Stockholm hat ausgedient und macht sich zunehmend Feinde. Der Nobelpreis soll nicht abgeschafft werden aber es sollten dringend neue Methoden der Auszeichnung ausprobiert werden.

    Wenn schon einer von diesen Spaßmachern im Vorfeld schon sagte das amerikanische Literaten den Preis nicht verdienen und schließlich wieder einen Europäer wählen so ist das Voreingenommenheit und Befangenheit. Ich will diesen Le Clézio (wer das auch immer sein mag) nicht sein Talent absprechen aber man kann ruhig auch mal wieder einen der ganz großen ehren.

    Roth oder Pnychon wären meine Favoriten gewesen aber erklären sie das mal diesen Schweden.

    • Anonym
    • 09.10.2008 um 15:44 Uhr

    ein Adolphus H. 20/04 gequaselt.
    "Was richtig ist, bestimme ich!"

    Dieser Kreis von Pseudo-Intellektuellen in Stockholm hat ausgedient und macht sich zunehmend Feinde. Der Nobelpreis soll nicht abgeschafft werden aber es sollten dringend neue Methoden der Auszeichnung ausprobiert werden.
    Aha - jemand macht sich zunehmend Feinde.

    Na und?
    Die Wahrheit ist unbequem. Dumme Freunde zu haben, bringt Unglück.

    • Anonym
    • 09.10.2008 um 17:35 Uhr

    werter hagego. Um den Wohlklang seines Namens braucht Jean-Marie Gustave Le Clézio sich wahrlich keine Sorgen zu machen.

    Antwort auf "Namentlich: Kurzlyrik."

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