Marienkäferplage Invasion der Glücksbringer
In Deutschland explodiert die Population der Marienkäfer. Der Insektenforscher Julian Heiermann vom Naturschutzbund Deutschland erklärt im Gespräch mit ZEIT ONLINE, warum

© David McNew/Getty Images
ZEIT ONLINE: Warum gibt es momentan so viele Marienkäfer?
Julian Heiermann: Das liegt vor allem daran, dass sich eine Art extrem vermehrt hat: der asiatische Marienkäfer, der auch als Harlekin-Marienkäfer bezeichnet wird.
ZEIT ONLINE: Kann man den mit bloßem Auge vom heimischen Marienkäfer unterscheiden?
Julian Heiermann: Der asiatische Marienkäfer hat die Eigenart, dass er verschiedene Morphologien ausbildet, nicht jeder Käfer sieht also gleich aus: Es gibt ihn in der normalen Form, also rot mit schwarzen Punkten, er kann aber auch sehr hell oder fast schwarz sein. Für Laien ist er nur schwer von den über 70 heimischen Arten zu unterscheiden. Punkte zählen bringt also nichts.
ZEIT ONLINE: Wie haben die Käfer es überhaupt nach Deutschland geschafft?
Heiermann: Ursprünglich hat man ihn zur natürlichen Schädlingsbekämpfung in Gewächshäusern eingeführt. Der Marienkäfer frisst gerne Läuse, dem asiatischen schmecken sehr viele verschiedene Arten. Neben einem großen Appetit besitzt er auch ein relativ großes Vermehrungspotenzial: Als Gewächshausbetreiber kaufe ich mir ein paar Tausend Eier vom asiatischen Marienkäfer und bringe die dann im Gewächshaus aus. Danach pflanzen sich die Käfer automatisch fort, ich spare im Vergleich zum einheimischen Marienkäfer viel Geld.
Solange die Käfer im Gewächshaus bleiben, ist das auch kein Problem fürs Ökosystem. Es reicht aber, wenn nur einzelne Individuen entwischen; schon vermehren sie sich so schnell, dass das Ökosystem sie nicht mehr los wird, nicht zuletzt, weil sie sehr anpassungsfähig sind. Den Effekt kann man sich wie im Garten vorstellen: Da wachsen sehr viele exotische Pflanzenarten, die meisten schaffen es aber nicht über den Zaun. Einige wenige wie Riesenbärenklau oder Goldrute finden doch den Weg nach draußen und bringen die umliegende Natur aus dem Gleichgewicht.
ZEIT ONLINE: Jetzt ist es zu spät. Was macht man als Betroffener, wenn das ganze Wohnzimmer voller Marienkäfer ist?
Heiermann: Marienkäfer sind nicht giftig, können weder beißen noch stechen. Dennoch sollte man sie auch als Tierfreund nicht in Wohnräumen überwintern lassen: Dort sind sie zwar vor Frost geschützt, doch es ist viel zu warm. Insekten fallen im Winter in eine Art Kältestarre. Sie schrauben ihren Stoffwechsel herunter, werden inaktiv und zehren von ihren Fettreserven. Weil die Temperaturen aber in unseren Häusern zu hoch sind, drosseln die Tiere ihren Stoffwechsel nur minimal - ihnen knurrt deshalb viel zu früh der Magen. Draußen ist es zu diesem Zeitpunkt aber meist zu kalt und Nahrung gibt es auch noch keine: Sie sterben. Deshalb sollte man die Käfer jetzt am besten zusammenfegen und an die Luft setzen.
ZEIT ONLINE: Besteht denn jetzt die Gefahr, dass es einschneidende Veränderungen im Ökosystem geben wird?
Heiermann: Das befürchten wir. Der asiatische Marienkäfer ist in seiner Lebensweise den heimischen Arten sehr ähnlich und macht ihnen die Nische im Ökosystem streitig. Die Marienkäfer konkurrieren miteinander um Nahrung, wenn nichts mehr da ist, wird es böse: Wenn etwa auf einer Pflanze nicht genug Nahrung für alle Larven ist, werden sie zu Kannibalen. Und der asiatische Marienkäfer und seine Larven können sich gegen ihre Konkurrenten einfach besser durchsetzen. Die einheimischen Arten würden also nicht nur indirekt verdrängt, sondern regelrecht weggefressen. Das kann den Bestand unter Umständen gefährden.
ZEIT ONLINE:
Werden wir die asiatischen Marienkäfer wieder los?
Helermann: Obwohl sie nicht in unser Ökosystem gehören, wäre ein Feldzug gegen diese Gäste aussichtslos, selbst wenn man sie jetzt millionenfach beseitigen würde. Die Population würde sich im nächsten Jahr sehr rasch wieder aufbauen, das wäre eine Sisyphosarbeit.
ZEIT ONLINE: Das bedeutet, wir müssen in den nächsten Jahren weiterhin mit Marienkäferplagen rechnen ...
Heiermann: Das kann noch niemand sagen. Ökologen und Naturschützer hoffen natürlich, dass die potenziellen Fressfeinde des Marienkäfers die starke Vermehrung eindämmen werden. Aber bis ein solcher Mechanismus wirkt, braucht es in unserem Ökosystem relativ viel Zeit, weil viele Wechselmechanismen im Spiel sind. Zudem können wir nicht prognostizieren, welche Tiere dafür geeignet wären, da ein bisschen aufzuräumen.
ZEIT ONLINE: Hat die Glücksbringerschwemme denn auch etwas Gutes an sich?
Heiermann: Ja, auf der einen Seite ist das jetzt vielleicht eine Gefahr für das Ökosystem - für eine Reihe von Forschern ist das aber natürlich hochinteressant.
Das Gespräch führte Jan Mölleken
- Datum 15.10.2008 - 18:33 Uhr
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Das hat noch mehr Gutes: Auch die asiatischen Marenkäfer fressen schliesslich Blattläuse. Vor denen haben wir (Gärtner) also auf absehbare Zeit nichts zu befürchten. Das freut mich, meine Pflanzen, und auch alle, die gerne Pflanzen mögen - z.B. zum Essen.
aj
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