Die größte Gefahr für Barack Obama ist in den letzten Wochen des Wahlkampfes nicht sein Kontrahent John McCain, sondern der sich verbreitende Glaube, er habe schon gewonnen. In allen Umfragen liegt Obama inzwischen deutlich vorn, unterstützt durch die Finanz- und dräuende Weltwirtschaftskrise, die Amerikas Wähler auf mehr Staat und damit die Demokraten setzen lässt.

Doch mit Wahlen ist es wie mit Aktien: Was zählt, ist nicht das zeitweilige Kurshoch, sondern der Wert an jenem Tag, an dem abgerechnet wird.

Was sind die Umfragen wert angesichts einer Wahl, die in Amerika kein Vorbild kennt? Zu Deutsch: Wird Amerika am Ende die Umfragen Lügen strafen und dem schwarzen Kandidaten den Einzug ins Weiße Haus doch verwehren?

Vor ein paar Jahren zeigten zwei US-Psychologen einer Gruppe von Testpersonen die Namen von Sport- und Showstars und fragten, ob diese Menschen Amerikaner seinen. Auf der Liste fanden sich der Tennisspieler Michäl Chang und der Fernstehstar Connie Chung sowie die Schauspieler Elizabeth Hurley und Hugh Grant. Die Testgruppe hat keinerlei Schwierigkeiten, Chang und Chung als Amerikaner zu identifizieren, Hurley und Grant aber als Ausländer.

Die Psychologen präsentierten anschließend mehrere amerikanische Symbole (Mount Rushmore, die US-Flagge und das Kapitol) sowie ausländische (das UN-Gebäude in Genf, einen ukrainischen Geldschein und eine Karte Luxemburgs). Die Testpersonen sollten spontan und blitzschnell sagen, welche Namen sie mit welchen Bildern in Verbindung bringen. Und siehe da: Viele Versuchspersonen assoziierten die britischen Schauspieler mit amerikanischen Symbolen und die asiatischen Amerikaner mit ausländischen. Die Forscher ziehen daraus den Schluss, dass die Menschen im Unterbewusstsein Ethnizität und amerikanische Identität verknüpfen. Ausländische Weiße werden demnach als "amerikanischer" bewertet als asiatische Amerikaner.

So hat es die Washington Post am Montag nacherzählt und dazu berichtet, Forscher hätten das Experiment am Beispiel der Kandidaten McCain und Obama wiederholt. Die Versuchsreihe wurde erst in der vergangenen Woche beendet. Das Resultat bestätigt die früheren Ergebnisse: Beide, McCain und Obama, gelten der Versuchsgruppe als Amerikaner; im Unterbewussten aber ist McCain amerikanischer als Obama.

Stellt sich die Frage: Setzen sich solche unbewussten Ressentiments in Wahlverhalten um? Muss Obama damit rechnen, dass in der Wahlkabine das Unterbewusste sein mächtigster Gegner ist?

Amerika hat mit schwarzen Kandidaten Erfahrung. Besonders der Name "Bradley" steht für ein amerikanisches Trauma. Tom Bradley war 1982 Bürgermeister von Los Angeles. Er kandidierte für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien und lag bis zum Wahltag deutlich vorn. Und verlor. Alle Umfragen lagen falsch. Wahrscheinlich hatten sich weiße Wähler nicht getraut, den Demoskopen zu sagen, dass sie keinen Schwarzen wählen würden. Seither heißt dieses Phänomen in den USA "Bradley-Effekt".