"Dann erstelle ich eben eine eigene Landkarte!", dachte sich der Brite Steve Coast, als sich die nationale Vermessungsbehörde wieder einmal weigerte, ihm Zugang zu ihren Straßenplänen und Geodaten zu gewähren. Der Programmierer brauchte eine Karte seiner Heimatregion und wollte ausprobieren, was man mit digitalen geografischen Informationen alles anstellen kann. Mit dem Entschluss, sich die gesuchten Daten selbst zu besorgen, war das Projekt OpenStreetMap geboren.

Was im Jahre 2004 als leicht größenwahnsinnige Idee eines Programmierers begann, hat sich zu einem Massenphänomen ausgewachsen. Hobby-Vermesser aus aller Welt arbeiten daran, eine Art "Wikipedia der Straßenpläne" zu fertigen. Weite Teile Europas und Amerikas sind bereits erfasst. Wenn sich das Projekt weiter so rasant entwickelt, könnte es die Kartenbranche ähnlich aufmischen, wie es die Wikipedia im Bereich der Enzyklopädien getan hat. Jetzt schon überflügelt die interaktive Karte in manchen Regionen die professionelle Konkurrenz.

Die "Mapper", wie sie sich selbst nennen, streifen mit GPS-Navigationsgerät, Zettel und Stift durch die deutsche Provinz, russische Städte, amerikanische Küstenorte und australische Dörfer und zeichnen dabei die zurückgelegten Wege in sogenannten Tracks auf. Außerdem notieren sie Straßennamen, Wegmarken wie Briefkästen, verkehrsberuhigte Zonen oder den Zustand eines Weges und überspielen am Ende jeder Vermessungstour ihre Daten auf einen Rechner. Dort werden sie nachbearbeitet und anschließend auf die OpenStreetMap-Server geladen.

Aktuell zählt das Projekt über 67.000 registrierte Nutzer, etwa die Hälfte soll regelmäßig aktiv sein. Viele kommen aus der Linux-Szene. Seit  Yahoo erlaubt hat, seine Satellitenbilder für das Projekt zu nutzen, müssen sie nicht einmal mehr das Haus verlassen, um mitzumachen. Diese Möglichkeit wird gern genutzt, um Weltgegenden zu kartografieren, in denen GPS-Geräte Mangelware sind. Der österreichische Aktivist Helge Fahrnberger hat beispielsweise angefangen, auf diese Weise die westafrikanische Millionenmetropole Ouagadougou einzutragen. Die Bewohner der Hauptstadt Burkina Fasos mussten bisher ohne Stadtpläne zurechtkommen – wie vielerorts auf dem schwarzen Kontinent gibt es sie nicht. Jetzt ist Fahrnberger "der Erste, der eine Millionenstadt kartografiert", schreibt er stolz in seinem Blog.

Diese Erfahrung kann in Deutschland niemand mehr machen. "Bei uns sind Städte ab 100.000 Einwohner fast vollständig erfasst," schätzt Kai Behncke von der Universität Osnabrück. Der Geograf beschäftigt sich mit OpenStreetMap und und bescheinigt dem Projekt eine bessere Qualität als Google Maps – zumindest in manchen Regionen.