Armut in Deutschland Umverteilung reicht nicht
Die soziale Ungleichheit in Deutschland nimmt deutlich zu. Die Politik muss darauf reagieren. Vor allem, indem sie mehr Chancengerechtigkeit schafft
Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Vor allem in den Jahren 2000 bis 2005 ist die Schere der Einkommensverteilung in Deutschland weit auseinandergegangen – stärker, als in allen anderen Industriestaaten. Das sind die zentralen Aussagen einer international vergleichenden Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Aufregung der Politik ist entsprechend, vor allem die Opposition fühlt sich einmal mehr in ihrer Kritik an der Bundesregierung bestätigt.
Der Befund an sich ist allerdings nicht neu, die Ergebnisse decken sich mit Erkenntnissen zum Beispiel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und dem aktuellen Armutsbericht der Bundesregierung , auch wenn die Definitionen für Armut und damit die angegebenen Prozentzahlen sich unterscheiden: Die OECD spricht von relativer Armut bei einem Einkommen von weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens. Für das DIW und die Bundesregierung liegt die Schwelle nach einer europäischen Übereinkunft bereits bei 60 Prozent. Entsprechend gilt entweder jeder neunte oder jeder achte Deutsche als arm.
Auch bei den Armutsursachen sind sich die Forscher einig. Einer der Hauptgründe ist Arbeitslosigkeit . Und so verwundert es auch nicht, dass sich der Trend nach Angaben des DIW, das – anders als die OECD – auch Zahlen aus den Jahren 2006 und 2007 einbezieht, inzwischen ungekehrt hat: Mit dem Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt ist der Anteil der von Armut Betroffenen oder Bedrohten von 18 Prozent im Jahr 2006 auf 16,5 Prozent im Jahr 2007 gesunken.
Der Trend hält nach Angaben des DIW-Ökonomen Markus Grabka 2008 an. Wie er sich angesichts der drohenden Rezession allerdings im kommenden Jahr entwickeln wird, können die Experten noch nicht voraussagen. Viel spricht dafür, dass das Armutsrisiko wieder steigen wird.
Trotzdem führt der internationale Vergleich der OECD zu einigen überraschenden Erkenntnissen. Erstens hat in Deutschland die hohe Arbeitslosigkeit mehr als in allen anderen OECD-Staaten zu wachsender Einkommensungleichheit beigetragen. Dies liegt vor allem daran, dass es in keinem anderen westlichen Industrieland einerseits mehr Haushalte gibt, in denen keine Person mehr über ein Erwerbseinkommen verfügt. Da sich andererseits gleichzeitig die Einkommensschere zwischen Gering- und Besserverdienenden deutlich geöffnet hat, sind Erwerbslosenhaushalte besonders stark von (relativer) Armut betroffen.
Die Trendumkehr seit 2007 führen die OECD und das DIW auf die Arbeitsmarktreformen der Bundesregierung zurück, vor allem auf die verstärkten Anstrengungen, Menschen wieder in Arbeit zu bringen.
Zweitens gibt es in Deutschland mittlerweile mehr Haushalte mit Singles oder Alleinerziehenden als in jedem anderen Industrieland. Dies bedeutet, dass zum einen familiäre Solidarsysteme wegfallen, Notleidende also nicht mehr von Verwandten unterstützt werden. Zum anderen sind die Lebenshaltungskosten für Kleinhaushalte deutlich höher.
- Datum 04.12.2008 - 10:08 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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