Angst vor der Ausschaltquote? In Istanbul muss der Filmregisseur einfach nur die Kamera laufen lassen, um den Zuschauer zu halten. Die grandiosen Kirchen des oströmischen Weltreichs, die Paläste und Moscheen des osmanischen Imperiums, das sagenumwobene Goldene Horn, die Großbotschaften der europäischen Mächte des 19. Jahrhunderts, die Partyszene der vergnügungswütigen türkischen Jugend, der Bosporus, der Widerstreit von Asien und Europa in einer Stadt. All das ist faszinierend genug, um die Fernbedienung beiseite zu legen und einfach nur hinzuschauen.

Der Film "Balkanexpress: Türkei" von Peter Beringer bedient sich dieser wunderbaren Bilder und geht doch weit darüber hinaus. Dem Auftraggeber, der Nichtregierungsorganisation European Stability Initiative (ESI), war daran gelegen, die Türkei, ihre enormen Chancen und ihre stete Selbstgefährdung durch das Brennglas der türkischen Metropole zu zeigen. Herausgekommen ist ein faszinierendes Kaleidoskop von Einblicken in ein modernes Land.

Der Film führt den Zuschauer von Rumeli Hisari, einem alten Bosporusdorf mitten in der tosenden Stadt, bis hin nach Kadiköy, einem pulsierenden modernen Stadtteil im aufstrebenden asiatischen Istanbul. In Rumeli Hisari hat Mehmet der Eroberer 1453 eine Burg errichtet, um das byzantinische Konstantinopel zu erobern. In Kadiköy schicken sich selbstbewusste junge Frauen und Vertreter der neuen Eliten an, die Republik Türkei zu modernisieren und zu verändern.

Politischen Sprengstoff erhält der Film durch Interviews mit liberalen Denkern und konservativen Politikerinnen, mit engagierten Rechtsanwälten und jüdisch-türkischen Unternehmern. Beschrieben wird der Aufstieg einer neuen Elite, die aus der anatolischen Peripherie nach Istanbul gezogen ist. Die klassischen Eliten der Türkei fürchten nun, ihre angestammten Positionen in Staat und Gesellschaft zu verlieren. Der Wirtschaftsboom und das atemberaubende Wachstum Istanbuls haben Modernisierungsgewinner und Verlierer des Umbruchs geschaffen, die erbittert um die Zukunft der Türkei streiten.

Radikalisierte Vertreter der alten Eliten der Türkei haben ein Terrornetzwerk namens Ergenekon ausgebaut, um die Veränderungen der Türkei durch gezielte Anschläge aufzuhalten und in einer Atmosphäre der Angst und des Chaos die Türkei zurück in Autoritarismus und Isolation zu führen. Mutige Journalisten decken die vielfältigen Verbindungen dieses Terrornetzwerks in die höchsten Etagen der Bürokratie und der Armee auf. Sie werden vom alten Establishment und dem Generalstab bedroht. Aber sie machen weiter und sprechen in diesem Film über ihre Arbeit.

Wie gefährlich der Kampf für eine offenere, moderne Türkei ist, zeigt der feige Mord an dem armenisch-türkischen Publizisten Hrant Dink Anfang 2007. Türkische Nationalisten haben den Journalisten umgebracht, um eine wichtige Stimme der türkischen Vielfalt auf immer zum Verstummen zu bringen. Der Film zeigt die Anwältin der Dink-Familie im Interview, beschreibt ihre harte Arbeit mit widerwilligen Ermittlern, gegen eine zögerliche Justiz und den tiefen Staat der Türkei. Immer deutlicher wird, dass auch der Mord an Hrank Dink aller Wahrscheinlichkeit nach vom Terrornetzwerk Ergenekon gesponsert wurde. Die Modernisierung der Türkei hängt auch davon ab, ob den Terroristen aus dem tiefen Staat das Handwerk gelegt werden kann.

Balkan-Express: Türkei

Sonntag, 19. Oktober 2008, um 21 Uhr auf 3Sat