Bildungsgipfel Kompromiss auf wackligen Füßen

Vom Bildungsgipfel bleibt am Ende vor allem ein hehres Versprechen: Zehn Prozent des BIPs sollen künftig für Bildung und Forschung ausgegeben werden. Details wurden allerdings auf die Zeit nach der Bundestagswahl verschoben

Zu Beginn des Bildungsgipfels in Dresden an diesem Mittwoch gab es erst einmal schöne Bilder. Im rosaroten Jackett saß Angela Merkel auf einem Sitzwürfel in einer Halle des Chipherstellers AMD und war, wie so häufig in den vergangenen Wochen, umlagert von Kindern jeden Alters. Vor dem Gipfel der Regierenden aus Bund und Ländern hatte ein Schülergipfel getagt. In vielen Workshops hatten Jugendliche aus ganz Deutschland über „die ideale Schule der Zukunft“ nachgedacht. Die besten Ideen sollten sie nun der Kanzlerin präsentieren.

Doch irgendwie schien Merkel an diesem Tag nicht wirklich bei der Sache zu sein. Müde wirkte sie, wie sie da auf ihrem Würfel saß und ihr im Gespräch mit den Schülern keine bessere Frage einfiel, als die, ob sie beim Sport auch genug Zeit zum Umziehen hätten. Und nachdem die Schüler eine lange Liste von Wünschen vorgetragen hatten, was in ihrer Schule besser werden könnte, bat die Kanzlerin fast flehentlich: „Jetzt sagt doch mal was Gutes, was ist denn schön in der Schule?“ Ein Mädchen tat ihr den Gefallen und antwortete ganz ohne böse Absicht: „Die Pausen“.

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„Jetzt sagt doch mal was Gutes“ – diesen Appell hätte Merkel an diesem Tag sicher gerne auch an die in großer Zahl angereisten Journalisten, aber auch an die Länderchefs gerichtet. Denn zu diesem Zeitpunkt war der von ihr mit so viel Aufwand vorbereitete Bildungsgipfel in der öffentlichen Wahrnehmung längst zu einem ziemlich kleinen Hügel zusammengeschrumpft. Nur Altbekanntes werde da widerholt, hieß es von SPD-Seite. Und von CDU-Seite war offen der Wunsch zu hören, die Veranstaltung möge bald vorbei sein. 

Immerhin: Als die Kanzlerin nach über zweistündigen Verhandlungen gemeinsam mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich vor die Presse trat, konnte sie doch noch mit einer kleinen Überraschung aufwarten.

In zähen Gesprächen hatte sie Bund und Ländern die Zusage abgerungen, dass ab 2015 zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Bildung und Forschung ausgegeben werden sollen. Die Aufregung der vergangenen Tage habe sich gelohnt, so eine sichtbar erleichterte Kanzlerin. Man sei auf dem Weg zu der von ihr ausgerufenen Bildungsrepublik einen wichtigen Schritt vorangekommen. Eine Strategiegruppe werde nun binnen eines Jahres Vorschläge machen, wie das Zehn-Prozent-Ziel konkret erreicht werden könne.

Einen kleinen Sieg hatte die Kanzlerin damit auch über den neben ihr stehenden Wowereit errungen. Hatte der doch Tags zuvor noch vollmundig getönt, nur wenn der Bund konkrete Zusagen für die Einstellung von Sozialarbeitern an den Schulen mache, würden sich die SPD-regierten Länder an einer solchen Strategiegruppe beteiligen. Jetzt gaben sie sich damit zufrieden, dass diese Runde entsprechende Maßnahmen prüfen wolle.

Dass es sich gleichwohl um einen Formelkompromiss der wackligen Sorte handelt, ließ sich deutlich schon an der Gestik der Beteiligten ablesen. Als Wowereit sagte, er gehe davon aus, dass die gemeinsame Festlegung von Bund und Länder auf das Zehn-Prozent-Ziel auch bedeute, dass der Bund seinen Anteil an den Bildungsausgaben deutlich steigern werde, hob die Kanzlerin abwehrend die Hände.

Genau das hat sie mit der Dresdner Erklärung zumindest vorläufig nämlich nicht versprochen. Nicht ohne Hintersinn soll die Arbeitsgruppe ihre Ergebnisse erst Ende Oktober 2009 vorlegen. Eine neue Regierung wird dann darüber entscheiden müssen, inwiefern der Bund seinen Anteil tatsächlich erhöht.

Verwässert wurde das Ziel auch dadurch, dass in dem Papier von einer gesamtstaatlichen Aufgabe die Rede ist. Das heißt, dass auch der Anteil der Wirtschaft zu den zehn Prozent hinzugerechnet wird.

Gleichwohl: So richtig schlecht reden wollte selbst Wowereit die Vereinbarung nicht. Sollten in der Strategiegruppe tatsächlich konkrete Vorschläge erarbeitet werden, könne am Ende mehr als nur Schaumschlägerei dabei rauskommen, sagte er nach dem Treffen. Tatsächlich geht es um riesige Summen. Wird die Vereinbarung umgesetzt, könnten ab 2015 jährlich bis zu 25 Milliarden Euro mehr als bisher in Bildung und Forschung investiert werden. Kritiker weisen allerdings auch daraufhin, dass das Ziel, ab 2010 drei Prozent des Bruttoinlandprodukts in die Forschung zu investieren, auf EU-Ebene längst vereinbart sei. Allein: Deutschland wird es wohl nicht erreichen.

Am Ende haben Bund und Länder in Dresden bei aller Ungewissheit des Beschlossenen dennoch mehr zustande gebracht, als noch am Morgen des Gipfeltages abzusehen war. Noch zu Beginn des Treffens schien es, als wäre ein Maßnahmenkatalog, der zwar viel Sinnvolles, aber eben auch weitgehend längst Beschlossenes enthält, das einzige greifbare Ergebnis. Von der frühkindlichen Bildung über die Halbierung der Schulabbrecherzahlen bis hin zum Ausbau von Studienplätzen und dem erleichterten Zugang zur Hochschule für Facharbeiter reichen die Pläne. Dafür hätte man allerdings keinen Bildungsgipfel gebraucht, kritisierten die SPD-Länder im Vorfeld.

Enttäuscht waren alle Länder darüber, dass der Bund keine zusätzlichen Mittel für konkrete Projekte ausgeben will. Bis zum Schluss habe er darauf gehofft, dass da noch etwa käme, sagte einer der SPD-Verhandlungsführer. Man könne doch nicht so viel Aufwand dafür betreiben, dass man am Ende nicht mehr zustande bringe als eine Auflistung der laufenden Vorhaben.

Mit dem Zehn-Prozent-Ziel ist man darüber immerhin hinausgegangen. Doch ob der Gipfel „die Aufregung und die Arbeit“ gelohnt hat, wie Merkel nun behauptete, darüber wird wohl frühestens in einem Jahr zu entscheiden sein.

 
Leser-Kommentare
    • gayorg
    • 22.10.2008 um 20:12 Uhr

    NEIN WAS FÜR SCHÖNE BILDER ANGELA UND DIE KINDER. HAT ANGELA SCHON MAL DRÜBER NACHGEDACHT WER DIE GANZEN RETTUNGSPAKETE BEZAHLEN SOLL ; MUSS; KANN ??

  1. Volle Zwei Stunden harte Gipfelkonferenz - und dann nichts als längst bekannte Wunschäußerungen – und: eine Anhebung der Ausgaben auf 10% des BIP – im Jahre 2015 wohlgemerkt … ! So sieht also eine Gipfelveranstaltung aus, wenn Bildung (wie schon seit Jahren auch auf Länderebene immer wieder beteuert, aber nie umgesetzt wird) oberste Priorität besitzt. Liebe Frau Merkel: Der Notstand ist heute! Und diese Veranstaltung war eine Blendgranate!

    Mit freundlichem Gruß

  2. ...das ist doch mal ein Wort!

    Aber bitte auch darüber nicht vergessen, dass Akademiker (falls nicht als Professoren verbeamtet) sich an deutschen Universitäten einem Berufsverbot (nach HRG) gegenübersehen dass ihnen nur eine Anstellung auf maximal sechs Jahre befristet an Hochschulen erlaubt!

    Was nützen die Finanzspritzen, wenn mit solchen Gesetzen über Jahre der wertvolle akademische Mittelbau fast eliminiert wird?

    Mit diesen stets halbherzigen Regelungen wird der Braindrain wohl nicht zu stoppen sein.

    http://www.maintainbrains...

    • Anonym
    • 22.10.2008 um 22:04 Uhr

    "in der rüstung sind sie fix, ..."

    so abgedroschen wie wahr.

  3. PRO PATRIA ET LIBERTATE Zehn Prozent des BIP allein reichen nicht, um der Bildungsmisere Herr zu werden.

    Mindestens zehn Prozent der zu Bildenden müßten bildungswillig sein.

    • ROFI
    • 23.10.2008 um 8:24 Uhr

    ich habe mich versprochen. Vielleicht ist sinnvoll, dieses Wort in einem anderem Kontext zu betrachten. Hinzu noch etwas weniger Superlativ, und es bestünde durchaus eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Messlatte des Erwarteten sich einer "normalen" Betrachtung annähert.

    Haben wir 10% des BIP werden wir 25% benötigen und gefühlt, schon immer benötgt haben. Wird meiner Meinung nach auch die Bildung betrachtet und behandelt wie z.B. die Umweltpolitik, dann wird und muss das Vorhaben in der angedachten Form ein Fehlschuss werden. Es werden Veränderungen, Kontrollen kommen. Teilweise haben wir diese schon. Unmut. Mehr Geld. Die Veränderung der Veränderung der Veränderung, doch es hat sich realistisch kaum etwas verändert. Doch - die Kontrolle, der Kontrolle, der Kontrolle..., ein paar zufriedene Seiten für den Augenblick, auch die akademischen ganz sicher (ich bin ganz sicher nicht dafür, was Kommentar 3 zu den Professoren an den Hochschulen zu bedenken äußert; das bedeutet nicht, Prof.'s dürfen nicht länger als 6 Jahre dozieren, doch jedes System birgt die Gefahr einer Verselbsständigung in sich, und ich bin garantiert nicht dafür, dass sich jemand das Recht verdient, sich auf "seinem" Titel auszuruhen, um ihn zu missbrauchen; man schaue sich bitte nur diverse, auch in der Zeit stattgefundene Interviews mit u. a. divesen Professoren zur Finanzkrise an; zum Teil haarsträubende Aussagen, die getätigt wurden - falsch und völlig befremdlich, aber legitimiert durch den Titel ) und von den leider zu häufig getätigten politischen Impulsentscheidungen, die schon eher der Quartalsdenkweise ähneln, ganz abgesehen.

    Weder geht die Erde morgen unter, noch wird dieses Land "international" verdummen.

    Ich sehe keinen wackligen Kompromiss darin, da es keinen gab, auch keiner bevorstand. Wer weder weiß, wonach er sucht, noch, was er zu finden glaubt oder hofft, der irrt einfach durch einen großen Garten.

    Einig ist sich die Wissenschaft doch in meisten Fällen darüber, dass sie eben nicht einig ist.

    Bei dem, was zu beobachten ist, sollte wohl eher darüber debattiert werden, ob nun 2+=4 oder doch eher 5 ist.

  4. Jedes demokratisch regierte Volk hat genau die Regierung die es verdient. Und genau diese Regierung HAT dieses Volk oder genauer gesagt diese Öffentlichkeit sich redlich erarbeitet. Frei nach dem Motto :
    - Wer viel macht, macht viele Fehler.
    - Wer weniger macht, macht weniger Fehler.
    - Wer keine Fehler macht, wird gewählt.

    Ganz Deutschland verharrt, abgesehen von der kurzen Schröderunterbrechung, seit über 20 Jahren in Angsstarre und prügelt auf jede Regierung ein, die sich anschickt irgendetwas an den bestehenden Verhältnissen zu ändern. Jeder kauert knurrend auf seinem persönlichen Besitzstand, und begrüsst "Reformen" (vulgo Kürzungen) nur dann wenn sie den Nachbarn betreffen.
    Zukunft? Bildung? Forschung? Entschuldung? Aber gerne und immer, so lange sie nur auf Kosten anderer gestaltet werden; denn Geld = teuere Klamotten + dickes Auto = Ansehen = inzwischen alles was zählt.
    Ganz Deutschland verkommt zur Dauerdisko mit angeschlossener Schönheits OP, und gnade dem Gott der da vor die Tür gesetzt wird : Arme Menschen sind kriminell, ungewaschen und dumm genug um von Comedy Stars durch den Kakao in Talkshows als Freaks durch die Manege getrieben zu werden. Man kann heutzutage ALLES, nur nicht auf ein gepimptes Outfit verzichten. Worüber echauffiert man sich bei Frau Merkel? Über ihre Politik? Über ihre Untätigkeit? Nein,nein, ihr AUSSEHEN ist das Problem!! Das passt sowas von gar nicht in die deutsche Disko Landschaft, warum muss ausgerechnet so eine den TJ machen?!

    Wie soll denn unter diesen Verhältnissen eine Regierung aussehen?
    Antwort : Haargenau so, wie sie sich z.Zt präsentiert: Farblich gut der Umgebung angepasst....

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