Schule Freiarbeit statt Stundenplan
Viele Schulen wenden sich von der Tradition der Belehrung ab und lassen ihren Schülern mehr Freiheit. Zweiter Teil einer Spurensuche im Bildungstal
Morgens, kurz nach halb acht. Der Lehrer ist schon da. Auch die ersten Schüler kommen vor Unterrichtsbeginn. Der Lehrer begrüßt sie mit Handschlag, wie ein Gastgeber. Er hat bereits einiges vorbereitet. Die Schüler holen sich ihr Material ab und legen los. Einfach so. Sie warten nicht auf den Gong.
Wir sind in der Bodenseeschule Friedrichshafen, in einer siebten Klasse. Die Schüler sind in der Pubertät, es ist eine Hauptschulklasse. Das sei eigentlich der Tiefpunkt, hört man überall, 7. Klasse Hauptschule, oh je. Aber vom täglichen Kleinkrieg oder vom „pädagogischen Lazarett Hauptschule“ ist hier nichts zu spüren.
Die Bodenseeschule war eine der ersten Ganztagsschulen in Deutschland. Sie ist von Ideen der Reformpädagogin Maria Montessori geprägt. Man findet dort niemanden, der das dreigliedrige Schulsystem verteidigt. Doch das hindert die Lehrer nicht daran, für ihre Schüler den besten Unterricht zu machen. Die Regale sind voll mit Material, Schulfächer wurden weitgehend abgeschafft. Der Tag beginnt mit Freiarbeit in den ersten beiden Stunden. Jeder arbeitet in dieser Zeit an etwas anderem. Wer nicht weiter weiß, gibt dem Lehrer ein Zeichen, dann kommt er. Auf die Freiarbeit folgen fächerübergreifender Unterricht und Projekte. Die freie Arbeit am Morgen hat etwas nahezu Heiliges. Es ist die Zeit höchster Konzentration. Die Schüler genießen das.

Reinhard Kahl schreibt für ZEIT ONLINE die Bildungskolumne Wurzeln und Flügel
Ähnlich beginnt der Tag an der Max-Brauer-Schule in Hamburg Altona, die von der Vorschule bis zum Abitur geht und bei Pisa bestens abschnitt. Auf diesen Lorbeeren wollte sich die mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnete Schule aber nicht ausruhen. Eine Lehrergruppe hat über Jahre ihre „Traumschule“ konzipiert und schließlich die Schulkonferenz überzeugt. Für die Schüler wird ab der fünften Klasse das tägliche Lernbüro eingerichtet, in den ähnlich wie in der Bodenseeschule jeder morgens an seiner Sache, man könnte auch sagen an sich selbst arbeitet: Mathe, Schreiben, Lesen. Lehrpläne wurden in Kompetenzraster umformuliert. Jeder kennt die Ziele. Stolz sagen nun die Lehrer, dass sie nie mehr Dompteure sein wollen. Neben dem Lernbüro gibt es Projekte, zum Beispiel in den Naturwissenschaften. Eine dritte Säule sind Werkstätten für Musik, Kunst, Theater oder auch Kochen. Lehrer arbeiten dabei mit Künstlern und Handwerkern zusammen.
Zunächst zweifelten die Pädagogen, ob Schüler einen so weiten Spannungsbogen überhaupt durchhalten. Bald wurden sie überrascht. Die Zeit reicht den Schülern nicht, sie wollen oft mehr. Und auch die Lehrer sind nun länger in der Schule. Manchmal gehen sie erschöpft nach Hause, aber fast immer zufriedener als früher.
Derzeit blicken viele deutsche Schulerneuerer in die Schweiz, zum Beispiel in den Thurgauer Flecken Bürgeln. Dort wurden in der Sekundarschule die Wände eingerissen. Mehr als 60 Schüler aus drei Klassen eines Jahrgangs teilen sich nun mit vier Lehrern eine sogenannte Lernlandschaft. Die Lehrer arbeiten im Team. Das ist für Schüler eine neue und wirklich nachhaltige Erfahrung.
- Datum 07.09.2009 - 18:41 Uhr
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- Serie Bildungskolumne
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Die kann sich ihre Schüler aussuchen und tut es vermutlich auch. Ihre Klientel ist sicher nicht mit der einer Hauptschule in Berlin-Neukölln zu vergleichen. Insofern bin ich mir nicht sicher, ob die hier beschriebenen Rezepte ohne weiteres auf andere Schulen übertragbar ist. Für Freiarbeit müssen die Schüler eine Menge Motivation mitbringen.
Richtig ist, dass in dem Artikel hätte stehen sollen, dass es sich bei der Bodenseeschule (St.Martin) um eine konfessionelle, private Schule handelt.
Würden Sie aber, anstatt einfach nur Ihre alten, längst widerlegten, Vorurteile zu pflegen, den Artikel weiterlesen oder sich auch anderweitig über dieses Thema informierten, würden Sie zur Kenntnis nehmen müssen, dass dieses Konzept _überall_ funktioniert. Zum Beispiel an der im Artikel erwähnten Max-Brauer-Schule in Hamburg-Altona. Altona! Gott stehe uns bei.
Kinder _sind_ motiviert zum lernen.
Richtig ist, dass in dem Artikel hätte stehen sollen, dass es sich bei der Bodenseeschule (St.Martin) um eine konfessionelle, private Schule handelt.
Würden Sie aber, anstatt einfach nur Ihre alten, längst widerlegten, Vorurteile zu pflegen, den Artikel weiterlesen oder sich auch anderweitig über dieses Thema informierten, würden Sie zur Kenntnis nehmen müssen, dass dieses Konzept _überall_ funktioniert. Zum Beispiel an der im Artikel erwähnten Max-Brauer-Schule in Hamburg-Altona. Altona! Gott stehe uns bei.
Kinder _sind_ motiviert zum lernen.
Ich war selbst auf der Hauptschule, wenngleich ich inzwischen auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachgeholt hab. Diese Schule wird fast immer von Leuten dämonisiert die weder jemals auf dieser Schule waren, noch ein Kind auf dieser Schule haben. Die klassischen Gymnasiasten die schon zur eigenen Schulzeit auf "die" von der Hauptschule herabgeblickt haben. Nach unten tritt man, nach oben neidet man.
Was ich mich immer frage, man hat so viele tolle Konzepte und Rundumschläge präsentiert über die Jahre. Wie könnte die Hauptschule heute dastehen wenn man die selbe Energie, Geld und Arbeit, in deren ganz praktische Verbesserung investiert hätte? Es kommt genau auf das im Artikel beschriebene Handeln - nicht ewiges lamentieren und debattieren - an. Und zwar auf das Bedürfnis jeder Schule zugeschnitten. Eine idyllische Privatschule im ländlichen Süddeutschland hat es von der Struktur her schon einfacher als eine kaputtgesparte Kiezhauptschule in Berlin. Auch darum sind Allheilmittel a lá Ganztagsschule keine Lösung (für alle). Gerade "Bildungsbürger" lieben es sich mit Orga-Kram und Rechthaberei zu beschäftigen, sobald es darum geht vom "Runden Tisch" aufzustehen und etwas in die Tat umzusetzen geht man dann aber lieber erstmal - Heim. Ist schon spät und das Biogemüse zum Abendessen muss frisch zubereitet werden.
Es geht alles so dermaßen an der Realität vorbei was da seit bald 40 Jahren rumdiskutiert wird, und die Tragik liegt darin dass diese Leute auch noch die pralle Aufmerksamkeit von Medien und Politik erhalten - und nicht die Kinder und Jugendlichen um die es eigentlich gehen muss.
Richtig ist, dass in dem Artikel hätte stehen sollen, dass es sich bei der Bodenseeschule (St.Martin) um eine konfessionelle, private Schule handelt.
Würden Sie aber, anstatt einfach nur Ihre alten, längst widerlegten, Vorurteile zu pflegen, den Artikel weiterlesen oder sich auch anderweitig über dieses Thema informierten, würden Sie zur Kenntnis nehmen müssen, dass dieses Konzept _überall_ funktioniert. Zum Beispiel an der im Artikel erwähnten Max-Brauer-Schule in Hamburg-Altona. Altona! Gott stehe uns bei.
Kinder _sind_ motiviert zum lernen.
Privatschule und ihr Konzept geht auf. Sie liegt in keinem Wellness-Vorort, sondern mitten in Hamburg und beherbergt Kinder aller sozialer Schichten. Fakt ist, dass es zukunftsweisende, individuell fördernde Schulkonzepte gibt, die aber oftmals aus politischen Gründen totgetreten werden, weil sie dem Konservatismus zuwiderlaufen. Die Frage, warum man Schulen nicht mehr Freiheiten lässt, wie sie den Weg zum vorgegebenen Ziel beschreiten, bleibt. Die einzige Erklärung wäre, dass sich die Kultusministerien damit weitgehend selber abschaffen würden, weil sie nichts mehr zum Administrieren hätten. Innovative Ansätze im Bildungswesen sind durchaus vorhanden, was sie benötigen ist a) finanzielle Unterstützung und b) Freiheit. Es ist natürlich unumgänglich, dass ein Lernziel für die verschiedenen Abschlüsse seitens der Länder vorgegeben wird (und das muss in jedem Fall hart sein), aber dann sollte man sich auf gelegentliche Lern- und Schulkontrollen seitens der Politik beschränken und das eingesparte Geld durch weniger Palaver lieber in die schulische Infrastruktur investieren, so dass die Schüler wieder über z.B. Toilettenpapier und funktionierende Toiletten-Spülungen, ganz zu schweigen von Lehrmaterial, an deutschen Schulen verfügen können. Auch ein Lehrer hat nicht automatisch seine Qualifikation durch Studium und Referendariate fürs lebenslange Lehren erreicht, er muss sich auch in einem Wettbewerb messen lassen können, der den Schulleitungen zu unterliegen hat. Die Max-Brauer-Gesamtschule zeigt doch eindrucksvoll, dass auch den Lehern seit der Umstellung des Lehrsystems die Arbeit sinnvoller und effektiver erscheint und einfach mehr Spaß macht. Es gibt sovieles zu tun und es wird sovieles blockiert, weil die Herrschaften in der Politik den Anschluss verpasst haben und ihre eigene Unverzichtbarkeit im Bildungswesen betonieren.
Eigentlich eine tolle Sache die Freiarbeit. Wie sieht es aber aus, wenn einige Kinder in der vierten Klasse noch nicht in der Lage sind annähernd fließend zu lesen oder andere die Grundrechenarten bei weitem noch nicht beherrschen? Es ist beeindruckend zu erleben, wie Kinder sich Lernstoff selbst und vor allem hoch (eigen-)motiviert erarbeiten. Aber es gibt auch Lernstoff der dem einzelnen Kind nicht sonderlich liegt und dennoch als Grundlage unverzichtbar ist. Und hier ist es meiner Meinung nach von Vorteil, wenn die Kinder neben der Freiarbeit auch lernen (im doppelten Wortsinn) konzentriert Lernstoff aufzunehmen, der einfach vorgegeben ist und gelernt werden muss.
Wir haben Schule als künstliches Zwangssystem konstruiert und, je mehr wir damit kaputt gemacht haben, diesen Fehler auch noch überperfektioniert. Noch immer sind diese toten Strukturen, die noch aus Zeiten der Leibeigenschaft stammen, wo man zum Frondienst für seinen Herrn alles andere stehen und liegen lassen musste, gesetzlich fest- und vorgeschrieben. Unsere Schulen sind das glatte Gegenteil von dem, was das Wort Schule bedeutet: Griech. SCHOLÄ kommt von ECHEIN= HABEN. Wenn die alten Griechen so in Stress waren, dass sie nicht mehr alle (Sinne beeinander) hatten, dann gönnten sie sich SCHOLÄ = das Innehalten, das wieder zu sich Kommen, das wieder mit sich EINS Werden. Wenn heute einer in der "Schule" SCHOLÄ für sich beansprucht, dann sagt der Lehrer: "Du tust wohl nichts!" und drängt ihn noch weiter von SCHOLÄ weg. Soviel wissen wir heute von SCHULE und so gehen wir damit um.
LEHREN und LERNEN kommt von germ. LAISTI = die FÄHRTE. Lernen ist also keinesfalls Unterrichtetwerden oder Beigebrachtbekommen oder Vermitteltbekommen, das verhindert im Gegenteil Lernen = eine Fährte verfolgen. Wer LEHRER sein will, der muss erst einmal Lerner sein`= interessiert Fährten des Lebens verfolgen. Wenn ihn das so freut und fasziniert, dass er dadurch das Interesse anderer weckt und die ihm folgen wollen, dann hat er sich als LEHRER qualifiziert. Ein Lehrer ist jemand, der mit mitreißendem Beispiel auf Fährten des Lebens vorausgeht. Diese simple und potente originale Wortbedeutung ist zugleich die Grundlage der seit 30 Jahren existierenden ICH-KANN-SCHULE. Aus diesem Hintergrund ist es etwas dürftig, wenn wir heute - immer noch die einfache Lösung durch einen einfachen Blick auf die sprachlichen Wurzeln meidend - durch erst annähernd dahin kommen, wo wir seit Jahrzehnten sein könnten.
Aber Gottseidank sind wir immerhin schon in der Experimentierphase, wo wir die vertrockneten Schablonen loslassen und uns - wie die Ich-kann-Schule - eigene originale Erfahrungen gönnen. Irgenwann werden wir auch so erkennen, dass es nicht um neue Tricks und Techniken geht sondern um das, was die neue Ich-kann-Schule ausmacht: eine neue GEISTIGE QUALITÄT im Umgang mit uns selbst und unseren TALENTEN. Gute Erkenntnis!
Franz Josef Neffe
1.Freiarbeit ist ein sehr altes Verfahren, das mit durchaus sehr unterschiedlichen Ergebnissen praktiziert wurde.
2. Diese Welle schwappt immer wieder hoch (wie z.B. in den 90 ern) und ich erinnere mich sehr genau an empörte Eltern, die am Ende d.Kl. 4 in e. Grundschule in HH Nord mit sehr "bildungsnahen Elternhäusern " zur Kenntnis nehmen mussten, dass nur 1 von 30 Schülern e.Empfehlung für das Gymn. bekam (nach 4 Jahren Freiarbeit).In den konventionell unterrrichteten Parallelklassen waren es mehr als 50 %.
3.Es wäre ein gr. Fortschritt in der Schulreformdiskussion, wenn man endlich aufhören würde, von den Gymnasien oder Hauptschulen zu sprechen, sondern mal genau hinsehen würde, warum z.B. Freiarbeit hier funktioniert und dort nicht, warum sich so viele Hauptschulen (oder Gy )unterscheiden in ihren Lernerfolgen.
4.Es würde einen gr.Fortschritt bedeuten, wenn man zwischen Bildungs- und Ausbildungsfächern (Physik/Chemie/Mathem./Fremdsprachen) unterscheiden würde.
5.Wie steht es mit Kommunikationsprozessen (z.B. bei Sprachenlernen oder Gesellschaftskunde/Politik) in individuel organisierten Freiarbeitsphasen usw.
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