Doping „Die Tour de France sollte pausieren“

Die ARD überträgt nicht mehr, Team Gerolsteiner gibt auf und die Geschäftsführerin der Anti-Dopingagentur Spitz rät der Tour zu pausieren. Ein Interview

Ulrike Spitz ist Leiterin Kommunikation und stellvertretende Geschäftsführerin bei der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA). In den siebziger Jahren war sie Mitglied der Nationalmannschaft im Skilanglauf. Von 1981 bis 2007 arbeitete sie als Sportredakteurin für die Badische Zeitung und die Frankfurter Rundschau.

ZEIT ONLINE: Frau Spitz, seit diesem Frühjahr gibt es einen Test, um Insulin-Doping nachzuweisen. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) förderte die Entwicklung des Tests mit 300.000 Euro. Doch bei den Spielen setzte das Internationale Olympische Komitee (IOC) ihn nicht ein. Wissen Sie wieso?

Ulrike Spitz: Nein, ich könnte nur spekulieren. Vielleicht können Ihnen die Kollegen von der WADA dies beantworten. Möglich, dass das Labor in Peking den Test nicht durchführen konnte.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Insulin verringert die Regenerationszeit zwischen Wettkämpfen. Michael Phelps Fabelrekorde im Schwimmen wären erklärbarer.

Spitz: Das ist total spekulativ. Dazu sage ich nichts.

ZEIT ONLINE: Wie vor kurzem durch einen Bericht der WADA öffentlich wurde, haben fast die Hälfte der nationalen olympischen Verbände (102 von 205) während der Spiele nicht die Aufenthaltsorte ihrer Athleten angegeben, obwohl sie dazu verpflichtet waren. Ein Anti-Doping-Kampf, in dem sich nur wenige an die Regeln halten, kann nicht viel bringen?

Spitz: Ja, es ist besorgniserregend. Die Hälfte aller Verbände ist den Meldepflichten nicht nachgekommen. Die Deutschen, also in diesem Fall der dafür zuständige Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), haben die Regeln voll eingehalten. Das war ein Riesenaufwand, aber wir haben es gemacht. Wir wünschen uns, dass alle Länder so kontrolliert werden wie wir, das heißt, dass alle die Meldepflichten einhalten.

ZEIT ONLINE: Wieso haben es die anderen Länder nicht ebenso getan? Gab es keine Kontrollinstanz?

Spitz: Das wissen wir nicht. 

ZEIT ONLINE: Der Bericht der WADA liegt dem IOC seit dem 19. September vor. Sie als stellvertretende Geschäftsführerin und Leiterin der Kommunikation der NADA haben keine Informationen zu den Ursachen?

Spitz: Wir haben natürlich erwartet, dass in Peking die Meldepflichten von allen eingehalten werden. Im September haben wir ein Positionspapier veröffentlicht, das auch dieses Thema aufgreift. Darüber werden wir sicher noch mit der WADA reden.

Leser-Kommentare
  1. Nun sollte die Intendanz der öffentlich Rechtlichen konsquent alles was "gedopt" ist aus dem Programm werfen. Mir fallen da an erster Stelle die Börsenmagazine ein. Immerhin sind die Auswirkungen dieses Dopings existenzbedrohend.
    Die "Aktienrally" ist ein unmoralischer Sport. Das sollte man wenn überhaupt mal Nachts ab zwei Uhr senden und nicht in der Prime Time. Unsere Jugend ist versaut genug.

    Neuland

  2. Wir sollten uns Fragen, warum Doping sich lohnt. Wegen dem Wettbewerb? Wohl kaum. Doping ist eine Sache des Geldes. Würde man Werbung im Sport einschränken, die Gehälter der Sportler deckeln und und die künstlich gezüchtete Medienblase einschränken, würden die Meisten Sportler sich nicht mehr für Doping hergeben.

    Außerdem sollte man Bierwerbung im Sport verbieten.

    • Anonym
    • 16.10.2008 um 19:27 Uhr

    Höchstleistungssport ist höchst lächerlich. Ohne Doping kann man über kurz oder lang keine Rekorde mehr brechen. Und Rekorde sind des weiteren Ausdruck von Überheblichkeit. Wer Sport betreibt, um Rekorde zu brechen, ist süchtig nach Erfolg. Und die Supermodels werden sich in Zukunft auch keine Kirschkernsäckchen statt Silikonpolster implantieren lassen, oder Kamillentee statt Botox spritzen.

    Es ist also ein Problem, das viel tiefer liegt. Was soll dann diese Heuchelei ums Doping ?

  3. Alle Radrennen sollten erst einmal die nächsten Monate ausfallen. Vielleicht wird der Sport dann wieder etwas sauberer.

  4. the show must go on!

    "Ich hätte es tatsächlich nicht für möglich gehalten, dass während der Tour weitergedopt wird"

    Der war gut!

    Mir scheint, nicht nur die Tour braucht eine Pause.
    Das Problem sind nicht die dopenden Sportler, sondern die unsportlichen Zuschauer, die Trittbrettfahrer aus der Politik, mithin wir alle, denen es - unsportlicherweise! - eben doch immer nur ums GEWINNEN geht. Beim Sport verwandeln wir uns alle wieder in Kindergartenkinder.

    Sehen Sie, der Baron hatte eben doch recht vor 100 Jahren: Der wahre Sport muß eben eine aristokratische Angelegenheit bleiben. Etwas für gentlemen und Amateure. Für die das Dabeisein wichtiger ist als das Gewinnen. Der sportliche Wettkampf wäre dann - genau wie ein Tischtennismatch nach Feierabend im Hobbykeller - Selbstzweck und kein Mittel, seine Rumsucht zu befriedigen. Nur so hat Sport eine moralische Berechtigung.

    Die Sehnsucht nach einem "ehrlichen Hochleistungssport" ist ein Widerspruch in sich.

    Solange der Sieg im Vordergrund steht, gehört die Veranstaltung zum ShowBiz.
    "Ehrlich" zugehen kann es nur dort, wo auf den Hochleistungswahn verzichtet wird: Nur dort, wo man lieber verliert anstatt zu betrügen. Und trotzdem den Spaß nicht verliert.

  5. Doping ist der logische Versuch, die Erwartung der Zuschauer und Medien in immer bessere Zeiten und Werte zu erfüllen. Ebenso wie in der Wirtschaft ist selbst der ansonsten intelligente Mensch der Meinung derart ewig wachsende Systeme wären naturgemäß und wie der Leichtathlet kennt auch die Aktie kein Limit.

    In der Finanzwelt wo "Doping" längst systemkonform und als notwendig eingesehen wurde hält der Mensch im Sport verzweifelt daran fest, dass er es bitte unverfälscht und gern FAIR sähe - aber wozu?

    Ist es die Gesundheit der Sportler? Wohl kaum, denn die ruinieren sich Spitzensportler meist auch ohne Doping. Ist es ein Aufschrei gegen die Ungerechtigkeit wenn hochgezüchtete Pharmathleten spielend gegen den ungedopten Nachwuchs und unverbesserliche Traditionalisten gewinnen? Ebenso kaum vorstellbar, denn dieses Gebahren sich den größtmöglichen Vorteil bei Ausnutzung aller sich bietenden Möglichkeiten haben wir ohnehin kultiviert und Kapitalismus genannt.

    Warum also?

  6. Die Tour de France und die Olympischen Spiele sind heute ein Millionengeschäft. Sowohl die ASO als auch das IOC werden auf die Einnahmen, die sie über die Vermarktung und mit dem Verkauf der TV-Rechte einnehmen, mit Sicherheit nicht verzichten. Um keine zahlungskräftige Klientel, also vor allem TV-Sender wie die ARD oder das ZDF zu verlieren, müssen die Veranstalter um das Image ihrer Anlässe bemüht sein. Es darf nicht durch (allzu viele) öffentlich gemachte Dopingfälle beschädigt werden, denn sonst steigen die Kunden aus, so wie jetzt die ARD und das ZDF aus der Tour-de-France-Berichterstattung ausgestiegen sind, und die Einnahmen sinken. Doch wie kann die ASO den Schein, das Image aufrechterhalten oder anders gefragt: Wie kann die ASO verhindern, dass es zu viele öffentlich gemachte Dopingfälle gibt? Es gibt mehrere Mittel Publikationen von Dopingtestergebnissen zu verhindern und eines haben sie alle gemeinsam: sie kosten Geld. Das Geld zur Verhinderung der Publizierung wird von den Rennteams gezahlt. Wer zu wenig zahlt, fliegt auf, so wie beim Team Gerolsteiner zwei Fahrer. Offenbar hat der Sponsor nicht genug Geld zur Verfügung gestellt. Anders beim Team des Tour-de-France-Siegers. Der Rennstall hatte ausreichend Geld, um eine Publizierung der Ergebnisse zu verhindern. Dass kein einziger Fahrer des Teams, das die Tour im Jahr 2008 so dominiert hat, mit unerlaubten Mitteln gearbeitet haben soll, ist unglaubwürdig. Es liegt nahe, dass es Dopingsünder in dem Team gab, aber das wurde nicht öffentlich gemacht, weil genug Geld an die ASO geflossen ist.

  7. tja, ich habe dem radsport wirklich lange die treue gehalten und mich nicht von dopingfällen beeindrucken lassen und das ganze z.T. auch als notwendiges übel gesehen. das problem ist spanien, dort gibt es privat-labore die immer schwerer, nachweisbare dopingmittel und möglichkeiten erfinden und durchführen (differenziertes blutdoping). leider sind die deutschen was die erfindung neuer dopingmittel, im übrigen auch die franzosen, immer mehr im nachteil und nehmen mittel die leicht nachweisbar werden. aber zurück zu meiner enttäuschung, also entweder freigabe oder bessere kontrollen. da ich an letzteres nicht glaube, weil das katz und mausspiel zwischen spanischen und französischen laboren weitergehen wird, kann nicht mehr von sport, und damit von gleichen regeln für alle, gesprochen werden. deswegen verzichte ich auch nächstes jahr, nach 10 jahren, auf die berichterstattung der tour de france weil es kein wettbewerb unter gleichen ist, sondern ein wettbewerb von fixern die angst haben sich mit nem halben kilo erwischen zu lassen. traurig, ... aber leider wahr. ich hoffe im übrigen das es keine berichterstattung durch medien welcher coleur auch immer geben wird, aber ich denke das es noch genug anstand auch unter journalisten gibt, junkies auf ihrem trip durch frankreich, italien und spanien nicht zu zeigen. - stay clean

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service