Dieser Tag, der einmal in die Geschichtsbücher eingehen wird, ist ein grauer Oktobertag. Es ist noch nicht richtig hell, als auf den Treppen des Reichstags in Berlin schon starkes Getriebe herrscht. Eine Stunde eher als üblich beginnt die Debatte. Denn diesmal muss alles schnell gehen. Noch am Freitag soll das 500-Milliarden-Paket zur Rettung der Banken von allen politischen Instanzen beschlossen werden. Wenn am Montag die neue Börsenwoche beginnt, soll das Gesetz gültig sein.

Die Abgeordneten wissen, was sie hier entscheiden. Für viele geht es nicht nur um ein Gesetz mit einem ungeheuerlichen Finanzvolumen. Sie empfinden es als Zeitensprung. Ein junger Parlamentarier, sagt, ihm sei heute Morgen der Song von REM durch den Kopf gegangen. " It’s the end of the world as we know it" .

Drinnen sind die Stuhlreihen so gut besetzt wie sonst fast nie, sogar die Ministerbank. Selbst der unglückliche Wirtschaftsminister von der CSU, Michael Glos, über den in den vergangenen Tagen viel gespottet wurde, weil er außer Volksweisheiten zur Krise kaum etwas beizutragen hatte, ist pünktlich da. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) kommt mit wehendem Jackett in den Raum geeilt. Für den Wirtschaftsminister hat er nur einen kurzen Händedruck. Dann muss er weiter, die Kanzlerin begrüßen.

Die vergangenen Wochen haben die beiden zusammengeschweißt. Über die Kanzlerin spricht der sonst für seinen harschen Humor bekannte Finanzminister nur noch mit höchster Anerkennung. Ungezählte Krisensitzungen haben sie zusammen durchgestanden, haben auch Fehler gemacht - die Opposition zu spät informiert, die Ministerpräsidenten vor vollendete Tatsachen gestellt - und doch am Ende gemeinsam dieses Paket aus dem Boden gestampft.

Nun wirken sie "wie an den Schultern zusammengewachsen", schrieb der Spiegel . Ein lebender Beweis dafür, dass die Große Koalition durch die Krise eine neue Rechtfertigung erhalten hat, selbst wenn es am Ende vielleicht ihre einzige sein wird.

Um wirklich zu verstehen, wie sehr sich die Lage im Land innerhalb von vier Wochen verändert hat, muss man zurückblicken. Nur einen Monat ist es her, dass hier im Bundestag die Haushaltsdebatte stattfand. Damals, am 16. September, stand am Rednerpult ein selbstbewusster Finanzminister. Stolz verkündete er, dass die Bundesregierung ihr Ziel erreichen werde, 2011 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Finanzkrise? Nicht bei uns, beschied Steinbrück damals. Man solle nicht vom "Untergang des Abendlandes" faseln.

Nur einen Tag zuvor war in den USA die Investment-Bank Lehman Brothers kollabiert, drei Tage später schlug Washington ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket für den amerikanischen Finanzsektor vor. Die Bundesregierung lehnte eine Beteiligung ab.