Buchmesse "Ach ja, ihr Literaten"
Christopher Kloeble, 26, ist mit seinem Debütroman zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast. Eindrücke eines Debüts
Der erste 1. Tag:
Schon im Zug von München nach Frankfurt fängt es an: Man spürt die Buchmesse. Oder meint zumindest, sie zu spüren. Jeder Lesende scheint mir suspekt. Tatsächlich verlassen bereits in Nürnberg die meisten Fahrgäste den ICE. Und anstatt mit meiner russischen Sitznachbarin über Literatur zu diskutieren, darf ich ihr eine SMS auf dem Handy vorlesen, die sie soeben erhalten hat (Lesebrille vergessen).
Den Weg zum Messegelände zu finden, ist die leichteste Übung. Einfach dem Strom jener Leute entgegenlaufen, die – mit dem zufriedenen Gesichtsausdruck des erfolgreichen Schnäppchenjägers – ihre vollgestopften Verlagstüten in Sicherheit bringen.
Im Messegebäude angekommen, folge ich den Wegweisern zu meinem Verlag. Auf einem der Flure eilt mir ein braungebrannter Ulrich Wickert entgegen. Als sich unsere Blicke begegnen, steckt er schnell seine Nase in ein Buch – sein Buch?
Am dtv-Stand angekommen, suche ich nach meinem Roman. Er ist nicht da.
Mir wird ganz anders. Ich hetze die Regale entlang, laufe vor und zurück - und entdecke ihn endlich, links, in der zweiten Reihe von oben. Wage es allerdings nicht, mich ihm zu nähern. Zu fremd scheint mir die Tatsache, dass der Name, der auf dem Cover steht, mein eigener sein könnte. Lieber nehme ich erst einmal auf einem der Stühle Platz.
Eine Dame von dtv weist mich freundlich darauf hin, dass diese Plätze für "Leute vom Verlag“ reserviert seien. Und da passiert es zum ersten Mal: Ich stelle mich als "Autor" vor. Die Dame rollt mit den Augen, entschuldigt sich vielmals und zieht sich verlegen grinsend zurück.
Danach beginnt das Händeschütteln. Sich jeden Namen zu jedem neuen Gesicht zu merken: eine Unmöglichkeit. So zieht der restliche Tag in einer Flut der Begrüßungen und Plaudereien vorüber. In einem Moment sitze ich noch beim gemeinsamen Abendessen über meinem Straußensteak und staune über das Honorar meiner amerikanischen Kollegin, im anderen scheitern vier Verlagsmenschen und zwei Autoren (einer davon ich) daran, den Rücksitz unseres Sammeltaxis nach vorn zu klappen. Der Taxifahrer erledigt das mit einem lässigen Handgriff: "Ach ja, ihr Literaten.“
Der erste 2. Tag:
Vor Frankfurt hatte ich mich mit dem Gedanken gewappnet, dass ich dort unzählige Bücher und Autoren sehen würde, von denen ich noch nie im Leben etwas gehört oder gelesen habe. Was ich jedoch nicht erwartet hatte, war die schier endlose Zahl von Verlagen. Ganz zu schweigen von den Massen an Besuchern, die sich die Gänge entlangschieben wie auf einem großen Basar. Man schlendert von einer Attraktion zur nächsten, erwirbt Souvenirs, nippt an einem Gläschen Wein, kostet eine türkische Delikatesse und lässt sich mit einem netten Mann im Langenscheidtkostüm fotografieren.
Überhaupt werden viele Fotos geschossen. Vor allem von Autoren. Und zwar immer von denselben Fotografen vor denselben Motiven. Die Autoren stehen an, um unter freiem Himmel vor dem Quader mit dem roten Strich oder der königsblauen ARD-Wand geknipst zu werden. Man wird gebeten, das eigene Buch vor die Brust zu halten, dicht unters Kinn, was irgendwie die Erinnerung an ein Fahndungsfoto wachruft.
Andererseits ist man dort zumindest an der frischen Luft. Die kann nämlich bei Interviews in den Rückzugsräumen des Verlags, die etwa so geräumig sind wie eine Umkleidekabine im Schwimmbad, schon mal etwas dünn werden.
Der erste 3. Tag:
Nun sitze ich hier und tippe. Es ist sechs Uhr morgens. Im Zimmer über mir übt jemand Gehen in Stöckelschuhen. Sonne kann ich draußen noch keine ausmachen – gut so. Ein wenig Zeit bleibt noch.
Welche Eindrücke werden bleiben von meiner ersten Frankfurter Buchmesse?
Dass die Aufschrift "This is a Minivan“ im Sammeltaxi übersetzt wird mit "Das ist ein Großraumwagen“?
Dass Jasmin Tabatabai viel kleiner ist als ich dachte und furchteinflößend die Miene verziehen kann, sobald sie bemerkt, dass man sie erkannt hat?
Dass es kaum ein beunruhigenderes Gefühl gibt als zu beobachten, wie ein potenzieller Leser im eigenen Buch herumblättert, die Stirn runzelt und es dann zurück ins Regal stellt?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: man kommt wegen der Bücher, doch in Erinnerung bleiben werden ganz andere Dinge.
- Datum 17.10.2008 - 16:53 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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